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Chancen intersektionaler Ansätze für die rassismuskritische und diskriminierungssensible Arbeit

Mit fachlichen Impulsen zum Thema Intersektionalität setzten sich die Teilnehmenden im Fachaustausch am 22. Juni 2021 auseinander. Ein Fokus richtete sich darauf, Handlungsstrategien ausfindig zu machen.

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Welche Chancen bieten intersektionale Ansätze für die Projektarbeit im Bundesprogramm "Demokratie leben!" und wie können intersektionale Perspektiven in die Fachpraxis übertragen werden? Unter anderem mit diesen Fragen setzen sich die Teilnehmenden des digitalen Fachaustauschs auseinander. Sie nutzen den virtuellen Raum, um tiefer in die Thematik einzusteigen und vertraten dabei Modellprojekte des Handlungsfelds Vielfaltgestaltung, wissenschaftliche Begleitprojekte und Kompetenzzentren und -netzwerke.

Der Fachaustausch bot hierbei Raum zur Begegnung, um die Kenntnisse und Expertisen unterschiedlicher Organisationen und Institutionen zu bündeln. Dabei suchten die Teilnehmenden vor allem den Austausch untereinander.

Intersektionalität

Der Begriff Intersektionalität wurde Ende der 80er-Jahre geprägt und geht darauf ein, dass Diskriminierung nicht eindimensional geschieht. Der Impulsvortrag von Saboura Naqshband und Dr. Hanna Mai vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM) ordnete den wissenschaftlichen Diskus um die Thematik der Mehrfachdiskriminierung unter anderem im historischen Kontext ein, denn dieser geht auf die Erfahrungen Schwarzer Feministinnen in den USA zurück, die nicht nur wegen ihres Geschlechts diskriminiert wurden, sondern auch wegen ihrer Hautfarbe oder Klassenzugehörigkeit. Zudem gibt es mehrere Ebenen auf denen Intersektionalität beleuchtet wird, zum Beispiel auf individueller, struktureller oder institutioneller Ebene.

Was bedeutet Intersektionalität in meiner Projektarbeit? Die Antworten auf diese Frage sind grafisch aufbereitet und lauten beispielsweise: Herausforderung, Machtkritik, Vielfalt, Komplexität, Bereicherung, Verschränkungen.
Umfrage: Was bedeutet Intersektionalität in meiner Projektarbeit?

Für die Projektarbeit im Bundesprogramm liegen in den intersektionalen Ansätzen Chancen, um Erfahrungen auch in einen wissenschaftlichen Diskurs zu setzen, aber es gibt laut den beiden Referentinnen mehrere Herausforderungen. Da mehrere Diskriminierungsformen auftreten, fehlt möglicherweise zusätzliche Expertise, da diese oftmals über das eigene Themenfeld hinaus benötig wird. Projektübergreifende Netzwerke müssen zudem ausgebaut werden, um auf das Thema zum Beispiel in ländlichen Regionen aufmerksam zu machen. Dass Intersektionalität vielleicht auch ein zu stark akademisiertes Konzept ist, nahmen die Teilnehmenden später in ihren Diskussionsrunden auf. Sie stellten dabei unter anderem den theoretischen Begriff "Intersektionalität" in Frage und diskutierten, wie dieser in die Praxis übertragen werden sollte, um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, das sich nicht nur an Fachkräfte richtet.

In sieben digitalen Diskussionsräumen ging es einerseits um das Verständnis von Vielfalt und die Frage, ob Vielfalt automatisch intersektional ist. Anderseits wurden weitere Räume geschaffen, um über Intersektionalität

  • in der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen,

  • in der frühkindlichen Bildung, 

  • mit der Perspektive auf Islam- und Muslimfeindlichkeit sowie

  • im Rassismus gegen Schwarze Menschen und

  • in Bildungsorganisationen

zu sprechen. Außerdem widmete sich ein Raum der Frage, wie das Lernen in heterogenen Gruppen gelingen kann.

Es gab zwei Aspekte die immer wieder aufgegriffen und auch in den zusammengetragenen Handlungsempfehlungen diskutiert wurden.

Diversität und Selbstreflexion im Team

Damit eindimensionale Sichtweisen aufgebrochen werden können, sollten Teams in Hinblick auf Diversität entstehen, denn die Erfahrungen von allen zusammen sind wertvoll, um Diskriminierungen sichtbar werden zu lassen. Dabei sei es wichtig, sich selbst, aber auch den eigenen Verein, die eigene Organisation stets zu reflektieren, um die Zusammensetzung des Teams auch hinterfragen zu können.

Expertisen nutzen

Was Intersektionalität ermöglichen kann: Die objektive Betroffenenrolle zu verlassen, um die eigene Expertise wahrzunehmen und als Stärke zu nutzen, zum Beispiel um andere mit dem eigenen Wissen zu unterstützen und zu begleiten. Expertinnen und Experten haben darüber hinaus die Möglichkeit, auch Fachkräften neue Einblicke zu geben. Die Bandbreite der verschiedenen Betroffenheiten und ihre Verflechtungen miteinander sollte dabei deutlich gemacht werden. Die Teilnehmenden sprachen weiterführend darüber, dass Expertise auch dann anerkannt werden sollte, wenn diese nicht sofort offensichtlich ist.

Vernetzung als Aufgabe des Bundesprogramms

Der Fachaustausch zeigte sich auch diesmal als eine Vernetzungsmöglichkeit für die Teilnehmenden und als Impulsgeber für die Arbeit des Bundesprogramms "Demokratie leben!" und der Programmpartnerinnen und -partner.  Die rund 70 Teilnehmenden äußerten zudem ihr Interesse an weiteren Formaten zum Thema Intersektionalität. Die Resonanz und die Ergebnisse verdeutlichen: In der Praxis ist das theoretische Wissen um und über Intersektionalität gewinnbringend, trotz oder gerade wegen einiger Herausforderungen. Das Wissen über Mehrfachdiskriminierungen wird die Projektarbeit daher auch in Zukunft begleiten, die Vernetzung und der Austausch untereinander nimmt dafür eine zentrale Rolle ein.