Grafik mit Stadt-Silhouette und Sprechblasen: Sollen die Mannheimer Quadrate autofrei werden? Hat Mannheim 2016 zu viele Flüchtlinge aufgenommen? Gehen Arbeitsplätze vor Klimaschutz?

Im Gespräch bleiben – trotz unterschiedlicher Meinungen

Mit dem Gesprächsformat "Mannheim spricht" können neue Impulse für die Stadt gesetzt werden, indem Menschen sich im Tandem austauschen. So haben sie die Chance, trotz oder gerade wegen ihrer unterschiedlichen Meinungen, über politische und gesellschaftliche Fragen zu diskutieren.

Pinselstrich

Mit Rücksicht und Respekt die eigene Meinung vertreten, kontrovers diskutieren und unterschiedliche politische Positionen in den Austausch bringen – all das stärkt die politische Debatte. Wenn zwei Menschen mit völlig gegensätzlichen Meinungen ins Gespräch gehen, kann das dafür sorgen, Diskussionsräume trotz strittiger Themen zu stärken. Solch ein Meinungsaustausch konnte mit dem Projekt "Mannheim spricht" gefördert werden. Grundlage war das Gesprächsformat "Deutschland spricht" von ZEIT Online, welches Menschen mit kontroversen Meinungen zusammenbringt.

Die Themen sind vielfältig und reichen vom Krieg in der Ukraine über den Atomausstieg bis hin zur Corona-Pandemie. Mittlerweile kommen Menschen weltweit über die aus dem Format entstandene Plattform "My Country Talks" in den Austausch. Und es hat sich gezeigt: Was mit dem Gesprächsformat gut funktioniert, findet auch in Mannheim Anklang. Die Stadt setzte das Format 2021 und 2022 als eine der ersten Städte in Deutschland auf kommunaler Ebene um. "Die Mannheimerin Katharina Missling hatte die Idee der regionalen Umsetzung und brachte sie im Beteiligungshaushalt 2019 der Stadt Mannheim ein. Die Idee wurde von der Koordinierungs- und Fachstelle 'Mannheimer Bündnis für ein Zusammenleben in Vielfalt' aufgegriffen", berichtet Monika Simikin, Bereichsleiterin in der Mannheimer Abendakademie. Schließlich konnte das Projekt unter anderem durch Fördermittel von der Partnerschaft für Demokratie Stadt Mannheim starten.

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Das Projekt "Mannheim spricht" ist 2021 gestartet und befindet sich in der Weiterentwicklung. Es gibt einen Rückblick auf bisherige Veranstaltungen auf www.mannheimspricht.de

Stühlreihen und vorn zwei Menschen an der Bühne
Veranstaltung zum Projekt, Bild: Mannheimer Abendakademie

"Mannheim spricht" startet

Die Gesprächsschwerpunkte – ein Mix aus politischen sowie mannheimspezifischen Fragen: Sollten Menschen ohne deutschen Pass wählen dürfen? Gehen Arbeitsplätze vor Klimaschutz? Sollten die Mannheimer Quadrate autofrei werden? "Ziel war es, Menschen mit unterschiedlicher Meinung zu kontroversen Themen zu finden, um den Austausch über Gräben hinweg zu ermöglichen", so Monika Simikin. Die Teilnehmenden konnten sich online mithilfe der Software aus "My Country Talks" anmelden. Sie beantworteten verschiedene Fragen, unter anderem auch zur eigenen Person. Ein Algorithmus wählte dann Personen mit weit auseinanderliegenden Meinungen aus. Die entstandenen Tandems konnten sich selbstständig für eine Veranstaltung von "Mannheim spricht" verabreden. Die vorab gestellten persönlichen Fragen haben dabei einen kurzen Einblick gegeben, mit wem man sich eigentlich trifft.

Umsetzung

Das Projekt wurde durch die Stadt Mannheim, das Mannheimer Bündnis sowie die Abteilungen Bürgerbeteiligung und Informationstechnologie, die Mannheimer Abendakademie, die Volkshochschule und die Universität Mannheim, den Kulturparkett Rhein-Neckar e. V. sowie die Ideengeberin ermöglicht.

"Ziel war es, Menschen mit unterschiedlicher Meinung zu kontroversen Themen zu finden, um den Austausch über Gräben hinweg zu ermöglichen."

Monika Simikin, Bereichsleiterin in der Mannheimer Abendakademie

Zudem ermöglichten lokale Medien für das Format zu werben, beispielsweise stellte die Verkehrsgesellschaft Flächen zur Plakatierung in Straßenbahnen bereit. Die Resonanz auf "Mannheim spricht" war hoch und in beiden Jahren bestand ein großes Interesse an der Fortführung, allerdings zeigte sich eine Herausforderung: "Schon im ersten Durchlauf wurde deutlich, dass die Menschen, die wir erreichten, bereits offen und gesprächsaffin waren, dass sie aus ähnlichen Blasen kamen", sagt Monika Simikin. "Es gab viele Rückmeldungen, dass man sich mehr Gegensätze erhofft habe, mehr Beteiligte aus einem anderen politischen Spektrum, mehr abweichende Meinungen."

Weiterentwicklung mit "Schönau spricht"

Das Projekt entwickelte sich 2023 mit "Schönau spricht" weiter, wobei Schönau ein Stadtteil Mannheims ist. In einem Neighbourhood Dating, also einer Form des Nachbarschaftstreffs, fanden Dialoge zwischen Unbekannten vor Ort statt. "Das Format war niederschwellig, man konnte einfach vorbeikommen und Gespräche führen", sagt Monika Simikin. Dem Team des Projekts war es wichtig, Menschen zu erreichen, die vorher so nicht erreicht wurden. Es sollte ein Gesprächsort entstehen, um offen die eigene Meinung mitzuteilen und nicht nur Meinungen von anderen zu hören. Das gegenseitige Zuhören ist ein Schlüsselpunkt. "Angesichts des populistischen Klimas, vieler von der Politik enttäuschter Menschen, sich verstärkender Rückzugstendenzen wird es immer wichtiger, mehr Menschen einzubeziehen und sich nicht in den üblichen Blasen zu bewegen."

Tandem-Format für neue Dialogräume

Für 2024 gibt es noch keine finanzielle Förderung für das Format, doch das wollen die Engagierten ändern, damit unter anderem wieder eine aktuelle Website zum Austausch entsteht. Ideen für konkrete Gesprächsthemen gibt es bereits ebenso wie Diskussionsbedarf, und dafür würde das Team gern Diskussionsräume schaffen. "Wie kann man Neighbourhood Dating so gestalten, dass Austausch stattfinden kann und möglichst viele Akteurinnen, Akteure vor Ort einbezogen werden? Wir wünschen uns ein Format, in dem Befindlichkeiten geäußert werden können, einen Dialograum, der einlädt – in dem man sich wohlfühlt." Das Tandem-Format soll für den geschützten Gesprächsraum erhalten bleiben, denn "Beteiligte können sich auf ein Thema fokussieren, ohne dass sofort neue Felder eröffnet werden, wie es in Runden oft geschieht", so Monika Simikin.

Es gab bereits Nachfragen aus verschieden Quartieren in Mannheim zum lokalen Format, unterschiedliche Standorte sind von Interesse, um im Gespräch zu bleiben und die Idee von "Mannheim spricht" weiterzutragen.


Veröffentlicht im April 2024