Diskriminierungen wie Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und LSBTIQ*-Feindlichkeit treten im Alltag nicht nur isoliert auf, sondern können gleichzeitig wirksam werden. So kann eine Person zum Beispiel ebenso von Rassismus wie von Behinderten-Feindlichkeit (Ableismus) betroffen sein. Hinzukommen können weitere Phänomene wie Sexismus oder Klassismus, also Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder des sozialen Status.
Das Zusammenwirken mehrerer Diskriminierungen wird als Intersektionalität bezeichnet. Dabei liegt der Fokus hier auf der Tatsache, dass mehrere Diskriminierungen nicht nur gleichzeitig auftreten (das wäre Mehrfachdiskriminierung), sondern auch neue Formen hervorbringen können, die mehrere Diskriminierungen verknüpfen.
Durch intersektionale Perspektiven und machtkritische Analysen sollen Strukturen identifiziert und bestenfalls aufgelöst werden, die zu intersektionaler Diskriminierung führen. Der EU-Aktionsplan gegen Rassismus (2020–2025) greift bereits intersektionale Ansätze zur Bekämpfung von rassistischer Diskriminierung auf. Seit 2025 widmen sich im Bundesprogramm "Demokratie leben!" verschiedene Projekte intersektionaler Diskriminierung sowie Mehrfachdiskriminierung in unterschiedlichen Kontexten.
Intersektionalität in der Schule
So befasst sich das Projekt "Speak-Up for Diversity!" des Dachverbands der Migrantinnenorganisationen (DaMigra) schwerpunktmäßig mit intersektionalen Diskriminierungen, denen migrantische und geflüchtete Mädchen unter anderem durch das Bildungssystem ausgesetzt sind. "Sie erleben in Schulen aufgrund ihrer ethnischen und sozialen Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sprache und ihres Geschlechts erhebliche Barrieren", sagt Referentin Lisa Käbel vom DaMigra. "Wohnsituationen mit beengtem Raum, ungünstige Lernbedingungen und eine frühzeitige Leistungsbewertung erschweren den Zugang zu höheren Bildungswegen. Hinzu kommen veraltete Lehrpläne und Schulbücher, die rassistische und koloniale Narrative aufrechterhalten."
Intersektionalität "verbindet die Realität marginalisierter Gruppen mit Systemkritik."
Lisa Käbel vom Dachverband der Migrantinnenorganisationen
Das Konzept der Intersektionalität "verbindet die Realität marginalisierter Gruppen mit Systemkritik", erklärt Käbel. Für Schülerinnen und Schüler, pädagogisches Fachpersonal und Eltern entwickelt das Projekt unter anderem Workshops und einen Methodenkoffer, um individuelle Antworten auf gesellschaftliche Fragen zu finden. Dazu gehört auch der Austausch in geschützteren Räumen (Safer Spaces), zum Beispiel für Mütter mit Migrations- und Fluchtgeschichte. Hierzu berichtet Käbel: "Wir erleben ihre erleichterten Reaktionen darauf, mit dem Wissen über Diskriminierungsformen und ihre Zusammenhänge überhaupt 'Werkzeuge' in die Hand zu bekommen, um eigene Erfahrungen zu 'validieren', einzuordnen, sich zu wehren."
Intersektionalität im Frauenhaus
Der Verein Frauenhauskoordinierung beschäftigt sich im Projekt "Unterschiedlich und doch stark: Intersektionalität im Frauenhaus begegnen" mit strukturellen Ausschlüssen. Wichtig ist dabei, so Projektreferentin Sheena Anderson: "Diese Herausforderungen sind keine individuelle Verantwortung von Frauenhausmitarbeiterinnen, sondern das Ergebnis der langjährigen fehlenden strukturellen Unterstützung für Frauenhäuser und Gewaltschutzarbeit als zentrale Elemente unserer Demokratie."
"Menschen haben sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen und erleben diverse Diskriminierungen."
Sheena Anderson vom Verein Frauenhauskoordinierung
Das Wissen über Intersektionalität unterstützt Fachkräfte in Frauenhäusern dabei, Diskriminierungsformen in ihrer Arbeit besser zu berücksichtigen: "Menschen haben sehr unterschiedliche Ausgangsbedingungen und erleben diverse Diskriminierungen. Ein intersektionaler Blickwinkel hilft uns dabei, diskriminierungssensible Veränderungsprozesse anzustoßen, um vielfältigen Lebensrealitäten gerechter zu werden." Intersektionale Perspektiven stoßen laut Anderson innerhalb der Frauenhausarbeit auf viel Offenheit und Interesse.
Intersektionalität bei Beschwerdestellen
An kommunale Anlauf- und Beschwerdestellen wendet sich das Projekt "BERTHA – Qualifizierungs- und Vernetzungsformate für Anlauf- und Beschwerdestellen in kommunalen Einrichtungen" des Antidiskriminierungsverbands Deutschland (advd). Es bietet Unterstützung für Mitarbeitende, "diskriminierungssensibel und rechtssicher mit Diskriminierungsbeschwerden umzugehen", so Franziska Schwantuschke vom advd. Betrachtet man die Arbeit unter den Aspekten der Intersektionalität, wird "sichtbar, wo Verfahren oder Strukturen angepasst werden müssen", erläutert Schwantuschke weiter.
Intersektionalität macht "sichtbar, wo Verfahren oder Strukturen angepasst werden müssen".
Franziska Schwantuschke vom Antidiskriminierungsverband Deutschland
Mit Schulungen und kollegialen Austauschrunden werden Mitarbeitende unterstützt, intersektionale Diskriminierung zu erkennen. "Die Rückmeldungen sind sehr positiv. Viele sagen, sie hätten endlich ein Angebot, das rechtliches Wissen mit einer machtkritischen Perspektive verbindet. Die Nachfrage ist groß", berichtet Schwantuschke aus dem Feedback der Teilnehmenden.
Intersektionalität im Kontext queerer Selbsthilfegruppen
Den Überschneidungen von LSBTIQ*Feindlichkeit und weiteren Kategorien wie Behinderung, Alter oder Fluchterfahrung widmet sich das Projekt "Diqui – Demokratie ist queer und intersektional" des Vereins rubicon. Das Projekt geht dabei in zwei Schritten vor: Zunächst wird die interne Förderung queerer Selbsthilfegruppen vorangetrieben, um anschließend Kooperationen mit städtischen Strukturen, Gruppen und Organisationen aufzubauen.
"Es erreichen uns Anfragen für Austausch und Kooperationen, die den Bedarf an intersektionaler Arbeit deutlich machen."
Johanna Niemann von rubicon
Damit stößt das Projekt auf positive Resonanz: "Es gibt großes Interesse aus den queeren Communitys, von unseren Selbsthilfegruppen sowie von externen Organisationen. Es erreichen uns Anfragen für Austausch und Kooperationen, die den Bedarf an intersektionaler Arbeit deutlich machen", erklärt Projektreferentin Johanna Niemann.
Alle Projekte des Themenfelds "Intersektionalität und Mehrfachdiskriminierung" im Bundesprogramm "Demokratie leben!" tragen so dazu bei, komplexe Lebensrealitäten und Diskriminierungen sichtbar zu machen. Institutionen und Initiativen werden unterstützt, ihre Strukturen und Verfahrensweisen anzupassen, um allen Mitgliedern der Gesellschaft mehr Chancengerechtigkeit und gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.
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Veröffentlicht im März 2026 / Verfasst im August 2025
Rubrik
Vielfaltgestaltung