Die jüdische Geschichte Göppingens ist vielfältig: So gibt es einen Erinnerungsweg zum jüdischen Leben in der Region, ein jüdisches Museum im Ortsteil Jebenhausen und 120 Stolpersteine – doch bleiben die Geschichten dahinter meist verborgen. Ein Theaterensemble aus der Region hat es sich zur Aufgabe gemacht, dies mithilfe einer App zu ändern.
Stolperstein-App "Ihre Heimat"
Die App "Ihre Heimat" bringt die Schicksale hinter den Stolpersteinen in Göppingen und Umgebung den Nutzenden näher. Stolpersteine sind handgefertigte Kunstobjekte, die als Blickfang in den Gehweg eingelassen werden. Auf jedem dieser Steine ist ein Name eingraviert. Es sind die Namen der Menschen, die als Verfolgte des Nationalsozialismus umgekommen sind. Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte in Göppingen die Gedenksteine vor den jeweiligen Häusern der Opfer.
Mithilfe der Stolperstein-App werden die Personen hinter den Namen nun begreiflich. Sie bekommen ein Gesicht und eine Geschichte, um so dem Vergessen zu widerstehen. Bürgerinnen und Bürger der Region treten dabei als Sprecherinnen und Sprecher auf. Die Partnerschaft für Demokratie in Göppingen unterstützt das Projekt.
"Die Idee zur Stolperstein-App entstand aus dem Wunsch, diese Erinnerung sichtbar und zugänglich zu machen – besonders für junge Menschen", sagt Harald Maas, Leiter der Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie. "Für uns als Partnerschaft für Demokratie ist die App weit mehr als ein digitales Informationsangebot. Sie verbindet historische Bildung mit modernen Zugängen und eröffnet neue Möglichkeiten, Menschen für demokratische Werte zu sensibilisieren."
Die digitalen Inhalte zu den Stolpersteinen wurden von dem Theaterensemble "Eure Formation" erarbeitet. Es sind Audioaufnahmen entstanden, die von Göppingerinnen und Göppingern eingesprochen wurden, Animationsfilme, die die Geschichte verdeutlichen, und zwei "Augmented-Reality"-Videos, in denen Schauspieler auf dem Smartphone-Bildschirm in die "echte" Welt eingeblendet werden und die Menschen "hinter" den Stolpersteinen verkörpern. Aktuell werden digitale Inhalte für noch weitere Stolpersteine erstellt und geführte Touren erprobt. Außerdem werden Materialien für Lehrkräfte entwickelt, damit diese die App einfach und niedrigschwellig in den Unterricht einbauen können.
Lebendige Erinnerungskultur
Die Stolperstein-App steht für eine lebendige Erinnerungskultur und eine Demokratiearbeit, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet. "Wer eine Biografie in Bild und Ton erfährt, während er vor einem Stolperstein steht, erlebt Geschichte ganz anders – persönlicher, eindringlicher und nachhaltiger", so beschreibt Lukas Ullrich vom Theaterensemble "Eure Formation" die Intention hinter der App.
Eine lebendige Erinnerungskultur hat Tradition bei der Göppinger Partnerschaft für Demokratie. In den letzten Jahren wurden zum Beispiel immer wieder Besuche von Inge Auerbacher organisiert. Die Göppinger Ehrenbürgerin lebte als Kind in der Hohenstaufenstadt, wurde mit sieben Jahren nach Theresienstadt deportiert und überlebte als eines von wenigen Kindern das Konzentrationslager. Ein anderes Beispiel ist die Anne-Frank-Ausstellung "Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte", die die Partnerschaft für Demokratie nach Göppingen holte und die von mehreren tausend Menschen besucht wurde.
Breites Engagement-Netzwerk in Göppingen
Die Stadt Göppingen ist 2008 als eine der bundesweit ersten Kommunen mit dem Titel "Ort der Vielfalt" ausgezeichnet worden. Sie beteiligt sich seit 2007 an den Bundesprogrammen zur Demokratieförderung und stellt seit 2015 eine Partnerschaft für Demokratie im Bundesprogramm "Demokratie leben!". Ende 2025 waren in diesem Rahmen über 200 Projekte und Einzelmaßnahmen durchgeführt worden. 2026 wird bereits die achte "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" in das städtische Netzwerk aufgenommen.
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Veröffentlicht im Mai 2026