Projektarbeit

Nexus transfer – Psychotherapeutische Unterstützung für Ausstieg und Distanzierung im Bereich Rechtsextremismus

Im Projekt "nexus transfer" unterstützt die Charité Fachkräfte der Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit im Bereich Rechtsextremismus, indem sie sie mit Psychotherapeutinnen und -therapeuten zusammenbringt. Projektleiterin Anna-Lena Bröcker spricht über Hintergründe, Zielgruppen und Vorgehensweisen.

Magazin: Wie ist die Idee zu dem Projekt entstanden?

Anna-Lena Bröcker: Seit 2023 gehört das Beratungsnetzwerk "nexus" zur Charité – Universitätsmedizin Berlin und bietet eine psychotherapeutisch-psychiatrische Perspektive für die Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit bei Menschen an, die sich in extremistische Gruppen und Ideologien verstrickt haben. Der Fokus lag bisher im Phänomenbereich islamistischer Radikalisierung und die Arbeit wird hier in diesem Bereich durch das Kompetenzzentrum Islamismusprävention und Deradikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und die Landeskommission Berlin gegen Gewalt gefördert.

Das Angebot von "nexus" entstand vor dem Hintergrund des steigenden Bedarfs an psychotherapeutischer Unterstützung seitens der Fachberatungsstellen der Distanzierungs- und Ausstiegsarbeit. In diesem Bereich konnten Formate in der Zusammenarbeit mit Fachkräften der Beratungsstellen etabliert werden, die sich mit dem Innovationprojekt "nexus transfer" nun auf den Bereich des Rechtsextremismus übertragen lassen.

Magazin: Gibt es neben den Fachberatungsstellen noch weitere Zielgruppen?

Anna-Lena Bröcker: Ein zusätzliches Anliegen des Projekts ist es, die Erfahrungen im Feld für heilberufliche Kolleginnen und Kollegen aufzuarbeiten, also für ambulante oder stationär tätige Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten und solche, die sich noch in Aus- oder Weiterbildung befinden.

Unser Team setzt sich zudem dafür ein, eine psychotherapeutische Perspektive gezielt in die Arbeit von zivilgesellschaftlichen und staatlichen Akteurinnen und Akteuren zu integrieren und weitere Kolleginnen und Kollegen der Heilberufe für die Arbeit mit Menschen mit rechtsextremen Handlungstendenzen zu gewinnen. Das Team sensibilisiert dabei für einen verstehenden Ansatz und die Bedeutung entwicklungspsychologischer Prägungen.

Magazin: Was beinhaltet dieser Ansatz?

Anna-Lena Bröcker: Fragen, die wir als zielführend erleben und gerne vermitteln sind beispielsweise: "Welche Enttäuschungen oder Verletzungen soll die extremistische Haltung lindern, welche Sicherheiten soll sie ersetzen und welche Ängste beruhigen?" und auch "Inwiefern ist diese Haltung bereits zu einem festen Teil der Identität und des Selbstkonzeptes geworden?" Dieser verstehende Ansatz schafft neue Möglichkeitsräume und erweitert Handlungsspielräume und Ideen im Umgang mit Klientinnen und Klienten.

Magazin: Wer sind diese Klientinnen und Klienten?

Anna-Lena Bröcker: Der Projektschwerpunkt liegt in Berlin und Ostdeutschland und richtet sich an Akteurinnen und Akteure der sekundären und tertiären Präventionslandschaft. Menschen, die hierbei im Blick sind, reichen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit ersten Berührungspunkten bis hin zu Personen, die bereits handfeste Radikalisierungstendenzen aufweisen und zum Beispiel mit der Justiz in Kontakt gekommen sind.

Magazin: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Fachkräften?

Anna-Lena Bröcker: Die Zusammenarbeit mit Fachkräften vor Ort ist vielfältig und an spezifischen Bedarfen ausgerichtet. Der Vernetzung und multidisziplinären Zusammenarbeit kommt hierbei eine besondere Bedeutung zu. Bei wachsendem Bedarf im Bereich der Rechtsextremismusprävention war es dem Team wichtig, bestehende Expertise aus der Arbeit im Feld der Islamismusprävention zu transferieren sowie Kolleginnen und Kollegen der Heilberufe zu unterstützen und dort abzuholen, wo sie sich mit zunehmenden ideologischen Elementen und entsprechenden Handlungstendenzen ihrer Patientinnen und Patienten konfrontiert sehen. Es scheint ein besonderes Interesse und Problembewusstsein bei Kolleginnen und Kollegen der Heilberufe zu bestehen, das inneren sowie strukturellen Hemmnissen gegenübersteht.

Magazin: Wie sehen diese Hemmnisse aus und wie begegnen Sie ihnen?

Anna-Lena Bröcker: Innere Hemmnisse können Ängste und Unsicherheiten sein, weil der Bereich unbekannt ist, fachspezifisches Wissen fehlt oder auch verkürzte Annahmen zu Gewalt bestehen. Strukturelle Hemmnisse treten zum Beispiel in Form von Störungen der institutionellen Verständigung auf. Sie können zu Unklarheit darüber führen, wer die Verantwortung trägt und Informationsverlust bedingen. Diesem Spannungsfeld zwischen Interesse und Hemmnissen möchten wir unterstützend, befähigend und reflexiv begegnen.
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Veröffentlicht im April 2026