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Zusammenrücken am Ostrand Berlins

Immer mehr Hauptstädter zieht es in die Peripherie, zum Beispiel nach Marzahn-Hellersdorf. André Isensee bemüht sich, dass in den Bezirk wieder Leben einkehrt und das Vertrauen in die Politik wächst. Eine Begegnung im östlichen Berlin.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

André Isensee bemüht sich, dass wieder ein selbstbewusster, lebendiger Kiez entsteht, Bildnachweis: Peter van Heesen
André Isensee bemüht sich, dass wieder ein selbstbewusster, lebendiger Kiez entsteht, Bildnachweis: Peter van Heesen

Eine gute dreiviertel Stunde lang schlängelt sich der zweifarbige S-Bahn-Wagen durch den Berliner Großstadtdschungel. Vom Hauptbahnhof aus geht es weit in den Osten der Bundeshauptstadt. Trotz seiner nicht ganz so exklusiven Lage ist Marzahn-Hellersdorf begehrt wie seit DDR-Zeiten nicht mehr. Der Leerstand von Plattenbauten beträgt heute gerade einmal zwei Prozent, 2002 waren es noch zwölf. In unmittelbarer Nähe zum brandenburgischen Nachbarn und verteilt auf fünf Ortsteile leben hier etwa 250 000 Menschen, Tendenz steigend. „Es ist wie eine eigene Großstadt, die nach ihrer ganz eigenen Logik funktioniert“, erklärt André Isensee. Der 35-Jährige bemüht sich, dass wieder ein selbstbewusster, lebendiger Kiez entsteht und die Bewohnerschaft an seiner Entwicklung mitwirkt. Es ist eine Aufgabe unter besonderen Vorzeichen.

Das kosmopolitische Flair, mit dem sich die Millionenmetropole gern schmückt, sucht man am östlichen Rand meist vergebens. Der Ausländeranteil liegt im einstelligen Bereich und ist damit im Vergleich zu anderen Stadtteilen wie Neukölln, Kreuzberg oder Wedding sehr gering. Allein das mache die Situation speziell, schildert Isensee. Auch die Sozialstruktur ist eine andere. Einerseits wachsen große Einfamilienhausgebiete im Süden, deren Bewohner besserverdienend sind, andererseits prägen mehretagige Plattenbauten das Bild, einige hübsch renoviert, andere leerstehend. „Ein Bezirk der Gegensätze“, wie Isensee ihn nennt. In den letzten Jahren seien völlig neue Nachbarschaften entstanden, die einige irritieren würden. Viele haben sich damit arrangiert, andere lehnen das ab. Aber allein der Geruch orientalischer Gewürze ist für manch einen ungewohnt.

Proteste gegen Flüchtlingsheim

Hinzu kommt die angespannte politische Situation. Im Sommer 2013 entbrannte ein heftiger Protest gegen die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft in der Carola-Neher-Straße für nun 400 Bewohner. Schon lange vor Pegida lud die „Bürgerbewegung Hellersdorf“ zum montäglichen Demonstrieren, bei dem die NPD längst das Zepter in der Hand hält. Außerdem sitzt die Partei mit zwei Abgeordneten in der Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf.

Auch die Zahl von Vorfällen mit rechtsextremistischem Hintergrund im Bezirk hat sich von 2014 auf 2015 nahezu vervierfacht. „Es ist eine Gemengelage entstanden, die nicht entsprechend aufgearbeitet wurde“, gibt Isensee zu. Inzwischen hat sich die mediale Aufregung wieder gelegt, Anti-Asyl-Demonstrationen gibt es allerdings immer noch und auch die Parolen sind dieselben geblieben.

In enger Zusammenarbeit mit dem Jugendamt geht es deshalb auch um das Kennenlernen zwischen Geflüchteten und alteingesessenen Bürgern. Rückhalt gibt es vom Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“. Um den bürgerschaftlichen Eifer und staatliches Handeln zu verbinden, sind insgesamt 218 „Partnerschaften für Demokratie“ entstanden – regionale Bündnisse, die vor Ort eine gemeinsame Strategie entwickeln.

Isensee kümmert sich seit vergangenem Jahr gleich um zwei Partnerschaften, aufgeteilt in die bis 2001 eigenständigen Bezirke Marzahn und Hellersdorf. Angestellt ist er bei der Stiftung SPI, eine Einrichtung der Berliner Arbeiterwohlfahrt mit sozialpädagogischem Hintergrund.

Wahlbeteiligung ist „unterirdisch“

Im letzten Jahr hat sich Isensee mit den Vereinen und Aktiven im Viertel auf die Themen geeinigt, die sie bearbeiten wollen. Willkommenskultur und Bürgerbeteiligung stehen ganz oben auf der Agenda. Immerhin beherbergt der Berliner Bezirk zahlenmäßig die meisten Unterkünften für Geflüchtete. Und auch die Wahlbeteiligung ist drastisch gesunken. „Unterirdisch“, sagt Isensee.

Daneben geht es um Projekte in Schule und Sport. „Die einzige Möglichkeit“, meint Isensee,  „wo wir auch mal Zugriff auf die Eltern haben – mit Elterncafés oder Fairplay-Aktionen“. Ideen gebe es bislang noch zu wenige, obwohl der Bedarf riesig ist. Die Umsetzung scheitere auch an den lokalen Gegebenheiten. „Wenn die Kinder zuhause eine andere Gesprächskultur erleben, als in Bildungsprojekten vermittelt wird, fange ich jeden Tag wieder bei null an“, so der Soziologe.

Vorgeben will er die Inhalte allerdings nicht. Die Projekte sollen ihre eigenen Ziele verfolgen können, sofern der Begleitausschuss seine Zustimmung gibt. Die Mitglieder dieses Gremiums kommen größtenteils aus der Zivilgesellschaft aber auch aus Politik, Verwaltung und der Wissenschaft. Allein in Hellersdorf wurden im letzten Jahr 30 Projekte durchgeführt. Die Bandbreite reicht von Begegnungsprojekten bis hin zur klassischen politischen Bildung.

Organisiert wurden beispielsweise ein interkulturelles Fußballturnier oder ein Grillabend mit Politikern, die junge Menschen an ihrer Halfpipe oder Grafitti-Wand trafen. „Herrschaftsfreie Kommunikation“, verdeutlich Isensee. Außerdem ist ein Nachbarschaftsgarten entstanden, den die Bürgerschaft bewirtschaftet.

Zivilgesellschaft braucht Geduld

Von Seiten des Bundesprogramms stehen dafür jedes Jahr 25 000 Euro zur Verfügung, weitere 5000 gibt das Land Berlin dazu. Ein Pate oder eine Patin unterstützt die Engagierten bei der Umsetzung. „Die einen brauchen mehr Hilfe, die anderen weniger“, so Isensee, der auch selbst einige Projekte betreut. Auf Fachtagen und Fortbildungen können sich sowohl die häufig ehrenamtlich organisierten Aktiven als auch das Hauptamt weiterbilden und mit anderen austauschen. „Oft sitzen die Träger nur eine Straße auseinander, wissen aber nicht voneinander, weil sie zu verschiedenen Bezirksregionen gehören.“ Isensee ist überzeugt, dass die einzelnen Projekte viel voneinander lernen oder in Zukunft gar gemeinsame Vorhaben auf den Weg bringen können.

Abschließend geht es deshalb in den nächsten drei Jahren um die translokale Vernetzung. Isensee will die bestehenden Foren durch neue Netzwerke ergänzen. Seine Aufgabe sieht er vor allem darin, Austausch, Zusammenarbeit und nicht zuletzt Vertrauen zu schaffen. In anderen Stadtteilen entstehe Engagement ganz von selbst, die Zivilgesellschaft in Marzahn-Hellersdorf brauche hingegen noch etwas Geduld und einen Anstoß, meint Isensee. Optimistisch ist er aber in jedem Fall. Stolz berichtet er vom längsten Picknicktisch der Welt auf dem Kastanienboulevard, in den neunziger Jahren eine angesagte Adresse in Ost-Berlin. Im Winter 2015 zog in die triste Fußgängerzone wieder Leben ein.

Abseits des Weltbürgertums

173,54 Meter lang war die Tafel am Ende, jedes Tischteil ein Unikat. In nur sechs Wochen haben Schulklassen und Anwohner unterschiedlicher Herkunft die Idee zweier Hochschulen realisiert. Auch das nahegelegene Flüchtlingsheim war involviert. Apfelpunsch, Bratwürstchen und Waffeln wurden beim vorweihnachtlichen Beisammensein gereicht. Einen Teil des Geldes haben die Partnerschaften beigesteuert, das Isensee gut angelegt sieht. Ihm geht es darum, die Bürgerschaft wieder näher zusammenbringen – ein Miteinander zu schaffen.

Ob es allerdings für den ersehnten Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde gereicht hat, entscheidet sich in den nächsten Tagen. Noch heute werden die Tische rege genutzt, für ein spontanes Nachbarschaftsfrühstück oder eben ein Kaffeeklatsch mit Geflüchteten.

Für Isensee ist das der richtige Weg raus aus der Tristesse und weg von der Stigmatisierung als braune Region, die aufgrund der negativen Berichterstattung rund um die Ausschreitungen vor drei Jahren überwiege. „Was wir schaffen können, ist die weitere Entwicklung positiv zu gestalten. Dafür brauchen wir diese Bundesprogramme. Wir können nicht jedem Einzelnen einen neuen Arbeitsplatz vermitteln, einen höheren Bildungsabschluss organisieren oder in der Kindererziehung unterstützen – auch wenn das dringend notwendig ist. Wir wollen dazu beitragen, dass die Bürgerinnen und Bürger unsere Angebote wahrnehmen.“ Der Anfang ist gemacht und das ganz ohne Zutun der weltbürgerlichen Hauptstadt-Mitte.

Autor: Tom Waurig