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Mission: Wirgefühl

Willkommenskultur ist kein Selbstläufer – oft wird sie getragen von einer großen Welle der Hilfsbereitschaft. Zusammenhalt in einer Gemeinde wird es dann geben, wenn sich Menschen kennenlernen. Ein Besuch im baden-württembergischen Singen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Marcel Da Rin, Bildnachweis: Lukas Maier
Marcel Da Rin, Bildnachweis: Lukas Maier

Das Ergebnis kam für einige überraschend, vor allem weil die Zuschreibungen von außen doch andere waren: Wie das ARD-Magazin Monitor im letzten Jahr herausfand, fühlten sich gerade einmal sechs Prozent der deutschen Städte und Gemeinden durch die steigenden Flüchtlingszahlen überlastet. Zu einem ähnlich lautenden Befund kam der Deutsche Städtetag: „Die Kommunen agieren zwar an der Grenze ihrer Belastbarkeit, sind aber nicht überfordert.“ Gerade die Integration der Geflüchteten sei keine kurzfristige Aufgabe, der sich die Verantwortlichen allerdings mit Einsatz und Kreativität stellen würden. Als eines der größeren Bundesländer ist Baden-Württemberg dabei besonders gefordert. Im Ländle wurden in den letzten Jahren nach Nordrhein-Westfalen und Bayern die drittmeisten Anträge auf Asyl gestellt. Aus Sicht der Kommunen gehören die Bereitstellung von Wohnungen und die soziale Betreuung zu den wesentlichen Fragen. Bei letzterer hängt vieles von der Zivilgesellschaft ab.

Auch in Singen stellt man sich dieser Herausforderung. Die Stadt liegt im Süden Baden-Württembergs, unweit des Bodensees; zwischen Konstanz und dem schweizerischen Schaffhausen. Singen gehört zur Dreiländereck-Region. „Eine typische Arbeitsstadt“, heißt es unter Einheimischen. In den weitläufigen Industriegebieten haben sich große Unternehmen angesiedelt – viele aus dem Ausland. Knapp 48 000 Menschen leben hier und etwa die Hälfte hat einen Migrationshintergrund, verteilt auf 100 Nationen. „Viel Multikulti“, bemerkt der Stadtverwaltungsmitarbeiter Marcel Da Rin durchaus mit Stolz. Über tausend Geflüchtete sind in den vergangenen drei Jahren noch einmal dazugekommen. „Bedarf an Begegnung gibt es immer und überall“, schätzt Da Rin die Situation ein. Die Hilfsbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger sei enorm, das habe sich seit 2016 gezeigt. Der Helferkreis Asyl stehe dafür beispielhaft, „eine gewachsene Struktur, die der Stadt zur Seite steht“.

Da Rin arbeitet seit sieben Jahren in der Kriminalprävention, dort hat er vom Programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ erfahren und zügig eine Bewerbung initiiert. „In Singen existiert zwar ein gutes und stabiles Netzwerk, aber bislang sind einige Vorhaben an den nötigen Ressourcen wie Finanzen oder Personal gescheitert. Es ist genial, was man alles fortführen und noch zusätzlich machen kann.“ Deshalb blickt Da Rin auch mit etwas mulmigem Gefühl auf das Jahr 2019; dann nämlich endet die Förderung des Bundesprogramms. Der 52-Jährige betreut eine von deutschlandweit über 265 „Partnerschaften für Demokratie“ – regionale Bündnisse, die staatliches Handeln und gesellschaftliches Engagement bündeln und kleine Projekte unterstützen sollen. 85 000 Euro stellt „Demokratie leben!“ dafür im Jahr bereit. Es ist die erste Bundesförderung dieser Art in Singen. Die Zusage vor eineinhalb Jahren sei ein Glücksfall, wie Da Rin mehrfach betont.

Ein Film mit berührenden Szenen

Dem Engagement in der Stadt solle nun eine klarere Struktur gegeben werden und die Bürgerinnen und Bürger zukünftig noch mehr in Entscheidungen einbezogen werden. Dazu finden Workshops und Konferenzen statt, um Problemlagen zu analysieren und Strategien zu entwerfen. Die „Partnerschaft“ sei heute gut angenommen, ist sich Da Rin sicher. Es sei relativ leicht gewesen, das neu entstandene Angebot in dem bestehenden Netzwerk zu verankern. „Singen ist überschaubar – hier kennt jeder jeden.“ Dass die Koordinierung der Partnerschaft und die Arbeit der Stabsstelle Kriminalprävention, die bereits vor zehn Jahren geschaffen wurde, nun Hand in Hand gehen, mache unbedingt Sinn. Da Rin kümmert sich dort nicht nur darum, Jugendliche vor Alkohol- und Drogenmissbrauch zu schützen oder Sicherheitskonzepte aufzustellen, sondern klärt auch in Sachen Extremismus auf. „In Singen passiert schon viel fachliche Arbeit auf hohem Niveau.“

Mit rechtsextremen Umtrieben habe die Stadt schon immer zu tun, erzählt Da Rin, auch wenn die letzte Kundgebung der NPD Jahre zurückliege. „Das kann alles wieder kommen“, meint der 52-Jährige. Seine Aufgabe sieht er darin, die Partnerschaft für Demokratie weiter bekannt zu machen. Gleich zu Beginn entstand deshalb ein Film samt Fotoausstellung, mit der Marcel Da Rin seit Frühjahr in der Stadt unterwegs ist. Um dem Publikum eine Mission mitzugeben, wurde der Film „Gemeinsam Zukunft leben“ getauft, ein „Dauerthema“, wie er erklärt. „Wir wollen zeigen, wie die Stadt mit der Flüchtlingsthematik umgeht.“ Entstanden sind sehr persönliche Aufnahmen, mit berührenden Szenen aus dem Alltag der Familien; Bilder, die alltägliche Begegnungen auf der Straße zeigen und Eindrücke von den Sprachkursen in den Flüchtlingsunterkünften geben. Der Film sucht vor allem nach Antworten für die Zukunft der Stadt: die Begegnung zwischen Geflüchteten und der alteingesessenen Bevölkerung oder Möglichkeiten, um sich mit Ressentiments zu beschäftigen.

„Im Grunde ist jeder geflüchtet“

Produzent ist Fulvio Zanettini, 59. Viele Wochen hat der gebürtige Italiener in Singen verbracht, um die Stadt, ihre Menschen und deren Alltag kennenzulernen. Mit der Recherche hatte er schon im Herbst des vergangenen Jahres begonnen. Premiere feierte der Film dann im Februar 2017. „Ein recht langer Prozess, damit es exakt ist“, resümiert Zanettini. Den Zusammenhalt einer Gemeinschaft zu begreifen, zu sezieren und abzubilden, ist für einen Außenstehenden nicht gerade einfach. Zanettini wohnt und arbeitet in Köln; für die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten dreht er Dokumentationen über die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima oder die Flüchtlingssituation im Libanon. In Workshops bringt er anderen seine Leidenschaft näher. Was Zanettini bei den Drehterminen in Singen besonders angetrieben hat, ist die gemeinsame Vision, die Alteingesessene, Geflüchtete und Verwaltung für die Zukunft der Stadt entwickeln. „Ich finde es beeindruckend, wie sie sich dieser Aufgabe stellen.“

Daher wollte er in seinem Film so viele Menschen zu Wort kommen lassen wie nur irgendwie möglich – zum Beispiel Bürgermeisterin Ute Seifried: „Die Herausforderung besteht darin“, verdeutlicht sie, „dass die Menschen Möglichkeiten bekommen, sich kennenzulernen.“ Was die Dokumentation deutlich macht, ist, welch große Motivation die politisch Verantwortlichen der Stadt haben, um den Zusammenhalt zu forcieren und Ressentiments abzubauen. Auch die Einheimischen zeigen Verständnis. Heinrich Blumenthal, 79, stellt fest, dass „im Grunde genommen jeder irgendwie mal geflüchtet ist“. Zwei Gemeinschaftsunterkünfte wurden in Singen eingerichtet – für 200 bzw. 400 Geflüchtete. Dass diese Situation auch Menschen verunsichert, erzählt Marcel Da Rin mit sehr offenen Worten. Gerade rechte Gruppierungen hätten daher versucht, so der Verwaltungsangestellte, die Ängste ausnutzen, „mit Lügen, Unwahrheiten und Gerüchten“. Die Stadt aber hat sich davon nicht abschrecken lassen und weiter an ihrem klaren Kurs festgehalten.

Im Film bekommen auch die Geflüchteten selbst eine Stimme – denn oft werde mehr über sie als mit ihnen gesprochen. Maher Obaid, 24, Solin Youssef, 16, und Mostafa Abdi Adan, 20, erzählen über den Krieg in ihrer Heimat, von Familienangehörigen, die ihr Leben ließen, und vom beschwerlichen Weg nach Deutschland. Obaid beispielsweise kam zu Fuß aus Syrien über die Türkei. Inzwischen absolviert er eine Ausbildung zum Tierpfleger. Auch Youseff und Adan wollen einen Beruf lernen, doch alle drei hoffen zuvorderst auf eines: ein sicheres Leben. Zufrieden ist auch der Integrationsbeauftragte Stefan Schlagowsky-Molkenthin: „Verglichen mit anderen Städten verlief die Aufnahme von Asylsuchenden in Singen recht geräuschlos. Doch der dahinter stehende Kraftakt von Haupt- und Ehrenamtlichen ist beachtlich.“ Nun läuft die zwölfminütige Dokumentation bei jedweder Gelegenheit – in der Schule, im Familienzentrum oder Frauenhaus. „Jeder, der will, kann den Film zeigen“, sagt Marcel Da Rin.

Bundestagswahl als Seismograph

Aufklärung steht dabei an erster Stelle. „Die Angst vor ‚dem Fremden‘ ist dort am größten“, mahnt Da Rin, „wo man den Austausch nicht kennt“. In Singen sei man zwar geübt, mit Menschen aus anderen Ländern zusammenzuleben, aber Vorbehalte gebe es auch in der Stadt am Bodensee – besonders an den Stammtischen. Dies bestätigte auch das Ergebnis der Bundestagswahl, bei der es einen starken Zuspruch für rechtspopulistische Parteien gab – in einigen Wahlbezirken sogar bis zu 25 Prozent. Die anderen Parteien berichten auch von kritischen Äußerungen gegenüber Geflüchteten Aussagen, die sie am Wahlkampfstand durchaus häufig hörten.

Entmutigen lässt sich Marcel Da Rin davon allerdings nicht, weil er auch andere Szenarien kennt: „In den Schulen, in denen wir unterwegs sind, hört man heute kaum noch Vorbehalte gegenüber ‚dem Fremden‘. Das klingt und wirkt viel stimmiger, weil dort jeden Tag Begegnungen stattfinden.“ Gerade unter den Älteren, die weniger Kontakte zu ausländischen Mitmenschen pflegen, gebe es Ängste und Unsicherheit. Darauf will Da Rin Antworten finden und mithilfe der Gelder, die der Partnerschaft zur Verfügung stehen, Projekte unterstützen, die sich dem annehmen. 16 Anträge sind im ersten Jahr eingegangen, in diesem Jahr sind es bereits doppelt so viele. Die Entscheidung trifft Da Rin allerdings nicht alleine, sondern in größerer Runde. 13 Mitglieder sitzen im Begleitausschuss, unter anderem die Polizei, Jugendarbeit, Ehrenamtliche, die Stadt und der Landkreis. Vier bis sechsmal im Jahr sitzen sie gemeinsam an einem Tisch, um Anträge zu beraten und eigene Ideen zu schmieden.

Phänomene möglichst vorausahnen

Auch die Geschäftsführerin des Standortmarketingvereins, Claudia Kessler-Franzen, entscheidet im Begleitausschuss mit über die Fördergelder für städtische Initiativen. Seit gut 15 Jahren bemüht sie sich darum, Singen als Wirtschaftsstandort attraktiv zu halten. Ein Verständnis von Demokratie und Kultur gehöre für sie unbedingt dazu, um Unternehmen zu halten und neue Interessenten anzulocken. „Ein friedvolles Miteinander ist genauso die Basis für gute Fachkräfte wie eine gerechte Entlohnung.“ Um das gesellschaftliche Zusammenleben in der Stadt zu beschreiben, bedient auch sie sich der Begriffe „multikulturell“ und „lebendig“. Integration ist für Claudia Kessler-Franzen auch nicht nur eine Frage von Arbeit und Sprache; viel hänge von der Art des Miteinander-Umgehens ab. „Es braucht Vertrauen und ein Verständnis dafür, wie der andere tickt.“ Darum legt sie Wert auf solche Projekte, „die Wissen weitergeben“, oft kleinere Vorhaben, „die sonst weniger Chancen auf Unterstützung hätten“.

„Bei all unseren Vorhaben suchen wir natürlich den Kontakt zu den Demokratieprojekten. Es ist nicht etwa ein Thema, das wie ein Satellit außen vor ist. Ich werde nicht müde, es überall dort anzubringen, wo es Sinn macht – beim Stadtfest etwa oder am verkaufsoffenen Sonntag“, sagt Kessler-Franzen. Ein eindeutiges Ergebnis, das am Ende der Förderlaufzeit erreicht sein soll, wollen sie und Marcel Da Rin nicht angeben, sondern lieber von Jahr zu Jahr schauen. Diese Flexibilität lasse das Programm zu. Es könne immer wieder neue Entwicklungen geben, die eine Reaktion aus der Zivilgesellschaft nötig machen würden. Da Rin will auf die Auseinandersetzung mit der Identitären Bewegung hinaus – eine Gruppierung, deren Wurzeln in Frankreich liegen und die Stimmung gegen Einwanderung macht. Mit plakativen Aufklebern wie „Integration ist eine Lüge“ versuchen sie auch in kleineren Städten wie Singen Präsenz zu zeigen. Da Rin hofft, solche Phänomene möglichst vorausahnen zu können.

Filmemacher Fulvio Zanettini sieht Singen auf einem guten Weg. Erst kürzlich war der Kölner wieder zu Gast in Baden-Württembergs Grenzstadt – das versucht er immer dann, wenn die Dokumentation gezeigt wird, dieses Mal bei der Museumsnacht. „Es ist erstaunlich, dass sich die Menschen auch ein dreiviertel Jahr später noch für den Film begeistern.“ Der Endfünfziger ist stolz auf seine Bewegtbilder und gerührt von den Reaktionen. Die Erzählweise, „die Art der Präsentation“, macht das Medium für Zanettini zu etwas Besonderem. Auf tatsächliche Probleme ist er während seiner Zeit in Singen nicht gestoßen. „Das Zusammenleben wirkt unglaublich entspannt“, konstatiert er und ergänzt einen Satz, der fast schon sinnbildlich zu sein scheint: „In einer Stadt mit dieser Migrationsgeschichte sind viele längst an Zuwanderung gewöhnt.“ Den Film sieht er mehr als Symbol, „das in jeder deutschen Stadt gültig sein könnte, wenn das Verständnis für andere Kulturen, Religion und das Menschsein wächst“.

Autor: Tom Waurig