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Eine starke Stimme für viele

Wie die LAG Vielfalt sächsische Engagierte vernetzt

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Angela Klier, Bildnachweis: Benjamin Jenak
Angela Klier, Bildnachweis: Benjamin Jenak

Nicht wenige Menschen in Sachsen wachten am Tag nach der Bundestagswahl mit Kopfschmerzen auf – zu schockierend wirkte auf viele das Wahlverhalten in ihrem Bundesland, das eine rechtspopulistische Partei knapp zur stärksten Kraft gemacht hat. Auch Angela Klier war in diesen Septembertagen nicht glücklich, aber auch nicht vollkommen überrascht: „Ich bin schon davon ausgegangen, dass sie hohe Ergebnisse einfahren würden – muss aber gestehen, dass ich sachsenweit mit vielleicht 15 Prozent gerechnet habe. Dass es dann fast doppelt so viel werden würde, das war schon einen Moment lang frustrierend.“

Doch lange Zeit für das Wundenlecken habe sie sich nicht genommen, sagt die Mittvierzigerin: „Wir machen mit der Arbeit natürlich weiter. Gerade jetzt. Man darf ja auch nicht vergessen: Es gibt hier wahnsinnig viel gutes Engagement.“

Klier ist schon von Amts wegen dafür zuständig, diese Perspektive zu haben: Sie koordiniert und begleitet Projekte und Engagierte, die sich im Erzgebirge für ein demokratisches Gemeinwesen einsetzen – und ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Vielfalt, die sich als Zusammenschluss verschiedener lokaler Initiativen, Beratungsnetzwerke und Modellprojekte unterschiedlicher Bundesprogramme zur Demokratieförderung versteht. Besonders eng arbeitet Klier dabei mit dem Programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ zusammen, das die vielen „Partnerschaften für Demokratie“ in Sachsen fördert, die sich in der LAG Vielfalt zusammengefunden haben.

Ein Programm, das sich weiterentwickelt

In Sachsen habe man erst spät erkannt, wie wichtig diese Form der Demokratieförderung und Extremismusprävention sei, sagt Klier, „da hat man sich die Lage lange schöngeredet“. Im Jahr 2008 sei die Idee für die Landesarbeitsgemeinschaft entstanden – mit dem Ziel, die vielen engagierten Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer zu vernetzen und so zu stärken. Seither tagt die LAG zweimal im Jahr und führt zusätzlich eine Klausurtagung durch. Das mache es möglich, viele gute Ideen zusammenzuführen und Kräfte zu bündeln, sagt Klier. Gemeinsam habe man 2014 ein Thesenpapier entwickelt, das auch Eingang in das Bundesprogramm gefunden habe. Darin wird etwa ein Ressourcenpool beschrieben, der unter anderem in kleinen Städten wie Coswig, Aue und Bad Schlema erfolgreich entwickelt wurde. Darin wird gesammelt, wer über welche Materialien und Technik verfügt – so können Dinge ausgetauscht werden, um die staatlichen Fördermittel effektiver einzusetzen. „Das Wunderbare bei ‚Demokratie leben!‘ ist, dass es sich dabei um ein lernendes Programm handelt“, meint Angela Klier, „hier werden immer neue Ideen und Erkenntnisse berücksichtigt, um passgenau nachsteuern zu können.“

Dass es mit der LAG Vielfalt eine Stimme für viele Projekte und Initiativen gibt, die ihre Interessen und Wünsche gebündelt in die sächsische Politik und bis nach Berlin trägt, wird in den Partnerschaften für Demokratie als großer Vorteil wahrgenommen.

Und nicht nur das: Der Zusammenschluss erlaube auch einen sehr sinnvollen Austausch, sagt Ines Vorsatz, bei der Stadt Chemnitz zuständig für die Partnerschaft für Demokratie. „So bekomme ich mit, was in anderen Regionen läuft. Die Problemlagen sind ja häufig ähnlich und wenn wir darüber in einer größeren Runde sprechen, erfährt man schnell, was die anderen schon ausprobiert und gegebenenfalls verworfen oder eben erfolgreich gemacht haben.“ Auch der ständig wachsende Ressourcenpool sei ein echtes Plus, so Vorsatz: „Wenn ich weiß, dass schon mal jemand eine tolle Ausstellung etwa zum Thema Gewalt gemacht hat , dann leihe ich die doch lieber aus, als selbst ganz von vorn anzufangen und etwas eigenes zu machen.“

Angebote bei Kommunen bekannter machen

Auch Katrin Dietze im mittelsächsischen Freiberg, Leiterin der Stabsstelle Extremismusbekämpfung und zuständig für die Koordinierung des Aktionsplanes „Toleranz ist ein Kinderspiel“, der seit 2015 im Rahmen im Rahmen einer Partnerschaft für Demokratie umgesetzt wird, weiß die Hilfe zu schätzen, die die LAG ihren Mitgliedern schon allein bei den Formalitäten in Sachen Antragstellung und Mittelverwendung geben kann. „Dass es da eine Instanz mit Erfahrung gibt, hilft ungemein. Und ich finde es immer sinnvoller, wenn eine Stimme für viele spricht – das hat mehr Gewicht.“

Geht es nach Angela Klier, wird diese Stimme im kommenden Jahr noch lauter als bisher. Für 2018 habe sie sich vorgenommen, das Wirken der vielen sächsischen Initiativen noch intensiver zu kommunizieren, sagt sie. „Ich finde, da müssen wir noch viel öffentlichkeitswirksamer werden und insbesondere in den Kommunen viel deutlicher machen, wie viel Knowhow von den Projekten kommt, das sie auch nutzen können.“ Sie beobachte immer wieder, wie schwer sich viele Verwaltungen damit täten, wenn Veranstaltungen von rechtsextremen Organisatoren angemeldet würden. „Da gibt es viele Unsicherheiten, die dann schon mal dazu führen, dass ein NPD-Politiker eine Veranstaltung auf dem zentralsten Platz der Stadt machen kann und sich dann in seiner Rede bei der Oberbürgermeisterin für die Unterstützung bedankt.“ Die Mitglieder der LAG Vielfalt hätten inzwischen viel Erfahrung etwa mit Sicherheitskonzepten rund um solche Veranstaltungen oder auch bei Klagen von Veranstaltern gegen Kommunen. „Wir wollen, dass es ein viel größeres Bewusstsein gibt, dass die Verantwortlichen in solchen Fällen Beratung in Anspruch nehmen können.“ Die Verantwortlichen seien bei diesen Themen häufig zu zurückhaltend – wohl, weil die Befassung damit viel Zündstoff berge.

Sachsen ist nicht nur Problemfreistaat

Angela Klier kennt die Situation im Freistaat gut. Seit mehr als 15 Jahren setzt sie sich beruflich für Zivilcourage und bürgerschaftliches Engagement für Demokratie ein und hat inzwischen Erfahrung mit mehreren Bundesprogrammen. Ihre Auseinandersetzung mit Extremismus bleibt auch nicht unbemerkt – und als die Identitäre Bewegung in den sozialen Netzwerken gegen sie hetzte, war sie auch persönlich froh über die enge Verbindung der sächsischen Engagierten, die nicht zuletzt über die LAG Vielfalt begründet wurde. „Da gab es eine sehr große Solidarität, die mich sehr bestärkt hat.“ Auch deshalb findet Klier, dass ein Punkt in der Berichterstattung über ihr Heimatland traditionell zu kurz kommt: „Es gab und gibt in Sachsen immer Menschen, die sich engagieren wollen – auch wenn das dem Bild als Problemfreistaat widerspricht.“

Viele der Partnerschaften für Demokratie seien inzwischen gut etabliert. Das, so Klier, sei vor allem dort gelungen, wo es eine enge Anbindung an Stadt oder Landkreis gebe. Katrin Dietze in Freiberg etwa ist mit ihrer Stelle direkt an das örtliche Landratsamt angegliedert und sagt, das sei allein schon ein Zeichen dafür, dass ihre Arbeit für die lokale Politik Priorität habe. Die enge Verbindung, die dadurch etwa zu Polizei und Sicherheitsbehörden gegeben sei, sei insbesondere für den Bereich der Extremismusbekämpfung von großer Bedeutung. „So haben wir den ganzen Landkreis im Blick und können unsere Präventionsangebote wirklich auf den Bedarf abstimmen.“

Auch in Pirna hat die Partnerschaft für Demokratie schon qua Organisation ein besonderes Standing: Johannes Enke, zuständig für den Fachdienst Demokratie, Prävention und Migration und damit auch Ansprechpartner für das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ ist Angestellter der Stadtverwaltung - und froh über diese Konstellation. Denn die erlaube ein langfristigeres und nachhaltigeres Planen und Arbeiten als es etwa kleineren Trägern möglich sei, die jährlich neu mit ihren Fördermitteln kalkulieren müssten und deren Arbeit damit unsicherer sei. Dadurch, dass die Stadt seine Stelle finanziere, komme auch mehr Geld in den Mikroprojektefonds, der in Pirna unkompliziert kleinere bürgerschaftliche Initiativen unterstütze.

Angela Klier wird jedenfalls weiter für die bewährten Strukturen werben und freut sich über jede neue Partnerschaft für Demokratie, die in Sachsen neu hinzukommt. Eine besondere Herausforderung der künftigen Arbeit sagt sie, sei vor allem, Jugendliche für den Einsatz für die Demokratie zu gewinnen. Dafür gebe es zwar zahlreiche Konzepte, aber noch keinen Königsweg – in Sachsen aber werde man weiterhin mutig an passgenauen Angeboten arbeiten.

Autorin: Susanne Kailitz