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Ein Archiv gegen das Vergessen

Über die Geschichte der Sinti und Roma ist wenig bekannt, dennoch halten sich viele Klischees und Vorurteile hartnäckig. In Berlin entsteht nun ein umfangreiches Archiv, das besonders weibliche Aktivistinnen in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Isidora Randjelović und ihre Kollegin Roxie Thiele-Dogan, Bildnachweis: Ralph Pache
Isidora Randjelović und ihre Kollegin Roxie Thiele-Dogan, Bildnachweis: Ralph Pache

Isidora Randjelović ist gedankenversunken. Sie grübelt, zieht die Stirn in Falten. Nach längerem Zögern setzt sie an, unterbricht und nimmt einen neuen Anlauf. Sie weiß gar nicht so recht, wo sie anfangen soll, als sie die Situation der Sinti und Roma zu umreißen versucht. Etwa 150 000 von ihnen leben heute in der Bundesrepublik, mindestens die Hälfte mit deutscher Staatsbürgerschaft. „Katastrophal“ ist das erste, was ihr auf die zugegeben weitgefasste Frage über die Lippen kommt. Mit Ende des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien in den neunziger Jahren flüchteten viele Sinti und Roma nach Deutschland. Viele von ihnen sind bis heute nur geduldet und ständig von Abschiebung bedroht.

Ihr Ursprung wird in Nordindien und Pakistan vermutet, nach Europa kamen sie vor mehr als 600 Jahren. Roma bedeutet eigentlich „Männer“, eine Frau heißt deshalb „Romni“, in der Mehrzahl „Rromnja“. Der Begriff benennt vor allem die in ost- und südosteuropäischen Ländern lebenden Volksgruppen. Gleichzeitig ist Roma zu einer Sammelbezeichnung für die verschiedenen Gruppen geworden, darunter die häufig in Deutschland lebenden Sinti – im Singular lautet es Sinto bzw. Sintesse. Ihre Geschichte ist geprägt von Verfolgung, Zwangseingliederung und Deportationen – bis heute.

Situation der Balkan-Flüchtlinge

2014 beschloss der deutsche Bundestag, dass Asylanträge von Menschen aus Serbien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien schneller abgelehnt werden können. Ein Drittel der Balkan-Flüchtlinge sind Roma. Kritik äußert die Sozialpädagogin besonders an der Einstufung der sicheren Herkunftsstaaten, zu denen inzwischen auch der Kosovo zählt. „Für Roma sind diese Länder alles andere als sicher“, so Randjelović. Die Diskriminierung sei in vielen Balkanstaaten so immens, „dass ein normales Leben nicht möglich ist“. Im Kosovo beispielsweise würden Roma ganz selbstverständlich als „Menschen dritter Klasse“ behandelt. Das fange bei der mangelhaften Gesundheitsversorgung an und ende bei ungleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

Auch im vergangenen Jahr kamen daher mehrere zehntausend Roma nach Deutschland. Einige Kinder sind inzwischen in sogenannten „Willkommensklassen“ untergebracht – ein Modell, das Randjelović kritisiert. Dort lernen jene, deren Deutschkenntnisse nach Meinung der Schule noch nicht für den regulären Unterricht ausreichen. Randjelović nennt es Segregation. „Kaum jemand kommt auf die Idee, dass die Kinder zwar nicht akzentfrei Deutsch sprechen, dafür vielleicht besser in Mathe oder Naturwissenschaften sind. Ihre Migrationsgeschichte und die Erfahrungen, die sie auf dem Weg nach Deutschland gesammelt haben, können ein echter Schatz sein, der nicht erkannt wird.“

Es fehle an dem Verständnis, „dass wir eine von Rassismus durchzogene Gesellschaft sind“. Schon vor gut vierzig Jahren machten die Verbände der Sinti und Roma auf derartige Missstände aufmerksam, um der vorherrschenden Ausgrenzung entgegenzuwirken. Doch der Antiziganismus ist in weiten Teilen der bundesdeutschen Bevölkerung noch immer stark verbreitet. Gestützt wird Randjelovićs resignierende Einschätzung von Wissenschaftler/-innen der Universität Leipzig, die in ihrer kürzlich veröffentlichten Mitte-Studie zu ernüchternden Ergebnissen kommen. Demnach sei mehr als die Hälfte der Befragten der Meinung, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen.

Auch wenn über die Geschichte der Sinti und Roma bisweilen wenig bekannt ist, halten sich viele Vorurteile hartnäckig. Dem wollen Randjelović und ihre Kollegin Roxie Thiele-Dogan entgegenwirken. Ihr Projekt namens „Romani Phen“ wird vom Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert. Im Wesentlichen geht es um die Einrichtung eines feministischen Rromnja-Archives. Seit nunmehr eineinhalb Jahren recherchieren und sammeln sie Wissensbestände und verlorengegangene Materialien – Texte, Dialoge, Videos, Audio und Analysen.

Europas vergessene Volksgruppe

„Es soll kein elitäres Archiv sein“, verdeutlichen beide, „kein Ort, in dem das Wissen in Schubladen verschwindet“. Regelmäßig finden Veranstaltungen statt, um an neue Erkenntnisse zu gelangen und diese zu teilen. Lesungen mit Bürgerrechtlerinnen beispielsweise, Podien zu verwehrten Entschädigungszahlungen oder Filmvorführungen über die Nicht-Anerkennung des Genozids. Erst unter Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde die Ermordung von 500 000 Sinti und Roma zur Zeit des Nationalsozialismus politisch als Völkermord aus rassischen Gründen anerkannt.

Dieses über Jahre einstudierte Desinteresse wirkt immer noch nach. Mit ihrem Einsatz wollen die beiden Projektleiterinnen aber nicht nur eine Lücke füllen. Ihr Archiv verstehen sie als politischen Akt, weil sie Wissen zugänglich machen, das sonst nirgendwo zu finden sei. „Es geht darum, Inhalte, die nicht dem Mainstream entsprechen, so aufzubereiten, dass sie der Öffentlichkeit zugänglich werden“, unterstreicht Thiele-Dogan. Dafür werden Rromnja oder Sintesse zu Protagonistinnen und schildern von Antirassismus und Bleiberechtskämpfen, die seit Jahrzehnten geführt werden und immer noch aktuell sind.

Die Initiatorinnen plädieren für ein lebendiges Archiv, in dem es nicht primär um die Sammlung und Darstellung von Materialien geht, sondern um einen kollektiven Wissenszuwachs. Noch sind sie auf der Suche nach einer passenden Räumlichkeit – kein Büro, sondern ein offener Treffpunkt, in dem Veranstaltungen möglich sind und der nicht am Stadtrand liegt. „Kein einfaches Unterfangen im gentrifizierten Berlin“, erklären sie. In der Entstehung wollen sie eine entscheidende Rolle spielen, allein schon durch ihr jahrelanges Engagement in Selbstorganisationen – zum Beispiel im Roma-Elternverein oder der Berliner Initiative Rromnja, die nicht länger hinnehmen wollten, dass Feindseligkeiten und Gewalt verschwiegen, bagatellisiert oder gar gerechtfertigt werden.

Randjelović und Thiele-Dogan haben sich außerdem vorgenommen, Bildungsmaterial zum Umgang mit Antiziganismus zu erstellen. Eine Lehramtsstudentin, die ihr Team komplettiert, hat dafür mehr als 70 Materialien, die im Schulunterricht eingesetzt werden, ausgewertet. Gerade einmal vier konnte sie am Ende weiterempfehlen, „weil diese Rassismus nicht weiter reproduzieren oder zwischen ‚wir‘ und ‚die‘ unterscheiden“.

Roxie Thiele-Dogan und Isidora Randjelović im Gespräch, Bildnachweis: Ralph Pache
Roxie Thiele-Dogan und Isidora Randjelović im Gespräch, Bildnachweis: Ralph Pache

Stellung beziehen, Kritik üben

Randjelović will viel lieber mit positiven Bildern arbeiten. Anfang des Jahres haben sie einen Kalender veröffentlicht, der jeden Monat eine verdiente Rromnja oder Sintesse vorstellt. Es brauche taffe Persönlichkeiten, mit denen sich junge Menschen identifizieren können, bestärkt Thiele-Dogan die Idee. Darüber hinaus unterstützen sie mit ihrem Projekt Selbstorganisationen der Sinti und Roma. Einmal im Jahr laden sie zu einem großangelegten Vernetzungstreffen ein, um sich über die unterschiedlichen Bedarfe und politische Reaktionen zu verständigen. Es gehe darum, immer wieder Stellung zu beziehen und Kritik zu üben, um Rassismus gegen Sinti und Roma klar zu benennen.

Auch nach der Unterstützung durch das Bundesfamilienministerium soll das Projekt weiterlaufen. Es brauche diese konstante Aufmerksamkeit, verdeutlichen die Initiatorinnen. Bis dahin erhoffen sich Randjelović und Thiele-Dogan einen festen Platz in der antirassistischen Bildungslandschaft und dass der Bestand des neuen Archivs entsprechend nachgefragt wird. Den Bedarf können sie deutlich beschreiben, ohne Drumherum zu reden: „Es müssen sich auch andere für Rassismus und Diskriminierung interessieren, weil es um uns alle geht. Unsere Arbeit thematisiert die Gesellschaft“.

Autor: Tom Waurig