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Wo Inklusion richtig gut läuft

Dass Antisemitismus in Deutschland auch nach der Shoa noch eine Bedrohung darstellt, ist vielen Bürgerinnen und Bürgern nicht bewusst. Aus diesem Grund fanden zum 15. Mal fanden die Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Sie sollen vor allem eines: aufklären.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Schon seit 2003 finden die Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Bildnachweis: Amadeu Antonio Stiftung
Schon seit 2003 finden die Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Bildnachweis: Amadeu Antonio Stiftung

Anfang des Jahres verlässt ein jüdischer Junge, 14, seine Berliner Schule, weil er antisemitisch beleidigt und angegriffen wird. Ein halbes Jahr später erhält eine Dresdner Schülerin einen Preis für Zivilcourage: Sie hatte einen Mitschüler wegen Volksverhetzung angezeigt, weil er und andere Witze über den Holocaust gemacht haben sollen. Nur wenig später entfernten mutmaßlich Rechtsextreme in Berlin-Neukölln mehrere Stolpersteine, die in Europa an die ermordeten Juden während der Zeit des Nationalsozialismus erinnern sollen. Es sind drei Beispiele von vielen. Sie machen deutlich, dass Antisemitismus noch immer ein Problem in Deutschland ist. Wer sich heute öffentlich antisemitisch äußert, löst zwar eine Welle der Empörung aus, diese bleibt jedoch meistens an der Oberfläche und täuscht häufig darüber hinweg, dass antisemitische Vorurteile nach wie vor in allen gesellschaftlichen Schichten gepflegt werden. Dies bescheinigen auch aktuelle Untersuchungen und ein Blick in die Polizeistatistik. Laut dem Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages etwa sind 20 Prozent der Deutschen latent antisemitisch und glauben an eine jüdische Weltverschwörung. 2016 wurden außerdem 644 antisemitische Straftaten erfasst, die Dunkelziffer liegt wohl noch weit darüber.

Es fehle in großen Teilen der Bevölkerung die Einsicht, „dass Antisemitismus ein aktuelles Problem ist“, sagte der Koordinator des Unabhängigen Expertenkreises und Leiter des Anne Frank Zentrums, Patrick Siegele, bei der Präsentation des Berichts des zweiten Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus im April. Die Sachverständigen haben zwei Jahre lang Gespräche geführt, verschiedene Studien ausgewertet und zusammengeführt. Die Diagnose: Viele jüdische Menschen in Deutschland fühlen sich bedroht und sorgen sich aufgrund alltäglicher antisemitischer Erfahrungen um ihre Sicherheit. Hetze und Hassbotschaften im Internet verunsichern sie. Während der klassische Antisemitismus, das heißt, religiös oder rassistisch begründete Judenfeindlichkeit laut Bericht eher zurückgeht, wächst der Antisemitismus, der sich besonders über die Kritik am israelischen Staat manifestiert. Daher zeigt sich auch Israels neuer Botschafter in Berlin, Jeremy Issacharoff, über die Zunahme von Antisemitismus in Deutschland und Europa besorgt: „Natürlich beobachten wir mit größter Sorge den wachsenden Antisemitismus“, so Issacharoff. Zugleich sei er beeindruckt von der Entschlossenheit, mit der Deutschland gegen antisemitische Angriffe und aktuelle Erscheinungsformen vorgehe.

400 Veranstaltungen bundesweit

Schon seit 2003 koordiniert die Berliner Amadeu Antonio Stiftung die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus, deren Ziel es ist, in den Wochen um den 9. November durch eine Vielzahl von Veranstaltungen auf historischen und aktuellen Antisemitismus aufmerksam zu machen, öffentliche Diskussionen anzuregen und über das Thema aufzuklären. Was vor 14 Jahren noch im vergleichsweise überschaubaren Rahmen von 50 Veranstaltungen begann, entwickelte sich zur größten Kampagne gegen Antisemitismus in Deutschland. Allein im letzten Jahr hätten sich mehr als 180 Organisationen, Schulen, Jugendzentren und jüdische Gemeinden aus 90 Städten in allen Bundesländern mit gut 400 Veranstaltungen an den Aktionswochen beteiligt, berichten die Veranstalter, zu den neben der Amadeu Antonio Stiftung auch das Anne Frank Zentrum gehört. Das Datum wurde bewusst gewählt: In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten die Nationalsozialisten hunderte Synagogen in Brand gesteckt und Tausende jüdische Geschäfte und Friedhöfe in Deutschland zerstört. Jüdinnen und Juden wurden verschleppt und ermordet. Die Pogromnacht gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

Mit den bundesweiten Aktionswochen vereinen beide Organisationen vor allem Aktionen lokaler Initiativen – die inhaltliche Bandbreite reicht vom Antisemitismus im Hip-Hop über israelbezogenen Antisemitismus bis hin zur antisemitismuskritischen Bildung in der Migrationsgesellschaft. Bereits zum dritten Mal in Folge wurden die Aktionswochen durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert. Durch diese finanzielle Unterstützung werden im Vorfeld vier regionale Netzwerktreffen organisiert, die den Raum für einen Erfahrungsaustausch der Akteure in der Arbeit gegen Antisemitismus schaffen sollen. Die konkreten Veranstaltungen – Workshops, Vorträge, Konzerte, Jugendbegegnungen, Straßenbenennungen – dauern meist bis Mitte Dezember an. An öffentliche Gebäude in mehreren Städten wurde etwa die „Chronik antisemitischer Straftaten und Vorfälle“ projiziert, um Licht in das Dunkelfeld antisemitischer Delikte zu bringen.

In Jena lud das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Antisemitismus im Kontext von Rechtspopulismus und Migration“ ein. Teilgenommen hatten die Wissenschaftlerinnen Sina Arnold und Hannah Peaceman, Thaer Issa vom Zentralrat der Muslime, der CDU-Abgeordnete Johannes Selle und Marina Chernivsky, Mitarbeiterin des Kompetenzzentrums der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Sie erklärt: „Der gegenwärtige Antisemitismus wird selten als solcher identifiziert. Seine gesellschaftliche Relevanz wird bestritten.“ Derweil sprach in Gera der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann von der Universität Göttingen über „Martin Luthers problematisches Verhältnis zu Juden und Judentum“. Luther habe sich wiederholt mit dem jüdischen Glauben auseinandergesetzt – in einem Brief etwa, mit dem er sich gegen die Verbrennung jüdischer Schriften wandte oder schließlich mit der berüchtigten Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“, die auch im Jahr des 500. Reformations-Jubiläums die heftigen Diskussionen um die antisemitischen Haltungen Martins Luthers nicht verstummen lassen.

Die Erinnerung lebendig halten

Während der Aktionswochen debattierte man in Rostock über sehr spezifische Problemstellungen, etwa über Antisemitismus im Black Metal – ein Musikgenre, das durch Lyrics, Coverdarstellungen und Interviews von Bands Anknüpfungspunkte für modernen Antisemitismus biete, wie der Siegener Literaturwissenschaftler Niels Penke verdeutlichte. Wolfgang Seibert referierte darüber hinaus über die Frage eines linken Antisemitismus. Der 69-Jährige gehört zum Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Pinneberg – Schleswig-Holstein – wuchs bei seinen Großeltern auf, und wurde dort durch den jüdischen Glauben und anarchistische Literatur geprägt, wie er selbst sagt. Später war er im SDS und der DKP aktiv. „Der Antisemitismus in der Linken zeigt sich für ihn seit den Siebzigern immer wieder, oftmals gebunden an undifferenzierte Israelkritik“, so Penke. Über den Antisemitismus im Reichsbürgermilieu sprach der Berliner Rechtsextremismusforscher Jan Rathje und stellte klar, dass der Mythos einer Weltverschwörung gegen die Deutschen zum Kern der Vorstellungswelt dieser Menschen gehöre.

„Die Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen den November zum Anlass, um über die Zukunft der Erinnerung nachzudenken. Nur wenn die Grausamkeit des Judenmordes erinnert und die Abscheu darüber verinnerlicht wird, kann es uns nicht egal sein, wie der Antisemitismus auch heute funktioniert und wozu er führt“, verdeutlicht Anetta Kahane, Stiftungsvorsitzende und Gründerin der Amadeu Antonio Stiftung, die sich selbst zum jüdischen Glauben bekennt. Dieses Jahr wolle man vor allem den Aspekt der antimodernen Stimmung, der hassgeladenen Aufregung um Flüchtlinge und Globalisierung ins Auge fassen. Antisemitismus sei, sagt Kahane, so sehr Teil einer antimodernen Selbstgefälligkeit geworden, dass eigentlich egal sei, wer ihn ausdrücke. Die Amadeu Antonio Stiftung und das Anne Frank Zentrum werden aus diesem Grund auch in Zukunft weiter daran arbeiten, dass die Erinnerung lebendig bleibe. „Erinnern heißt leben“, schickt Anetta Kahane nach. „Denn was wären, gerade heute in einem sich verändernden Land, menschliche Wärme, gegenseitiger Schutz und die Achtung voreinander sonst, als gelebte und lebendige Erinnerung?“

Autor: Tom Waurig