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„Aus einem Schmetterlingsflügelschlag kann ein Hurrikan entstehen, und das ist bei 180 Grad Wende passiert.“

Das Interview mit dem Gründer von 180 Grad Wende, Mimoun Berrissoun

Herr Berrissoun, worin besteht der Modellprojekt-Charakter von 180 Grad Wende R?

Modellhaft ist an 180 Grad Wende R die Einbindung der Zielgruppe, also junge Menschen, die einzelne Projektmaßnahmen für junge Menschen entwerfen und realisieren. Das Deutsche Jugendinstitut bezeichnete es als „Wirken in die Resonanzräume“. So sind wir zu einer „Bewegung“ geworden, in der sich vor allem junge Menschen und Erwachsene um die Belange anderer junger Menschen kümmern. Zudem betrachten wir das Thema Radikalisierung nicht isoliert, sondern sehen es ganzheitlich: Anstatt mit einer radikalisierten Person viele Beratungsstunden zu halten, ist es doch viel wichtiger sich das Umfeld anzuschauen und zu fragen, welche Gründe im Umfeld zu dieser Radikalisierung führen und diese gemeinsam anzugehen. Das macht uns glaubwürdig gegenüber unserer Zielgruppe und lässt uns viel besser an den Ursachen arbeiten.

Der besondere Ansatz von 180 Grad Wende R  liegt im “peer- to- peer”- Ansatz und stellt die Multiplikatoren-Ausbildung ins Zentrum. Seit 2012 wurden ca. 200 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren ausgebildet: Wie viele sind heute aktiv tätig?

Bei den rund 200 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren handelt es sich um diejenigen, die mindestens vier unserer Module besucht haben. Über die Jahre haben aber weit mehr junge Menschen an der Schulung teilgenommen. Unsere Multiplikatorinnen und Multiplikatoren engagieren sich unterschiedlich stark: Es gibt einige, die das Wissen aus der Ausbildung in ihr Umfeld, ob Schule oder Jugendgruppe, weitertragen. Dann gibt es derzeit 70 aktivere Engagierte, die gemeinsam mit dem 180-Grad-Wende-R-Team und den Coaches Projekte realisieren, Aktionen im Stadtteil organisieren und sich Einzelfällen annehmen bzw. junge Menschen motivieren, sich bei 180 Grad Wende R Hilfe zu holen. Beispielsweise helfen sie beim Schreiben von Lebensläufen und Bewerbungen oder organisieren Empowermentgruppen. 

Wie akquirieren Sie Keepers, wie werden sie qualifiziert und wo sind sie derzeit aktiv?

Für die Akquise sind wir ins Auto gestiegen und in verschiedene Städte gefahren, um unsere Projektidee 180° Wende - Keepers  vorzustellen. Denn nur vor Ort kann ein richtiger Austausch stattfinden und wir lernen die Menschen, die sich für die Initiative engagieren wollen, so besser kennen. Also haben wir alle möglichen Orte besucht: Arbeitskreise, Moscheen, Schulen, Interessenten, die sich schon mal vorher bei uns gemeldet haben. So haben wir im letzten Jahr Keepers unter anderem aus Gelsenkirchen, Leverkusen, Dortmund/Lünen, Leichlingen und Düsseldorf qualifiziert. Nach der Qualifizierung begleiten wir sie - im Rahmen des praktischen Teils der Ausbildung - bei der Realisierung kleinerer Maßnahmen. In Dortmund und Lünen begleiten wir gerade Lehrer der Religionslehre, die sich mit einem Programm gegen Menschenfeindlichkeit engagieren wollen. Ziel ist, Keepers aus den verschiedensten Orten in NRW zu qualifizieren und miteinander zu vernetzen, um im nächsten Schritt zusammen mit ihnen ein starkes Netzwerk für Empowerment und Prävention aus der Zielgruppe zu aktivieren. Die Dynamik und der Erfahrungsaustausch, der sich daraus ergibt, sind hoffentlich so stark, dass wir damit langfristig etwas bewirken können.

Das Projekt 180° Wende - Keepers bedient sich aus dem Erfahrungs- und Kompetenzpool von 180 Grad Wende R, orientiert sich jedoch selbstbestimmt an dem Bedarf des jeweiligen Standortes: Wie ermitteln Sie die Bedarfe eines Standortes?

Der Bedarf wird durch die Keepers aus dem jeweiligen Umfeld ermittelt. Wir gehen nicht irgendwohin und schreiben vor, was gemacht werden muss. Es sind die Keepers, die uns im Rahmen der Qualifizierungs- und der darauffolgenden Begleitungsphase die Bedarfe mitteilen. Wir beraten dann dabei, was man vor Ort machen könnte und planen es gemeinsam im praktischen Teil der Qualifizierungsphase. Hierbei helfen uns natürlich unsere Erfahrungen aus den letzten Jahren im Modellprojekt. Wir kommen mit den Akteuren vor Ort in einen Dialog, wo auch wir wiederum sehr viel über die verschiedenen Facetten der Thematik, die wir im Rahmen des Projekts bearbeiten, erfahren.

Wie hat sich seit Beginn des Modellprojektes die Arbeit geändert? Worin unterscheiden sich die Modellprojekte 180 Grad Wende R und 180° Wende - Keepers ?

Das Keepers-Projekt ist aus dem Modellprojekt 180 Grad Wende R entstanden. 2015 haben wir mit 180 Grad Wende R unsere bisherigen ehrenamtlichen Erfahrungen gebündelt in ein Projekt gegossen, das im Kölner Raum schon in den ersten Jahren sehr viele junge Menschen erreichte. Auf dieses Engagement aufmerksam geworden, wandten sich viele Menschen aus Kommunen, Schulen und Gemeinden in NRW an uns mit dem Wunsch, 180 Grad Wende R auch in ihrer Stadt zu etablieren. Wir haben lange über eine Umsetzung mit langfristiger Wirkung nachgedacht. Daraus entstand dann 180° Wende - Keepers . Geholfen hat uns ein Beratungsgespräch mit dem Deutschen Jugendinstitut (DJI). Dort riet man uns, die Expansion auf weitere Orte zu bremsen, um nicht am Ende als Projekt an den Belastungen zusammenzubrechen. So kamen wir auf die Idee, neben Coaches, Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, Keepers auszubilden, also Personen, die ein langfristiges Engagement initiieren können und anstoßen. Das war aus unserer Sicht die beste Möglichkeit, unsere Erfahrungen zu multiplizieren und bedarfsgerechte Initiativen anzubieten. Dass wir heute eine eigene Beratungsstelle haben und Maßnahmen in Justizvollzugsanstalten und vieles mehr anbieten können, hätten wir am Anfang nicht gedacht. Das sind Prozesse, die sich erst im Laufe der Arbeit entwickelt haben, als wir aus der Zielgruppe heraus den Bedarf feststellen konnten.

Haben sich die Ziele verändert? Wenn ja, gab es Konsequenzen, die sich aus der Zieländerung ergeben haben?

Im Kern hat sich der uns selbst gesetzte Auftrag bzw. haben sich die Ziele nicht verändert, wir passen uns aber punktuell in vielen Projekten an. Zum Beispiel ist in unserem Modul Menschenfeindlichkeit nicht nur die Facette des religiös begründeten Extremismus vertreten, sondern auch Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit etc. Diese Modifikationen oder Anpassungen entstehen durch die Erfahrungen in der Arbeit.

Haben sich die Schwerpunkte verschoben, gibt es neue Herausforderungen? Worin sehen bzw. sahen Sie persönlich die größte Herausforderung für das Projekt?

Aufgrund der Bedarfe unserer Zielgruppe und innerhalb der entstandenen 180 Grad Wende-Community haben wir unsere Angebote und Projekte immer mehr ausgeweitet. Wir haben mit dem Pluskurs ein eigenes Berufsorientierungsangebot geschaffen. Das Modellprojekt ist ein Beispiel dafür, dass gut laufende Projekte eine Eigendynamik entfalten und von selbst wachsen. Dafür haben wir dann auch erstmals Personal eingestellt, das sich um die einzelnen Projekte und Einzelfälle intensiver kümmern konnte. Da wir aber nur begrenzte Ressourcen hatten, war es nicht einfach, diese Eigendynamik immer aufzufangen und wirklich allem gerecht zu werden. Das führte dazu, dass wir uns halbjährlich mit dem Ziel der Optimierung neu aufstellen mussten. Wir wollten diese Dynamik nicht verlieren und eine zivilgesellschaftliche Initiative bleiben, in der Menschen anderen Menschen ohne Gegenleistung helfen. Gleichzeitig mussten wir aber den Weg der Institutionalisierung gehen, um einigermaßen die größer werdende Arbeit zu managen, die sich da aufgetan hat. Eine große Herausforderung wird immer darin liegen diese Balance hinzukriegen.

Was war allgemein gelungen, so dass es definitiv wieder durchgeführt werden kann? Gibt es besondere Erfolgserlebnisse in den letzten Jahren 180 Grad Wende?

Unsere Multiplikatorenschulung ist definitiv ein wichtiger Erfolgsschlüssel unserer Arbeit und daher haben wir im Laufe der letzten Jahre die einzelnen Module am Bedarf unserer Zielgruppe angepasst und zusammen mit Partnern neue Module entwickelt. Beispielsweise haben wir ein Modul in einem ehemaligen Gestapo-Gefängnis in Köln, dem heutigen NS-Dokumentationszentrum, wo wir aktuell und mit dem historischen Hintergrund Grundrechte weitervermitteln. Erfolgsergebnisse gibt es viele: Wir haben es letztes Jahr geschafft genügend Interessenten für unsere Keepers-Qualifizierung in NRW zu gewinnen und in wenigen Monaten schon ein kleines Netzwerk aufzubauen. Die breite Projektpalette, die wir mit der Zeit entwickelt haben macht uns besonders stolz. Im Dezember letzten Jahres gab es für unsere Arbeit den Deutschen Engagementpreis.

Was hat nicht so gut funktioniert und wie würden Sie es in Zukunft anders machen?

Wir haben lange Zeit kaum Marketingmaßnahmen realisiert, weil wir dachten dass sich Qualität immer durchsetzt. Aber durch die fehlende Öffentlichkeitsarbeit kannten viele potentielle Förderer unsere Arbeit und Projekte nicht. Das sind wir im Jahr 2018 besser angegangen. Aber auch da gibt es noch viel Nachholbedarf. Zudem haben wir jungen Menschen in einigen Fällen Maßnahmen und Projekte vorgeschlagen, die dann nicht so funktioniert haben, wie wir es geplant hatten. Seitdem achten wir darauf, beim Konzept der Projekte immer zuerst die Zielgruppe einzubinden. Nur so können sie davon profitieren. Wir sind eine lernende Organisation und sehen in vielen Bereichen noch viel Nachholfbedorf und versuchen uns immer von Jahr zu Jahr zu verbessern.

Wie gelingt die Gewinnung neuer Mitglieder im Netzwerk?

Die Gewinnung neuer Mitglieder geht im Prinzip mit der Wirkung unserer Arbeit bzw. der einzelnen Projekte einher. Die Menschen, die sich daran beteiligen in der Rolle als Helfender oder als Betroffener, beispielsweise im Rahmen einer Beratung, erleben selbst in welcher Form und wie nachhaltig die Bemühungen sind. Die Community ist mittlerweile so gewachsen, dass sich fortlaufend Interessenten bei uns auf unterschiedliche Art und Weise beteiligen möchten. Besonders freut es uns, wenn sich Jugendliche und junge Erwachsene melden. Was auch sehr erfreulich ist, dass sich Studierende oder Absolventen für unsere Arbeit interessieren und mit ihrem frischen Know-how aktiv werden möchten. Alle Mitglieder profitieren von unseren Angeboten in einem großen Netzwerk und bekommen ihre Aktivitäten auch bescheinigt. Das spornt viele an, aktiv zu bleiben. Zivilgesellschaftliches Engagement lohnt sich zweifelsfrei für jeden.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Stadt Köln und der Polizei Köln?

Die Kooperationen zur Stadt Köln und zur Polizei Köln bestehen seit der Gründung des Trägervereins und des Projekts 180 Grad Wende R. Wir haben damit zwei sehr wichtige Partner im Boot, die unsere Arbeit sehr unterstützen. Insbesondere im Hinblick auf unsere Multiplikatorinnen- und Multiplikatoren-Ausbildung haben wir mit der Stadt Köln beispielsweise das Modul „Demokratie und Recht“ im NS-Dokumentationszentrum in Kooperation mit der Bildungsstelle gegen Rechtsextremismus und ein „Deeskalationstraining“ mit erfahrenen Anti-Aggressionstrainern realisieren können. Mit der Polizei Köln setzen wir zwei Module zur Drogenprävention und Zivilcourage im Rahmen der Ausbildung um sowie zwei weitere fakultative Module - ein Verkehrsunfallpräventionsprogramm und der Besuch der Polizeiinspektionen. Uns werden Räumlichkeiten und Referenten zur Verfügung gestellt.

Wie gelingt die Kooperationen mit Jugendzentren, Moscheen und Schulen?

Wir bekommen seit Beginn unserer Arbeit sehr viele Anfragen von verschiedenen Stellen und Akteuren - mehr als wir bewältigen können. Wir versuchen aber bestmöglich, eine Priorisierung vorzunehmen und die Wirkungsweite einzuschätzen sowie die Frage zu klären, wie wir die Zielgruppe mit welcher Kooperation bzw. welchem Partner erreichen können.
Daraus haben sich einige Programme ergeben wie das Menschenfreund-Menschenfeind Programm an Schulen. Beispielsweise haben wir das Konzept des Pluskurses auf Bonn transferiert, wo wir seit Neuestem einen mobilen Pluskurs in verschiedenen Moscheen anbieten.

Was hat Sie in Ihrer Arbeit mit diesem Modellprojekt besonders motiviert bzw. motiviert sie noch?

Wir sind eine „Bewegung“, die sich bemüht, etwas zu bewegen. Wir bewirken was und solange dies der Fall ist, soll es immer weitergehen. Es ist sogar passiert, dass in einigen Fällen, wo Jugendliche den Weg aus der Radikalisierung geschafft haben, uns jetzt helfen und Teil der Arbeit geworden sind. Das macht uns natürlich besonders stolz. Und motiviert uns weiterzumachen und niemanden zurückzulassen.

Wenn Sie aus Ihren Erfahrungen schöpfen – welche Tipps würden Sie anderen Initiativen für deren Arbeit mit auf den Weg geben?

Egal was ihr macht, macht es mit Herz und lasst euch nicht davon abhalten Gutes zu tun.

Herr Berrissoun, vielen Dank für das Gespräch.

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