Zum Inhalt springen Zum Hauptmenü springen Zum Servicemenü springen

Glossar

Wortergreifungsstrategie

Die "Wortergreifungsstrategie" ist ein politischer Kampfbegriff der extremen Rechten. Er bezeichnet die gezielt ausgeführte Konfrontation rechtsextremer Kräfte mit Vertretern der demokratischen Zivilgesellschaft in der Öffentlichkeit. Dabei werden besonders Diskussionsrunden und kulturelle Veranstaltungen ins Visier genommen. Maximales Ziel ist die Eroberung der Meinungsführerschaft, minimales die Verunsicherung der Beteiligten.

Ein Beispiel: Auf einer Podiumsdiskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung in Friedrichshafen im Juli 2007 erschienen mehr als ein Dutzend schwarz gekleidete Rechtsextreme. Hinzu kamen einige unauffällig gekleidete junge Anhänger, die die Diskussion mit Wortbeiträgen über die angebliche Verfolgung und Kriminalisierung von NPDlern unterbrachen.

In einer vom NPD-Vorstand 2006 herausgegebenen "Handreichung für die öffentliche Auseinandersetzung" unter dem Titel "Argumente für Kandidaten & Funktionsträger" beschrieb der damals amtierende Bundesvorsitzende der NPD Udo Voigt sehr deutlich das Ziel dieses Vorgehens: "Es wird immer schwieriger, eigene NPD-Veranstaltungen in Deutschland durchzuführen. Besuchen wir daher im Sinne der Wortergreifungsstrategie die Veranstaltungen des politischen Gegners." Und weiter: "Doch sobald er eine öffentliche Veranstaltung macht, müssen Nationaldemokraten vor Ort ein, um etablierte Politiker und Kandidaten zur Rede zu stellen."

Der Begriff selbst stammt aus dem Umfeld der NPD und umfasst im rechtsextremen Jargon die Absicht die Deutungshoheit über soziale, politische und historische Themen zu erlangen sowie Agitation in eigener Sache zu betreiben. Die Strategie, das Wort zu ergreifen und ein Thema mit rechten Ideologien zu besetzen, verfolgt darüber hinaus das Ziel, demokratischen Kräfte durch ihre eigenen Mittel bloßzustellen und zu schwächen. Durch trainierte Rhetorik werden die Diskussionspartner gezwungen, klare Sachverhalte zu wiederholen, permanent neu zu begründen und zu verteidigen.

Die Wortergreifung und dabei der vermeintliche Dialog sind Teile der Normalisierungsstrategie der Rechtsextremen. Diese zielt darauf ab, das Image vom schlagenden Skin zum argumentieren "guten Bürger" hin zu verändern um damit dem "Kampf um die Köpfe" zu gewinnen. Dennoch kommt es auf Veranstaltungen neben plumpen Störungen und Zwischenrufen oft immer noch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Um diese Angriffe auf unsere demokratischen Grundwerte zu verhindern, ist es unerlässlich sich bereits vor dem Stattfinden von Veranstaltungen mit Gefährdungspotential über die Abwehr solcher Störungen zu informieren. Im Internet finden sich zum Beispiel unter dem Stichwort "Streiten mit Neonazis" nützliche Hinweise und Handreichungen. Letztlich ist der Dialog mit dialogunwilligen, rhetorisch geschulten Rechten von Beginn an zum Scheitern verurteilt. Dennoch weisen Aussteiger nachdrücklich daraufhin, dass sie durch überzeugende Gegenargumente zum Nachdenken gebracht wurden.

Verfasst für das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier Rechtsextremismus 2010