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Glossar

Sinti und Roma, "Zigeuner"

Die unter dem Begriff "Zigeuner" zusammengefassten Gruppen bilden in ihrem eigenen Selbstverständnis keine einheitliche und zusammengehörende Einheit. Sie selbst unterscheiden sich in die beiden großen Gruppen der Sinti und Roma. Sinti sind die seit dem 15. Jahrhundert in Mitteleuropa beheimateten Gruppen, Roma heißen die aus Ost- und Südosteuropa stammenden Gruppen, die seit dem 19. Jahrhundert auch in Deutschland leben. Außerhalb des deutschen Sprachraums ist "Roma" die Bezeichnung für beide Gruppen.

Die Existenz von Gruppen, die als "Zigeuner" bezeichnet werden, ist historisch seit dem 13. Jahrhundert verbürgt. Heute leben in Deutschland dauerhaft ca. zwischen 80.000 und 120.000 Sinti und Roma, für ganz Europa schätzt man ihre Zahl auf 7 bis 8,5 Millionen.

Anders als dies in Stereotypen tradiert wird, ist der größte Teil der Sinti und Roma heute sesshaft.Die Kultur der Sinti- und Roma-Gruppen ist durch eine Reihe von Merkmalen geprägt. Dazu gehören die auch auf die historischen Verfolgungen zurückgehende Abgrenzung von der Mehrheitsbevölkerung, ihre Sprache (Romanes), die hohe Bedeutung von Verwandtschaftsbeziehungen, für die die Ehe auch zur Bildung von Familienallianzen genutzt wird, eine interne Selbstverwaltung und ein soziales Kontrollsystem, das über die Unterscheidung von ritueller Reinheit / Unreinheit funktioniert.

Als weitere Eigenheiten gelten der hohe Rang der beruflichen Selbständigkeit, das historische Selbstverständnis als fahrende oder als sesshafte Gruppe, eine aus verschiedenen Quellen gespeiste Religiosität, die frühe Behandlung von Kindern als Erwachsene, die starke Trennung der weiblichen und der männlichen Lebensbereiche und eine mehrschichtige Identität, die neben der Zugehörigkeit zu einer Romagruppe auch die Zugehörigkeit zur jeweiligen Mehrheitsbevölkerung umfasst. Nicht alle dieser Charakteristika sind bei allen Gruppen zu beobachten.

Sinti und Roma sind auf Grundlage des Rahmenübereinkommens des Europarats zum Schutz nationaler Minderheiten seit 1998 völkerrechtlich als nationale Minderheit in Deutschland anerkannt. Seit Februar 2013 werden Sinti und Roma in der Landesverfassung von Schleswig-Holstein als Minderheit anerkannt, die Anspruch auf Schutz und Förderung hat. 1997 wurde das "Dokumentations- und Kulturzentrum der Sinti und Roma" in Heidelberg gegründet, seit 1999 existiert in Köln ein "Archiv- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Kultur der Roma".

Literatur:
Herbert Uerlings/ Iulia-Karin Patrut (Hg.): 'Zigeuner' und Nation. Repräsentation - Inklusion - Exklusion, Frankfurt a.M. 2008
Themenheft "Sinti und Roma" von "Aus Politik und Zeitgeschichte" (30.5.2011) http://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/33269/sinti-und-roma
Gabi Meyer: Offizielles Erinnern und die Situation der Sinti und Roma in Deutschland. Der nationalsozialistische Völkermord in den parlamentarischen Debatten des Deutschen Bundestages, Wiesbaden 2013
Dokumentations- und Kulturzentrum der Sinti und Roma www.sintiundroma.de
Zentralrat Deutscher Sinti und Roma www.zentralrat.sintiundroma.de

Verfasst von Dr. Michael Kohlstruck für das Glossar der Bundesprogrammseite von kompetent. für Demokratie.
Überarbeitet und aktualisiert von Dr. Michael Kohlstruck für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand April 2013]