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Glossar

Rechtsextrem gefährdete und orientierte Jugendliche

Rechtsextrem gefährdete und orientierte Jugendliche sind Adressat/-innengruppierungen von Maßnahmen, die in einer Gemengelage von Prävention und Intervention selektiv an Risikogruppen und indiziert an einzelne Problemträger/-innen gerichtet sind. Unter Rückgriff auf ein Verständnis von Rechtsextremismus als dem Zusammenfließen von Repräsentationen der Ungleichheit und Gewaltakzeptanz bezeichnen die beiden Formulierungen "rechtsextrem gefährdet" und "rechtsextrem orientiert" unterschiedliche Ausprägungen von "rechtsextremer Affinität". "Rechtsextrem orien­tierte Jugendliche" sind Personen, die erkennbar rechtsextreme Haltungen, also Orientierungen (z. B. Einstellungen oder Mentalitäten) und/oder Aktivitäten an den Tag legen und/oder Teil rechtsextrem orientierter Cliquen, Szenen und Organisationen sind.

Während sie von einer hohen Vorurteilsbereitschaft sowie der Ablehnung und dabei ggf. Abwertung gesellschaftlicher Minderheiten geprägt sind, spielen Gewaltakzeptanz und -bereitschaft bei ihnen zwar eine wichtige, aber nicht unbedingt durchgängig prägende und mit der Durchsetzung von politischen Überzeugungen funktional verbundene Rolle. Rechts­extrem orientierte Jugendliche sind nach diesem Verständnis keine bedeutsamen Funktionsträger im organisierten Rechts­extremismus, sondern bilden eher dessen tendenziell mobilisierungsfähigen Vorhof.

Bezeichnet werden sie in der Praxis oft als "Sympathisant/-innen" oder "Mit­läufer/-innen". Anders als organisatorisch fest in Strukturen eingebundene Rechts­extreme, die über ein ideologisch relativ geschlossenes rechtsextremes Weltbild verfügen, gelten rechtsextrem orientierte Jugendliche als noch erreichbar für pädagogische bzw. sozialarbeiterische Prävention und Intervention . Unter "rechtsextrem gefährdeten Jugendlichen" werden junge Menschen verstanden, die sich im Umfeld rechtsextrem orientierter Cliquen, Szenen und organisatorischer Zusammenhänge, aber auch in entsprechenden familiären, verwandtschaftlichen, sozialräum­lichen und virtuellen Kontexten bewegen und bei denen zu vermuten ist, dass die dort vertretenen politischen Haltungen sowie die mit ihnen verbundenen sozialen Zusammenschlüsse Anziehungskraft auf sie ausüben. In der wissenschaftlichen Literatur werden beide Begriffe in der Regel synonym verwendet.

Die Formulierungen "rechtsextrem gefährdet" bzw. "rechtsextrem orientiert" machen jedoch zweierlei deutlich: Zum Ersten unterstellen sie nicht, dass Jugendliche rechtsextrem oder gar rechtsextremistisch seien. Zum Zweiten erscheint eine analytische Trennung von "Orientierung" und "Gefährdung" sinnvoll, weil so unterschiedliche Grade von Affinität differenziert werden können. Indem eine solchermaßen differenzierende Begriffsverwendung Erstgenanntes vermeidet, entgeht sie der Gefahr, Menschen in Entwicklung - als eben solche lassen sich gerade Jugendliche begreifen - zu etikettieren, zu stigmatisieren und zu marginalisieren. Gefährdetsein beschreibt ein Risiko, zum Problemträger werden zu können; Orientiertsein beschreibt eine politisch-sozialisatorische Ausrichtung auf, aber nicht eine völlige Übernahme von rechtsextreme(n) Haltungen. Faktisch ist zu berücksichtigen, dass es sich um "Strömungsgrößen" handelt.

Die Dynamik der politischen Sozialisationsprozesse macht es im konkreten Fall unter Umständen schwer, im Hinblick auf ein bestimmtes Individuum zu bestimmen, ob "nur" eine Gefährdung oder "schon" eine Orientierung vorliegt. Denn Gefährdet- und Orientiertsein kann in verschiedenen Dimensionen auftreten, so dass nicht auf ein einheitlichen Standardmodell zurückgegriffen werden kann, um einen konkreten Fall klar zu identifizieren, zu "messen" bzw. schablonenhaft abzugleichen. So kann beispielsweise ein Gefährdet- bzw. Orientiertsein durch die räumliche Nähe zu rechtsextremen Akteuren bzw. rechtsextrem konturierten Diskursen, durch ideologische Fundamentierung persönlicher Überzeugungen, "nur" durch die bloße Zugehörigkeit zu rechtsextrem orientierten Cliquen und Szenen, durch mentalitäre Affinitäten oder durch die Übernahme von Aufgaben im rechtsextremen Zusammenhang charakterisiert sein. Daher ist nur durch Fachkräfte vor Ort in intersubjektiv verschränkter Perspek­tivik zu bestimmen, inwieweit eine Gefährdung oder eine Orientierung vorliegt.

Die noch weit verbreitete Vorstellung rechtsextrem orientierter Jugendlicher als deutschstämmige, zumeist männliche Heranwachsende ab dem Pubertätsalter bildet die Gesamtproblematik, wie auch Jutta Aumüller in ihrer Expertise zeigt, nur verkürzt ab. So gelangen nicht nur jüngere Altersgruppierungen mittlerweile in das Blickfeld rechtsextremer Rekrutierung und damit auch von Präventionspolitik; auch Mädchen und junge Frauen sowie Jugendliche migrantischer Herkunft geraten mehr und mehr in den Fokus. Auch sie können rechtsextreme Orientierungen sowie einen nicht zu vernachlässigenden Grad der Einbindung in rechtsextreme (Cliquen-)Zusammen­hänge aufweisen.

Zunehmend wichtig erscheint es, rechtsextreme Haltungen im Kontext sog. gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF ) wahrzunehmen und anzugehen und dabei dem Auf- und Abbau pauschalisierender Ablehnungskonstruktionen (PAKOs) erhöhte Aufmerksamkeit zu zollen.

Dieser Beitrag basiert auf Auszügen aus der von BIKnetz in Auftrag gegebenen Expertise: Möller, Kurt/ Schuhmacher, Nils (2014): Soziale und pädagogische Arbeit mit rechtsextrem affinen Jugendlichen. Akteure, Projekte, Ansätze und Handlungsfelder. Hrsg.: Kontaktstelle BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus. Berlin. Literatur: Silke Baer/Kurt Möller/Peer Wiechmann (Hg.): Verantwortlich Handeln: Praxis der Sozialen Arbeit mit rechtsextrem orientierten und gefährdeten Jugendlichen. Opladen, Berlin, Toronto 2014: Verlag Barbara Budrich. Kurt Möller/Stefan Wesche: "Distanzierungen von rechtsextremen Haltungen. Zur Funktion staatlicher Aussteigerprogramme" In: Rieker, Peter (Hg.): Hilfe zum Ausstieg? Ansätze und Erfahrungen professioneller Angebote zum Ausstieg aus rechtsextremen Szenen. Weinheim und Basel 2014: Beltz Juventa, 20-44. Kurt Möller: "Unsere Jugend - Aspekte kommunaler Verantwortlichkeit bei der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus" In: Becker, Reiner/Palloks, Kerstin (Hg.): Jugend an der roten Linie. Analysen von und Erfahrungen mit Interventionsansätzen zur Rechtsextremismusprävention. Schwalbach/Ts. 2013: Wochenschau-Verlag, 213-222. Verfasst von Prof. Dr. Kurt Möller für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand September 2014].