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Glossar

Prävention

Der Begriff der Prävention leitet sich aus dem Lateinischen (praevenire = zuvorkommen, vereiteln) ab. Prävention lässt sich mit der Formel "Vorbeugen ist besser als Heilen" umschreiben und richtet sich darauf, unerwünschten und zukünftigen Vorkommnissen mit geeigneten Maßnahmen entgegenzuwirken.

Der Ansatz hat sich ausgehend von seiner Verwendung in der Kriminologie, der Medizin (Rosebrock 2008) oder der Psychologie auch in pädagogischen Kontexten ausgebreitet (BMJFFG 1990, Lukas 2001). Während Pädagogik jedoch ermöglichen und Handlungsfähigkeiten von Subjekten erweitern will, zielt Prävention stärker auf Verhinderung (Kohlstruck/Krüger/Krüger 2009: 26ff.) und legt daher nah, Subjekte als Risikogruppen und Gefahrenquelle zu betrachten (Bröckling 2004, 2008) - Förderung und Vorbeugung sind nicht identisch.

In der neueren Fachdiskussion wird angesichts ihrer auf Risikolagen gerichteten Perspektive und der mit ihr verbundenen normativen Annahmen über erwünschte und unerwünschte Zustände verstärkt ein reflektierter Umgang mit Präventionskonzepten angeregt (BMFSFJ 2009). Der produktive Grundgedanke der Vorbeugung soll gegenüber möglichen Begleiterscheinungen wie der Vermittlung eindimensionaler Normalitätskonzepte oder der Stigmatisierung von Zielgruppen als potenzielle Gefahrengruppe - insgesamt also einer Defizitorientierung anstelle einer anzustrebenden Ressourcen- und Bewältigungsorientierung - gestärkt werden (Lüders 2011).

Da Prävention ein voraussetzungsvolles Konzept ist (Holthusen et.al. 2011), kann die Vertrautheit mit geläufigen Kategorien und Unterscheidungen einen differenzierten Einsatz von Präventionsansätzen befördern, obwohl bisher kein einheitliches Kategorienraster vorliegt. Einflussreich ist eine Begrifflichkeit des amerikanischen Psychiaters Gerald Caplan (1964) geworden, der die primäre, sekundäre und tertiäre Prävention unterschieden hat und damit den jeweiligen Interventionszeitpunkt zum Abgrenzungsmerkmal unterschiedlicher Präventionstypen gemacht hat. Primäre Prävention setzt bereits im Vorfeld des Auftretens unerwünschter Zustände an und will ihre Herausbildung unterbinden, sekundäre Prävention richtet sich auf erste Ausprägungen und Anzeichen und möchte deren Verfestigung verhindern und tertiäre Prävention richtet sich auf bereits manifeste Erscheinungen, um einem erneuten Auftreten vorzubeugen (Johansson 2012).

Bezogen auf die Rechtsextremismusprävention können in den Bereich der Primärprävention Maßnahmen gerechnet werden, die mit der Förderung der demokratischen Kultur oder der interkulturellen Toleranz beratend und aufklärend im Vorfeld der Entstehung von Rechtsextremismus ansetzen. Von der sozialisatorischen Verstärkung demokratischer und toleranter Normen und Werte wird hier erwartet, rechtsextremen Orientierungen die strukturellen und individuellen Gelegenheitsstrukturen zu entziehen. In den Bereich der sekundären Prävention sind Maßnahmen zu zählen, die sich verstärkt bspw. auf bereits rechtsextrem gefährdete bzw. orientierte Jugendliche und potenzielle "Täter" richten. Prävention zielt hier bspw. darauf, die Verfestigung diffuser Einstellungsmuster zu verhindern und den Übergang von Einstellungen zu (gewalttätigem) Handeln zu unterbrechen. In den Bereich der tertiären Prävention fällt die Arbeit mit bereits auffällig oder straffällig gewordenen Zielgruppen. Prävention kann daher nicht im Vorfeld der Entstehung entsprechender Einstellungsmuster ansetzen. Der vorbeugende Fokus richtet sich auf den Abbau dieser Orientierungen mit dem Ziel der Verhinderung einer Wiederholung von Straf- oder Gewalttaten. Insbesondere im Feld der tertiären Prävention ergeben sich allerdings Unschärfen der Abgrenzung zwischen Intervention und Prävention. Daher wird mittlerweile auch auf die von Robert S. Gordon (1983) entwickelte Unterscheidung von universaler, selektiver und indizierter Prävention zurückgegriffen, die auf der Unterscheidung spezifischer und unspezifischer Präventionsansätze aufbaut.

Präventive Maßnahmen können überdies am Individuum und/oder am Setting ansetzen. Geht es im ersten Fall um eine sog. Verhaltensprävention, handelt es sich im zweiten Fall um eine sog. Verhältnisprävention, die sich auf die vorbeugende und förderliche Gestaltung der sozialen Kontexte von Individuen richtet. Die Entwicklung rechtsextremer Einstellungsmuster und Handlungsorientierung lässt sich als misslungene Balance von belastenden Erfahrungen und individuellen Verarbeitungsmustern verstehen. Für präventive Ansätze bedeutet das, dass sie sich auf die Reduzierung von Risikofaktoren ebenso wie auf die Stärkung von Schutzfaktoren richten können. Mit dem Begriff der Resilienz werden in jüngerer Zeit solche Schutzfaktoren untersucht, die Heranwachsenden eine autonome Identitätsbildung auch unter objektiv schwierigen Bedingungen ermöglichen. Präventionsmaßnahmen können sich schließlich nicht nur auf (potenzielle) "Täter", sondern sich ebenso stärkend und unterstützend auf mögliche "Opfer" und Betroffene richten. Die Grundorientierung von Präventionskonzepten hat zu einer zunehmenden Vorverlagerung von als wirksam betrachten Interventionspunkten im Rahmen des Lebenslaufs geführt.

Auch Kinder bzw. Kindergärten und KiTas stellen insofern relevante Zielgruppen oder Handlungsfelder dar. Dabei sollte allerdings nicht aus dem Blick geraten, dass rechtsextreme Einstellungen bei älteren Menschen besonders verbreitet sind und diese auch als bedeutsame Bezugspersonen auf Sozialisationsprozesse jüngerer Menschen einwirken. In inhaltlicher Hinsicht lassen sich mit Rieker (Rieker 2009, vgl. auch Greuel/Münch 2011) für den Bereich der Rechtsextremismusprävention folgende zentrale Ansätze unterscheiden: Ansätze der politischen Bildung ( Historisch-politische Bildung , Aufklärung zu aktuellem Rechtsextremismus, Menschenrechtspädagogik, Zeitzeugenarbeit, Plan- und Rollenspiele), Ansätze des interkulturellen Lernens (Interkulturelle Begegnungen, interkulturelle Seminare), Ansätze zur Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft (Netzwerkbildung, Lokale Aktionspläne, Partizipations- und Beteiligungsförderung).

Die im Rahmen der präventiven und pädagogischen Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus in den letzten Jahrzehnten entstandenen Projektformate und Handlungsansätze weisen eine hohe Heterogenität auf. Präventive Zugänge, die auf den Erwerb von Verhaltenskompetenzen und von Alternativen zu ausgrenzenden und gewalttätigen Interaktionsmustern zielen, erweisen sich als besonders aussichtsreich (Möller 2009). Mit Möller (Möller, Kurt 2002, zit. nach Greuel/Münch 2011) lassen sie sich nach der jeweils angesteuerten Handlungsebene wie folgt unterscheiden: Wissensvermittlung (Information, Aufklärung, Bewusstmachung, argumentative Überzeugung, kognitiv-moralische Reflexion), Erfahrungslernen (Vermittlung und Förderung personaler und sozialer Kompetenzen, Vermittlung funktionaler Äquivalente zu problematischen Orientierungen bzw. Verhaltensweisen), Helfen als opfer- und täterbezogene personale Zuwendung, Gestaltungsinteressen (Strategien infrastruktureller Arbeit, politische Einmischung, Sozialraumorientierung).

Vorliegende Ansätze werden zunehmend als sich wechselseitig ergänzend betrachtet. Für wirksame Prävention sind integrierte und multimodale Vorgehensweisen erforderlich (Karstedt 2009), die Ausrichtung auf Strukturen des lokalen Gemeinwesens ist entscheidend. "Neuere Konzepte versuchen gerade die Potenziale der kommunalen Akteure zu bündeln [...] Kooperation und Vernetzung gelten derzeit als Zauberworte" (Lukas 2013: 683).

Vor allem Lokale Aktionspläne , die bspw. im Rahmen der Programme des BMFSFJ ("VIELFALT TUT GUT.", "TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN") bundesweit gefördert wurden, stehen im Bereich der Rechtsextremismusprävention und der Demokratieförderung für einen derartigen integrativen und vernetzten Handlungsansatz. Sie ermöglichen die Entwicklung von auf lokale Problemlagen und Ressourcen abgestimmten integrierten Handlungsstrategien unter einer möglichst frühzeitigen und partizipativ angelegten Beteiligung der relevanten Stakeholder aus der kommunalen Verwaltung und der Zivilgesellschaft (Behn et.al. 2013).

Literatur: Behn, Sabine/Bohn Irina/Karliczek, Kari-Maria/Lüter, Albrecht/Sträter, Till (2013): Lokale Aktionspläne für Demokratie. Zivilgesellschaft und Kommune in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus, Weinheim und München. BMFSFJ (2009): 13. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland, Berlin. BMJFFG (1990): 8. Jugendbericht. Bericht über Bestrebungen und Leistungen der Jugendhilfe, Bonn. Bröckling, Ulrich (2004): Stichwort: Prävention. In: Bröckling, Ulrich/Krasmann, Susanne/Lemke, Thomas (Hrsg.) Glossar der Gegenwart, Frankfurt am Main, S. 210-215. Bröckling, Ulrich (2008): Vorbeugen ist besser... Zur Soziologie der Prävention. In: Behemoth. A Journal on Civilisation. (2008)1, S. 38-48. Caplan, Gerald (1964): Principles of Preventive Psychiatry, New York. Greuel, Frank/Münch, Anna Verena (2011): Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland. Ein Überblick zu aktuellen Erscheinungsformen und Ansätzen der pädagogischen Prävention. In: Münch, Anna Verena/Glaser, Michaela (Hrsg.): Rechtsextremismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in Europa. Erscheinungsformen, gesellschaftliche Reaktionen und pädagogische Antworten, Halle, S. 52-81. Holthusen, Bernd/Hoops, Sabrina/Lüders, Christian/Ziegleder, Diana (2011): Über die Notwendigkeit einer fachgerechten und reflektierten Prävention. Kritische Anmerkungen zum Diskurs. In: DJI-Impulse (2011)2, S. 22-25. Johansson, Susanne (2012): Rechtsextremismusprävention und Demokratieförderung in den Feldern der Pädagogik, der Beratung und Vernetzung: eine kurze Begriffseinordnung und -abgrenzung. BIKnetz, Online unter: www.biknetz.de/fileadmin/Dokumente/Oeffentlichkeit_herstellen/Themen/Aufsaetze/Aufsatz_S._Johannson_REpr%C3%A4vention_final.pdf [06.05.2013] Karstedt, Susanne (2009): Was können wir wissen, was sollen wir tun? Evaluation von Präventionsmaßnahmen im Bereich der Jugendkriminalität. In: Wohlgemuth, Katja (Hrsg.): Prävention in der Kinder- und Jugendhilfe. Annäherung an eine Zauberformel, Wiesbaden, S. 163-185. Kohlstruck, Michael/Krüger, Michael/Krüger, Katharina (2009): Was tun gegen rechte Gewalt? Forschungsbericht der Arbeitsstelle Jugendgewalt und Rechtsextremismus am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin, Berlin. Lüders, Christian (2011): Von der scheinbaren Selbstverständlichkeit präventiven Denkens. In: DJI-Impulse. H.2, S. 4-6. Lukas, Helmut (2001): Prävention als Leitbild? Zum Stand der fachlichen Diskussion um präventive Konzepte in der Kinder- und Jugendhilfe. In: Jugendhilfe 39(2001)1, S. 5-13. Lukas, Helmut (2013): Stichwort: Prävention. In: Kreft, Dieter/Mielenz, Ingrid (Hrsg.): Wörterbuch Soziale Arbeit. Weinheim und München. Möller, Kurt (2002): Pädagogische und sozialarbeiterische Ansätze der Stärkung von Integrationspotenzialen zur Bearbeitung von Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt auf dem Hintergrund von Anerkennungszerfall und Desintegration. Erziehungs- und sozialarbeitswissenschaftliche Expertise zum Forschungsverbund: "Stärkung von Integrationspotenzialen einer modernen Gesellschaft", Esslingen und Bielefeld. Möller, Kurt (2007): Soziale Arbeit gegen Menschenfeindlichkeit. Lebensgestaltung über funktionale Äquivalenzen und Kompetenzentwicklung. In: Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 5, Frankfurt am Main, S. 294-311. Rieker, Peter (2009): Rechtsextremismus: Prävention und Intervention. Ein Überblick über Ansätze, Befunde und Entwicklungsbedarf, Weinheim und München. Rosebrock, Rolf (2008): Primärprävention - Was ist das und was soll das? Discussion Paper SP I 2008-303 des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin. Verfasst von Dr. Albrecht Lüter , Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik - Frankfurt/Main für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand: Juni 2013]