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Glossar

National befreite Zonen

Im Jahr 1991 veröffentlichte der NPD- nahe Nationaldemokratische Hochschulbund in seiner Zeitschrift "Vorderste Front" einen Beitrag mit dem Titel "Schafft national befreite Zonen". Darin wurden Rechtsextreme aufgerufen, die Vorherrschaft über bestimmte Sozialräume zu gewinnen und "Unerwünschte", wie Ausländer und Andersdenkende, daraus zu verdrängen.

Die Idee National befreiter Zonen wurde insbesondere von den Jungen Nationaldemokraten (JN) übernommen und weiterentwickelt. Im Kern beziehen sich National befreite Zonen auf das Konzept der "Kulturellen Hegemonie" des italienischen Sozialisten Antonio Gramsci (1891-1937). Er verstand unter kultureller Hegemonie eine gesellschaftliche Vormachtstellung, die dadurch erreicht wird, dass Autoritäten sich einen gesellschaftlichen Konsens für ihre Position sichern. Medien, Bildungsinstitutionen und zivilgesellschaftliche Institutionen allgemein spielen hierfür eine wichtige Rolle. Das Konstrukt der National befreiten Zonen überspitzt Gramscis Idee der Kulturellen Hegemonie: National befreite Zonen werden geschaffen, indem Rechtsextreme eine soziale, wirtschaftliche und politische Vormachtstellung in einem bestimmten Gebiet gewinnen. Sie versuchen dabei aber nicht nur, aktiv eine Hegemonialstellung einzunehmen, sondern gleichzeitig konkurrierende oder "störende" Akteure aus dem Einflussbereich zurückzudrängen. In der Regel arbeiten sie dabei gezielt mit Gewaltandrohung und Gewaltausübung gegen Andersdenkende und Andersaussehende.

Die Idee der National befreiten Zonen findet sich indirekt auch im "Vier-Säulen-Konzept" der NPD, das zu zu einem Kampf um die Köpfe, um die Parlamente, um die Straßen und um den organisierten Willen aufruft. National befreite Zonen repräsentieren dabei sowohl den Kampf um die Köpfe, als auch den um die Straßen. Denn durch Bürgerfeste, organisierte Nachbarschaftshilfe, aber auch durch das gezielte Stören gegnerischer Aktivitäten versuchen die Rechtsextremisten, in den gesellschaftlichen Alltag vieler Sozialräume vorzudringen und gleichzeitig den Einfluss gegnerischer Akteure zu minimieren.

Für großräumige national befreite Zonen wirbt die rechtsextreme Szene aufgrund zunehmender Differenzierungen konkurrierender Jugendkulturen immer seltener, dafür ringt sie aber in kleineren, überschaubaren regionalen Räumen nur umso mehr um ihre Verbreitung. So wird dort der Druck auf Ausländer, Zugereiste und politische Gegner erhöht.

Im Jahr 2000 wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff National befreite Zone zum Unwort des Jahres 2000. Die öffentliche Debatte darüber flammte zuletzt in Bezug auf den verwandten Begriff der "No-go-Areas" 2006 wieder auf - worunter von Rechtsextremen dominierte Orte verstanden werden, die von Ausländern und "Nichtrechten" lieber gemieden werden, wollen sie nicht Opfer von Gewalt oder Einschüchterung werden.

Verfasst von Holger Kulick im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung für das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier Rechtsextremismus 2010. Überarbeitet, ergänzt und aktualisiert von Holger Kulick für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Januar 2013]