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Glossar

Jugendszene, rechtsextreme

Rechtsextreme Jugendcliquen entstanden ursprünglich vor allem im Umfeld der rechtsextremen Skinheadkultur und zeichneten sich durch ihr Provokationsgebaren aus: Es ging um lautstarke Bekenntnisse, martialisches Auftreten und darum, möglichst verbotene Nazi-Rockmusik zu hören.

In der Zwischenzeit haben jugendkulturelle Erwägungen aber längst Einzug in die weitere rechtsextreme Szene gefunden. Verstärkt seit den neunziger Jahren strebt der deutsche Rechtsextremismus nach soziokultureller Durchdringung der Gesellschaft, sichert er seine Gefolgschaft nicht mehr nur mit politischen Parolen, sondern affektiv über Musik, Lebensstil und Clique.

Die rechtsextreme Szene heute bietet eine Mischung aus Abenteuerkultur, Sozialgemeinschaft und politischer Indoktrination. Das durchschnittliche Einstiegsalter liegt mittlerweile zwischen 11 und 14 Jahren - in dem Lebensabschnitt also, in dem Jugendliche auf Identitätssuche gehen und beginnen, sich von ihren Familien abzunabeln.

Haupteinstiegstor für Jugendliche in die rechtsextreme Szene ist Musik. Inzwischen gibt es ein breites Angebot an Rechtsrock , das neben klassischer Oi!-Musik, Dark-Wave und Liedermacher, Schlager und Techno einschließt. Neben der Musik stellen Symbole und Sprachcodes , Kleidung , Frisuren und Aufkleber das Selbstbild nach außen zur Schau. Dabei ist auffällig, dass die rechtsextreme Jugendkultur nicht eigens einen neuen Stil entwickelt, sondern eher Elemente anderer übernommen hat - sogar aus der linksautonomen Szene.Für die Entstehung einer rechtsextrem aufgeladenen Jugendkultur und -szene bedarf es keiner rechtsextremen Organisationen.

Vielmehr geriert sie sich oft spontan aus Verbindungen verschiedener Jugendcliquen, beeinflusst von Sozialisation, lokalen Peergroup-Dominanzen und jugendpsychologischen Komponenten. Hat sie sich jedoch erst einmal herausgebildet, bietet sie rechtsextremen Organisationen wichtige Ansatzpunkte. Einfluss auf die Jugendszene üben sie meist über Jungfunktionäre oder Kameradschaftsführer aus, die entgegen landläufig gezeichneter Bilder keine verblendeten Unterprivilegierten mit Orientierungsproblemen sind, sondern oft selbstbewusste und historisch-politisch geschulte junge Männer, die sehr genau wissen, welchen politischen Vorstellungen sie mit welchen Agitationsmitteln Macht verschaffen können.

Sie strukturieren die Jugendszene, geben Impulse, manipulieren und kanalisieren die politische Aktion im Rahmen nationaler Jugendarbeit.Maskulinitätsklischees - Standhaftigkeit, Kameradschaft und Wehrhaftigkeit - beherrschten lange das Auftreten der rechtsextremen Szene. Rechtsextreme Gewalt ging dementsprechend überwiegend von jungen Männern aus, die sich und ihrer Szene "Respekt verschaffen" und Einflusszonen ausbauen wollten.

Für die rechtsextreme Jugendszene war dies vor allem deshalb von Belang, weil der rechte "Sohn aus Heldenland" erst durch martialische Auftritte und exzessive Saufgelage zum potenten, starken Mann werden konnte. Mittlerweile ist dieses Bild aber mit der zunehmenden "Emanzipation" rechtsextremer Frauen im Wandel.

Auch für Frauen bildet die rechtsextreme Jugendszene eine Sozialisationsinstanz, in der sie lernen, sich aktiv in der politischen-ideologischen Arbeit einzusetzen, ihre Freunde zu unterstützen und anzustiften oder auch selbst gewalttätig zu werden.

Verfasst von Holger Kulick im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung für das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier Rechtsextremismus 2010.
Überarbeitet, ergänzt und aktualisiert von Holger Kulick für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Januar 2013]