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Glossar

Intervention

Der Begriff Intervention leitet sich vom lateinischen Wort "intervenire" (dazwischentreten, sich einschalten) ab und bezeichnet in den Sozialwissenschaften eine Form professionellen Handelns, die als nachgehender Eingriff beschrieben werden kann. Intervenierende Maßnahmen greifen direkt in das Geschehen ein, um ein bereits bestehendes gesellschaftlich oder personenbezogen unerwünschtes Phänomen bzw. Verhalten zu beseitigen oder das wiederholte Eintreten von Problemen zu verhindern (Schubarth 2000).

Bei der Intervention geht es somit immer auch um eine Form der sozialen Kontrolle (Böllert 2011). In der Fachliteratur werden die Handlungskonzepte "Prävention" und "Intervention" oftmals als Gegensatzpaare verstanden, eine einheitlich anerkannte fachliche Rahmung existiert nicht. Je nach Handlungsfeld verstehen einzelne Autoren Intervention entweder als Form tertiärer Prävention (Caplan 1964) oder unterscheiden Ansätze der Prävention und Intervention anhand des Zeitpunktes, zu dem die Maßnahmen angewendet werden.

Prävention beschreibt dann rechtzeitiges und vorbeugendes, Intervention nachgehendes professionelles Handeln, also dann, wenn ein Problem bereits existiert und als solches wahrgenommen wird. In der Auseinandersetzung mit Erscheinungsformen des Rechtsextremismus lassen sich unterschiedliche intervenierende Handlungsstränge differenzieren. Zum einen gehören in diese Kategorie rechtsstaatliche, repressive Maßnahmen wie i. e. Parteienverbote durch das Bundesverfassungsgericht, Vereinsverbote durch die Innenminister von Bund oder Ländern, die strafrechtliche Ahndung der Verwendung von Symbolen verfassungswidriger Organisationen, der Volksverhetzung bzw. Aufstachelung zum Rassenhass und von verbotener Propaganda sowie die Auflösung öffentlicher Versammlungen und Demonstrationsverbote seitens der Polizei und Gerichte (Klein 2007).

Repressive Maßnahmen sind ein wichtiges Instrument des demokratischen Rechtsstaats, sie sind jedoch keine Maßnahmen, die an den Ursachen des Rechtsextremismus ansetzen. Einen zweiten Handlungsstrang markieren Projekte, die übergeordnet als Resozialisierungsprojekte klassifiziert werden können. Hierzu gehören u. a. Ausstiegprojekte und Projekte, die als Trainings in Justizvollzugsanstalten umgesetzt werden (Wagner 2007; Lukas 2012). In rechtsextremen Organisationen eingebundene und/oder wegen zumeist Gewaltdelikten rechtskräftig verurteilte Personen erhalten durch solche Projekte Unterstützung beim Ausstieg aus der Szene und aus der Gewaltspirale. Hierzu gehört als eine Kernaufgabe die intensive Begleitung bei der kritischen Aufarbeitung der menschenverachtenden Ideologien und Handlungsmotive der Klient/-innen sowie der individuellen Affinisierungsgründe. Projekte, die zuvorderst mit jungen Menschen arbeiten, die in rechten Jugendszenen und Erlebniswelten verankert sind, bilden einen dritten Handlungsstrang.

Solche Projekte arbeiten in der Regel aufsuchend im Kontext der Jugendarbeit, kombinieren aber verschiedene pädagogische Formate wie i.e. Gruppenarbeit, Einzelfallhilfen, Jugendsozialarbeit und außerschulische Bildungsangebote mit dem Ziel, den Jugendlichen alternative Denkmuster erschließbar zu machen und den Einstieg in verfestigte rechte Szenen zu verhindern. Forschungsarbeiten belegen, dass es hierzu insbesondere auch wichtig ist, die persönlichen Anerkennungsbilanzen von Jugendlichen und ihre soziale Integration zu stärken (Möller/VAJA e.V. 2007).

Im weitesten Umfeld solcher Projekte sind auch Beratungsangebote für Familienangehörige zu verorten, die Unterstützung und Reflexionskontexte bieten (Müller/Peltz 2006). Als eine "Sonderform" der Intervention hat sich in den letzten fünfzehn Jahren die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus für eine demokratische Kultur entwickelt (Bohn/Burmeister/Klein/Schaffranke 2011; Lynen von Berg/Palloks/Steil 2007). Ihre Aufgabe ist es, zivilgesellschaftliche und staatliche Akteure dabei zu unterstützen, in eigeninitiativer und partizipativer Form manifesten Erscheinungsformen von Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus entgegenzuwirken.

Akteure im Gemeinwesen sollen mittels empowerment gestützten Beratungsformen aktiviert und befähigt werden, möglichst unter Inanspruchnahme aller vorhandenen Ressourcen, lokal angepasste Handlungsstrategien zu entwickeln und umzusetzen. Da die Erfahrungen lehren, dass Mobile Beratung insbesondere dann eine wirkungsvolle Handlungsstrategie sein kann, wenn auf vielfältige demokratische Potentiale im Gemeinwesen zurückgegriffen werden kann, setzt Mobile Beratung nicht nur auf eine Aktivierung der Akteure im Bedarfsfall, sondern - insbesondere in ländlichen Räumen - auch auf eine vorbeugende Vitalisierung und Diversifizierung der lokalen sozio-politischen Kultur (Becker 2013).

Literatur:
Becker, Reiner (2013): Rechtsextremismus und die Aufgabe demokratiefördernder Beratung. In: Journal für politische Bildung, Heft 2/2013, S. 37-45. Bohn, Irina, Burmeister, Christine, Klein, Ludger, Schaffranke, Dorte (2011): Endbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Programms "kompetent. für Demokratie - Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus", Frankfurt am Main und Berlin. Böllert, Karin (2011): Intervention, in Thole, Werner, Höblich, Davina, Ahmed, Sarina (Hg.): Taschenwörterbuch Soziale Arbeit, Bad Heilbrunn, S. 138. Caplan, Gerald. (1964) Principles of Preventive Psychiatry. Basic books, New York Klein, Ludger (2007): Die Demokratie braucht die Zivilgesellschaft. Plädoyer für eine integrierte Strategie gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit, Bonn. Lukas, Helmut (2012): Untersuchung zur Legalbewährung der Teilnehmer an VPN-Trainingskursen im Jugendstrafvollzug. Kommentierte Kurzfassung, Berlin. Lynen von Berg, Heinz, Palloks, Kerstin, Steil, Armin (2007): Interven­tionsfeld Gemeinwesen. Evaluation zivilgesellschaftlicher Strategien gegen Rechtsextremismus. Weinheim Möller, Kurt, VAJA e.V. (2007): Distanz(-ierung) durch Integration. Aufsuchende Arbeit mit rechtsextrem und menschenfeindlich orientierten Jugendlichen. Konzept, Praxis, Evaluation, Bremen. Schubarth, Wilfried (2000): Gewaltprävention in Schule und Jugendhilfe. Theoretische Grundlagen, empirische Ergebnisse, Praxismodelle, Neuwied. Wagner, Bernd (2007): Letzter Halt: Ausstieg. Wege aus der rechtsextremen Szene, Berlin.
Verfasst von Irina Bohn , Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik - Frankfurt/Main für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand: Juni 2013]