Zum Inhalt springen Zum Hauptmenü springen Zum Servicemenü springen

Glossar

Identitäre Bewegung Deutschland (IBD)

Die Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) wurde im Oktober 2012 als Facebookgruppe angemeldet und weist laut eigenen Angaben derzeit 54 Gruppen in Deutschland auf, die in erster Linie über das Internet in Erscheinung treten. Laut Einschätzung des Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen stellt die Identitäre Bewegung hierzulande eine "virtuelle Erscheinungsform des Rechtsextremismus" mit "bislang wenig Realweltbezug" dar.

Ihren Ursprung hat die IBD in der französischen "Génération Identitaire", einer Jugendorganisation des "Bloc Identitaire" (BI), der einen Zusammenschluss rechtsextremer und neurechter Gruppierungen in Frankreich darstellt. Dessen Vorläuferorganisation "Unité radicale" (UR) war verboten worden, nachdem ein UR-Mitglied anlässlich des französischen Nationalfeiertags 2002 versucht hatte, einen Anschlag auf den damaligen Präsidenten Jacques Chirac zu verüben.

Im Unterschied zum zentralistisch orientierten rechtsextremen Front National (FN) ist der BI regionalistisch ausgerichtet und vertritt nationalistische , ethnopluralistische und muslimfeindliche Positionen. Der "Génération Identitaire" wurde große Aufmerksamkeit zuteil, als einige ihrer Mitglieder am 2. Oktober 2012 in Anlehnung an die historische Schlacht von Poitiers im Jahr 732 in dieser Stadt das Dach einer im Bau befindlichen Moschee besetzten. In erklärter Traditionslinie zu dem fränkischen Hausmeier Karl Martell, der damals bei jener Schlacht die islamische Expansion stoppte, inszenierten sich die Identitären dabei als Vorkämpfer gegen die "Islamisierung Europas". Zudem wurde ein Internetvideo produziert, das als "Identitäres Manifest" inhaltlich und stilistisch prägend für Nachahmer-Gruppen in Österreich und Deutschland werden sollte. Dieses Manifest beinhaltet eine "Kriegserklärung" an den Multikulturalismus und die "68er" als weiteres erklärtes Feindbild der Identitären.

Von Frankreich aus verbreitete sich die Identitäre Bewegung zunächst nach Österreich. Dort traten Aktivisten mit Protesten gegen Flüchtlinge in Erscheinung, welche in einer Kirche in Wien Schutz und öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Asylanliegen suchten. In Deutschland fanden die Inszenierungsformen der Identitären sowohl in neonazistischen als auch in neurechten und muslimfeindlichen Kreisen Anklang. Nachdem Neonazis in Bremen als "Identitäre" in Erscheinung traten, versuchte sich die IBD auf ihrer Internetseite von neonazistischen Positionen zu distanzieren. In neurechten Kreisen hingegen wurde die IBD als Hoffnungsträgerin einer neuen Generation von rechts angesehen und entsprechend hofiert. Zeitschriften wie die "Blaue Narzisse" und die "Sezession" widmeten den Identitären ausführlich Raum für strategische und organisatorische Erörterungen.

In der dem neurechten "Institut für Staatspolitik" (IfS) angegliederten "Sezession" stellte der Autor Götz Kubitschek die von ihm gegründete und in der öffentlichen Wahrnehmung weitestgehend erfolglose "Konservativ-Subversive Aktion" als neurechten Vorläufer der IBD dar. In einem Sonderheft der "Sezession" wurden unter dem Titel "Alternativen für Deutschland" strategische Überlegungen zur Festigung neurechter Positionen angestellt, bei denen auch die neue Partei Alternative für Deutschland (AfD) als möglicher parteipolitischer Ort für "identitäre" Politik ins Spiel gebracht wurde.

Allerdings werden der IBD aus diesen neurechten Kreisen mittlerweile hinsichtlich ihres diffusen ideologischen Erscheinungsbildes und ihrer schlecht ausgebildeten Organisationsformen ernüchternde Zukunftsprognosen erstellt. Denn obwohl innerhalb der IBD temporär aktionistische Allianzen mit muslimfeindlichen Kleinstgruppierungen wie etwa der German Defence League (GDL) oder der PRO-Bewegung gebildet wurden, weisen die Identitären hierzulande noch geringen organisatorischen Einfluss auf. Die weltanschaulichen Bezüge der IBD sind im Hinblick auf ihre öffentlich wahrnehmbaren Positionierungen diffus und ihre Verlautbarungen und Parolen changieren zwischen neurechtem Ethnopluralismus und primitivem Rassismus .

Als politische Orientierungsschrift dient der IBD ein Buch mit dem Titel "Die identitäre Generation. Eine Kriegserklärung an die 68er". Der in Österreich geborene und an der Universität Stuttgart eingeschriebene Student Markus Willinger versucht darin, der Bewegung "geistige Leitlinien" zu liefern, welche sich allerdings in neurechten Allgemeinplätzen und Parolen erschöpfen. Anstelle von Theoriebildung erfahren eher rechts gedeutete Mythen und Symbolwelten Anklang in identitären Kreisen. Zentralen Stellenwert nimmt hierbei der Mythos der antiken Schlacht an den Thermopylen (480 v. Chr.) ein. Bei der IBD sind allerdings keine tiefgreifenden historischen Deutungen dieses antiken Kampfes der Spartaner gegen die Übermacht der persischen Heerscharen zu finden: Vielmehr speist sich der völkisch/kulturalistisch verklärte Opfermythos aus der Rezeption des Kinofilms "300". Die darin im schlichten Gut/Böse-Dualismus inszenierten Darstellungen eines heldenhaften spartanischen Opfertodes werden von der IBD genutzt für die mythische Unterfütterung ihrer als neuzeitliche Reconquista verklärten "Kriegserklärung" gegen die multikulturell und multireligiös verfassten Einwanderungsgesellschaften in Europa. Das Symbol des in schwarzer Farbe wiedergegebenen griechischen Lambda-Buchstabens auf gelbem Grund in einem Kreis dient als Erkennungsmerkmal der Identitären Bewegung.

Anziehende Wirkung auf rechtsaffine Jugendliche haben insbesondere die popkulturell inszenierten Propagandavideos der IBD. In diesen filmt die IBD ihre eigenen Aktionen ab und verbreitet sie über einschlägige Internetportale wie You Tube. So störten IBD-Aktivisten etwa unter der Parole "Multikulti wegbassen" 2012 eine Veranstaltung zur Multikulturellen Woche in Frankfurt am Main, indem sie verkleidet und mit Ghettoblaster durch den Raum liefen und die Parole auf einem Plakat hochhielten. Die Aktion wurde dabei von der IBD mitgefilmt und als Videoclip ins Internet gestellt.

Die virtuelle Präsenz der IBD, ihre filmisch dokumentierten "Kriegserklärungen" sowie ihre Selbststilisierung zur "neuen Jugendbewegung" von rechts haben eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren. In der öffentlichen Berichterstattung entstand dabei der falsche Eindruck, dass es sich bei der IBD um einen außerordentlich bedeutungsvolle Strömung innerhalb rechter Bewegungen handeln würde. In Wirklichkeit erfüllt die IBD diese Vorstellung bislang aber weder hinsichtlich ihres praktischen Eingreifens in politische Geschehnisse noch hinsichtlich ihres Organisations- und Verbreitungsgrades.

Verfasst von Alexander Häusler , FORENA an der Fachhochschule Düsseldorf, für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Oktober 2013].