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Glossar

Historisch-politische Bildung

Ziele, Ansätze und Herausforderungen der Arbeit Historisch-politische Bildungsarbeit im Kontext der Rechtsextremismusprävention zielt auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus , um Verklärungen und Verharmlosungen dieser Epoche vorzubeugen und junge Menschen für die Gefahren menschenverachtender und demokratiefeindlicher Ideologien zu sensibilisieren.

Zu diesem Zweck will sie Kenntnisse über die damals begangenen Verbrechen und ihre Akteure vermitteln und die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die diese Verbrechen ermöglichten, aufzeigen. Dabei werden auch Bezüge zur Gegenwart und zur Lebenswirklichkeit heutiger Jugendlicher hergestellt und die Frage nach Verantwortung und Handlungsmöglichkeiten des Einzelnen thematisiert. Neben der Vermittlung von Faktenwissen hat die Begegnung mit historischen Orten, in Form von Gedenkstättenbesuchen oder auch historischen Stadtteilführungen, einen großen Stellenwert. Hierbei hat sich die Arbeit mit historischen Zeitzeugen als wichtiger Zugang erwiesen, damit junge Menschen sich auf diese Themen einlassen und Empathie für die Opfer entwickeln.

Aktuell erwächst daraus eine Herausforderung für diese Arbeit: Während die Distanz nachwachsender Generationen zu dieser Epoche wächst, gibt es zugleich immer weniger Zeitzeugen. Neuere Ansätze sind deshalb bestrebt, alternative personalisierte Zugänge - etwa durch die Auseinandersetzung mit den Biografien einzelner Jugendlicher - zu entwickeln. Einige Angebote setzen auch auf künstlerische und spielerisch-kreative Zugänge, die ebenfalls einen emotionalen Zugang ermöglichen bzw. emotionale Lernebenen ansprechen sollen.

Eine weitere Herausforderung resultiert aus der zunehmend multiethnischen Zusammensetzung der Zielgruppen. Pädagoginnen und Pädagogen sehen sich heute mit Lerngruppen konfrontiert, deren Mitglieder sehr unterschiedliche Bezüge zur deutschen Vergangenheit - als Nachfahre von Tätern, aber auch von Opfern - aufweisen bzw. für die diese Vergangenheit vielfach nicht Teil ihrer kollektiven Erinnerung ist. Gefragt sind deshalb Konzepte, die die unterschiedlichen Bezüge und insbesondere die spezifischen Erfahrun­gen und histo­rischen Selbstverortungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund mit einbeziehen. Allerdings werden entsprechende Ansätze bisher nur begrenzt umgesetzt.

Aktueller Stellenwert in der pädagogischen Rechtsextremismusprävention
In der Bundesrepublik der Nachkriegszeit fand eine pädagogische Thematisierung von Rechtsextremismus vor allem mittels historisch-politischer Bildung statt. Die kritische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Epoche galt im Rahmen der Re-Education als entscheidende Voraussetzung, um einer Wiederholung dieser Ereignisse entgegenzuwirken.

Inzwischen kommt diesem Ansatz für die pädagogische Rechtsextremismusprävention jedoch nicht mehr dieser zentrale Stellenwert zu. Zum einen hat sich seit den 1980er Jahren die Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus erheblich ausdifferenziert und es konnten sich Ansätze mit unterschiedlichen thematischen Perspektiven und methodischen Herangehensweisen (z. B. Akzeptierende Jugendarbeit , Interkulturelles Lernen, Demokratiepädagogik) etablieren. Zum anderen werden die präventiven Möglichkeiten historisch-politischer Ansätze seitens der Fachwelt inzwischen auch verhaltener eingeschätzt. U. a. wird problematisiert, dass sich der aktuelle Rechtsextremismus und seine gesellschaftlichen Entstehungskontexte in verschiedener Hinsicht vom historischen Nationalsozialismus unterscheiden und Erkenntnisse zur damaligen Zeit nicht ohne weiteres auf heute übertragbar seien.

Andere Positionen halten allerdings dagegen, dass Bezüge zum Nationalsozialismus nach wie vor ein Kernelement rechtsextremer Ideologien seien und das Wissen um die historischen Tatsachen eine Voraussetzung bilde, um Verharmlosungen und Umdeutungen entgegentreten zu können. Die Kenntnis der damaligen Ereignisse und ihrer Entstehungshintergründe - so ein weiteres Argument - könne zudem zur Wertschätzung demokratischer Verhältnisse beitragen und auf diese Weise präventiv gegen extremistische Ideologien wirken.

Einig ist sich die Fachwelt jedoch dahingehend, dass für die pädagogische Auseinandersetzung mit aktuellen rechtsextremen Tendenzen historisch-politische Ansätze alleine nicht mehr ausreichend sind. Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen Kontrovers bewertet werden auch die Möglichkeiten historisch-politischer Ansätze in der Arbeit mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen . Vor allem die Frage, ob Gedenkstättenbesuche mit dieser Zielgruppe pädagogisch sinnvoll sind, wird in der Fachdiskussion vielfach kritisch bewertet. So wird gerade auch für diese Jugendlichen die Übertragbarkeit auf aktuelle Phänomene hinterfragt: Junge Menschen, deren Affinität sich eher aus Ressentiments gegen aktuelle Feindbilder speist, hätten an einer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Regel nur wenig Interesse; die Verlagerung in historische Kontexte könnte zudem von der Auseinandersetzung mit eigenen Vorurteilen und Demokratiedefiziten fortführen.

Darüber hinaus wird die Gefahr gesehen, dass die Konfrontation mit den Gräueln des Nationalsozialismus bei bereits Affinen gar zu einer Verfestigung von Stereotypen und geschichtsfälschenden Deutungen beitragen könnte. Dies gelte insbesondere dann, wenn es sich um erzwungene Besuche (z. B. im schulischen Rahmen oder aufgrund richterlicher Auflagen) handele.Praktiker/-innen, die mit rechtsorientierten Jugendlichen Gedenkstättenbesuche durchführen, berichten aber auch von positiven Erfahrungen, die allerdings an bestimmte Voraussetzungen geknüpft werden. Genannt werden insbesondere die Freiwilligkeit der Teilnahme, eine längere Vor- und Nachbereitung (z. B. in Anti-Gewalt-Trainings oder sozialpädagogischen Betreuungskontexten) sowie das Vermeiden einer "Klassenfahrts"atmosphäre durch die Angebotsgestaltung. Angebote historisch-politischer Bildung, die diesen Voraussetzungen Rechnung tragen, werden aktuell jedoch nur von einigen wenigen Projekten umgesetzt, so dass zu den Bedingungen und Möglichkeiten dieser Arbeit auch nur begrenzt dokumentierte Erfahrungen vorliegen.

Literatur:
Dorner, Birgit/ Engelhardt, Kerstin (Hrsg.) (2006): Arbeit an Bildern der Erinnerung. Ästhetische Praxis außerschulischer Jugendbildung und Gedenkstättenpädagogik (Dimensionen Sozialer Arbeit und Pflege. Bd. 9., hrsg. von der Katholischen Stif­tungsfachhochschule München) Stuttgart. Verlag Lucius und Lucius. Hafeneger, Benno/ Paul, Gerhard/ Schoßig, Bernhard (1981): Dem Faschismus das Wasser abgraben. Zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus. Beltz Juventa Verlag. Lutz, Thomas (2009): Gedenkstätten und Erinnerungskultur - Prävention gegen rechtsextremes und neonazistisches Gedankengut. In: Molthagen, Dietmar/ Korgel, Lo­renz (Hrsg.). Handbuch für die kommunale Auseinandersetzung mit dem Rechtsext­remismus. Friedrich-Ebert-Stiftung. Forum Berlin. Berlin. S. 237-249. Mischok, Andreas (Hrsg.) (2010): "Schwierige Jugendliche gibt es nicht...! Historisch-politische Bildung für ALLE". Projekte zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozia­lismus für besondere Zielgruppen. Konzepte für Demokratie und Toleranz Band 5. Brandenburg. Netzwerk Migration (2005): Gutachten zur politisch/historischen Bildung in der Ein­wanderungsgesellschaft. , aufgerufen am 22.06.2014. Nickolai, Werner/ Lehmann, Henry (Hrsg.) (2002): Grenzen der Gedenkstättenpäda­gogik mit rechten Jugendlichen. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau. Nickolai, Werner/ Schwendemann, Wilhelm (Hrsg.) (2013): Gedenkstättenpädagogik und Soziale Arbeit. LIT Verlag. Berlin. Rieker, Peter (2009): Rechtsextremismus: Prävention und Intervention. ein Überblick über Ansätze, Befunde und Entwicklungsbedarf. Weinheim/München: Juventa Verlag.

Verfasst von Michaela Glaser mit unterstützender Recherche von Stefanie Tausch , Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit am Deutschen Jugendinstitut e.V., Halle für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Juli 2014]