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Glossar

Heimattreue Deutsche Jugend (HDJ)

Die Heimattreue Deutsche Jugend war bis zu ihrem Verbot am 31. März 2009 eine der wichtigsten völkischen Nachwuchsorganisationen der rechtsextremen Szene in Deutschland. "Als bundesweit organisierter Jugendverband verbreitet die HDJ rassistisches und nationalsozialistisches Gedankengut. Im Rahmen scheinbar unpolitischer Freizeitveranstaltungen wird das am Nationalsozialismus orientierte Weltbild der HDJ Kindern und Jugendlichen vermittelt", hieß es in der Verbotsbegründung des damaligen Innenministers Wolfgang Schäuble.

Die in ihrer Satzung formulierten Bekenntnisse der HDJ zur aktiven Jugendarbeit waren laut Innenministerium nur "Fassade". Eigentliche Zielsetzung des Vereins sei die Heranbildung einer neonazistischen "Elite" gewesen. Die Mitgliederzahl der HDJ wurde amtlich auf etwa 400 geschätzt. Die Heimattreue Deutsche Jugend wurde im Oktober 2000 als Abspaltung aus dem "Bund Heimattreuer Jugend e.V." gegründet. Bundesführer war Sebastian Räbiger. Die HDJ-Bundesführung hatte ihren Sitz in Berlin. Leitstellen der HDJ und ihrer Untergruppierungen bestanden bundesweit. So beispielsweise die Leitstelle Nord mit den Einheiten Mecklenburg und Pommern, Nordland und Niedersachsen; ferner existierten eine Leitstelle Mitte in Berlin, die Leitstelle West in Detmold sowie die Leitstelle Süd im bayerischen Alzenau.

Zielsetzung der HDJ war es, "über zunächst unpolitisch erscheinende Aktivitäten Jugendliche und Kinder an rechtsextremistisches Gedankengut heranzuführen", wie der Bundesverfassungsschutz urteilte. Die HDJ galt laut Verfassungsschutz als "fester Bestandteil des rechtsextremistischen Spektrums" und verfügte "über umfangreiche szeneübergreifende Kontakte. Rechtsextremisten schickten ihre Kinder in die Lager der HDJ, um sie dort in "soldatischer Erziehung" und "Disziplin und Gehorsam" zu drillen. Der Nachwuchs sollte im stramm rechten Sinne erzogen werden, wobei es für die jungen Teilnehmer/-innen kein Entrinnen gab, denn die HDJ bot ein rechtsextremes lebensweltliches Freizeitangebot für die ganze Familie. So hieß es auch im Verfassungsschutzbericht des Bundes für 2008 - vor dem Verbot - dass an den Lagern und Fahrten der HDJ teilweise ganze Familien teilnehmen würden. Jährlich wurden Oster- und Pfingstlager mit bis zu 350 Teilnehmer durchgeführt, Vermieter und Herbergsbetreiber wurden dabei immer wieder über die ideologische Prägung der als Pfadfinder-Familientreffen angemeldeten Lager getäuscht.

Das dreimonatlich erscheinende Organ der HDJ "Funkenflug" enthielt nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes Texte, in denen der Nationalsozialismus verherrlicht und antisemitische Einstellungsmuster deutlich wurden. Die HDJ war auch personell fest in der neonazistischen Szene verankert. Zahlreiche ehemalige Kader der HDJ üben mittlerweile hohe Funktionen in der NPD aus, besonders enge Kontakte schienen gegenüber der NPD-Landtagsfraktion in Mecklenburg-Vorpommern zu bestehen. Deren Fraktionsvorsitzender Udo Pastörs lobte die Jugendarbeit der HDJ als vorbildlich. Seine Fraktionskollegen Tino Müller und Stefan Köster, der NPD-Landeschef, waren wie auch etliche Fraktionsmitarbeiter der NPD selbst in den Reihen der HDJ aktiv. Personelle Verbindungen bestanden auch zur "Interessengemeinschaft Fahrt und Lager" der NPD-Nachwuchsorganisation JN , die teilweise als Nachfolgeorganisation betrachtet wird und ihre Treffen mitunter als "artgerechtes Beisammensein" bezeichnet.

Auffällig ist zudem, dass zahlreiche Aktivisten der 1994 wegen Wesensverwandtschaft mit dem Nationalsozialismus verbotenen Wiking-Jugend (WJ) sich in der HDJ engagiert haben. Aber nicht nur personell, auch in der ideologischen Ausrichtung bestanden Parallelen zwischen HDJ und WJ. Die vereinseigene Uniform war Pflicht bei Veranstaltungen der paramilitärischen Organisation: Jungen trugen das Grauhemd, Mädchen die "Mädelbluse" und langen blauen Rock. Es gab Verbands- und Sonderabzeichen, mit denen Mitglieder ihren Rang markierten. Verschiedene Farben markierten die Hierarchie innerhalb der Organisation, so trug die Bundesführung goldene Streifen, die zweite Garde silberne, die nächst untere Ebene rote usw. Das Bundesinnenministerium hatte der HDJ bereits im September 2007 das Tragen von Uniformen untersagt. Bei der HDJ würde die politische gegenüber der jugendpflegerischen Betätigung überwiegen, wurde festgehalten.

Verfasst von Gabriele Nandlinger im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung für das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier Rechtsextremismus 2010.
Überarbeitet und aktualisiert von Holger Kulick für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand April 2013].