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Glossar

Autonome Nationalisten

Unter Autonomen Nationalisten (AN) versteht man neonazistische Gruppen, die sich in ihrer Selbstinszenierung, insbesondere optisch und organisatorisch, stark an das Erscheinungsbild der linken autonomen Szene angepasst haben. Schätzungen zufolge ist die Bewegung etwa 2005 entstanden, medial größere Aufmerksamkeit erhielt sie erstmals 2008 nach Ausschreitungen bei Demonstrationen in NRW und Hamburg.

Hervorgegangen sind die Autonomen Nationalisten aus der rechtsextremen Kameradschaftsszene , die sich in den 1990er Jahren infolge zahlreicher Verbote rechtsextremer Organisationen entwickelte. Kennzeichnend für diese Szene sind organisatorisch lose Kleingruppen von durchschnittlich 15 bis 30 Akteuren, die sich für aktions- und kampforientierte Politik statt für parlamentarische Strategien einsetzen. Optisch typisch für die Autonomen Nationalisten sind aus dem linken autonomen Spektrum bekannte Kleidungsstile. Insbesondere bei Demonstrationen wird diese Ähnlichkeit durch bewusste Kopie der Taktik des linken Schwarzen Blocks auf die Spitze getrieben. Schwarze Kapuzenpullover, schwarze Jacken, Basecaps, Sonnenbrillen und Tücher zum Vermummen kommen zum Einsatz, um für Sicherheitskräfte nicht identifizierbar zu sein, Gewalt oder die Androhung von Gewalt gehören zum dezidierten Aktionsspektrum des selbst ernannten nationalen Schwarzen Blocks, der sich offen systemfeindlich gibt.

In der Selbstdarstellung des mittlerweile aufgelösten Aktionsbündnis Mittelhessen hieß es dazu: "Wo Willkür gegen Nationalisten zur Praxis wird, sollte die Polizei und der politische Gegner mit Widerstand und Gegenwehr rechnen müssen. Ein nationaler schwarzer Block ist einer von vielen Formen, den Widerstand effektiv auf die Straße zu tragen".

Kleidungsstil und Aktionsformen der linksradikalen Autonomen werden von den "Nationalisten" übernommen und umgewandelt, um sich so in der Masse besser tarnen zu können und zugleich das klassische Image Rechtsextremer als kahlköpfige Skinheads abzulegen. Dabei wird sich ungeniert bei bislang links verorteten Parolen und Logos bedient. So kopierten sie das Logo antifaschistischer Hardcore Punk-Anhänger und ersetzten den Schriftzug "Good night - white pride" durch "Good night - left side". Sie propagieren fast im gleichen Wortlaut "Kapitalismus zerschlagen, Autonomen Widerstand organisieren" und "Statt neue Weltordnung - Revolution" oder sie verwenden (in der Szene unübliche) Anglizismen oder Elemente der Hip-Hop-Kultur.

Ideologische Grundsatzpapiere der AN sind eher die Ausnahme, eher pauschal ist von nationalrevolutionären Zielen die Rede und gerne skandiert wird die Parole: "Nationaler Sozialismus jetzt, jetzt, jetzt!". Mittlerweile sind die AN fast auf jeder Neonazi -Demonstration vertreten. Das Verhältnis der AN zur NPD ist ambivalent, gegenseitige Beschimpfungen ("Bonzendemokraten", "Systemknechte" versus "bolschewistische Maulwürfe", "anarchistische Erscheinungsformen") sind nicht unüblich.

Im August 2007 versuchte sich die NPD mit einer Erklärung "Unsere Fahnen sind schwarz - unsere Blöcke nicht!" von den Autonomen zu distanzieren, konnte diese Linie aber nicht durchhalten. Die Rechts-"Autonomen" pflegen bewusst den antibürgerlichen Gestus. Der überwiegende Teil der Aktivisten dieses Spektrums ist zwischen 18 und 30 Jahre alt und damit deutlich jünger als die meisten Wortführer des neonazistischen Spektrums.

Mit ihrem Elan und ihrer Aggressivität wollen sie Jüngere für die braune Sache gewinnen. Dabei spielt es für sie "keine Rolle, welche Musik man hört, wie lang man seine Haare trägt oder welche Klamotten man anzieht", vielmehr gehe es darum, "alle relevanten Teile der Jugend und der Gesellschaft zu unterwandern und für unsere Zwecke zu instrumentalisieren", hieß es 2007 in einer Erklärung des rechtsautonomen "Aktionsbüro Westdeutschland".

Verfasst von Gabriele Nandlinger und Holger Kulick im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung für das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier Rechtsextremismus 2010.
Überarbeitet, ergänzt und aktualisiert von Holger Kulick für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Februar 2013]