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Glossar

Ausstiegsarbeit

Als Ausstiegsarbeit werden Angebote bezeichnet, die Prozesse der Herauslösung aus rechtsextremen Gruppenzusammenhängen sowie der Distanzierung von rechtsextremen Verhaltensweisen und Haltungen unterstützend begleiten (und z. T. initiieren) sollen. Dabei wird eine eigene Ausstiegsmotivation als wesentlich eingeschätzt, weshalb Ausstiegsangebote in der Regel eine freiwillige Teilnahme voraussetzen.

Einzelne Angebote gewinnen ihre Klient/-innen zwar auch über Zwangskontexte (z. B. durch richterliche Weisungen), aber auch sie streben im Laufe der Ausstiegsbegleitung die Entwicklung eigener Ausstiegsimpulse bei ihren Teilnehmer/-innen an. Solche Zugänge über Teilnahmeverpflichtungen sind bislang allerdings eher selten. Die Mehrzahl der Klient/-innen wird über Dritte vermittelt (v. a. über Akteure aus dem Strafverfolgungssystem, aber auch aus Schule und Jugendarbeit sowie über Angehörige und Freund/-innen). In einzelnen Angeboten spielt auch die eigeninitiative Kontaktaufnahme ausstiegswilliger Personen (z. B. über Hotlines) eine bedeutende Rolle.

In Deutschland wurde das erste Ausstiegsangebot im Jahr 2000 durch einen zivilgesellschaftlichen Träger gegründet. Mittlerweile gibt es in den meisten Bundesländern landesweite ausstiegsbegleitende Angebote, zudem existieren einzelne bundesweit agierende Angebote und lokale Initiativen. Während dabei in den ersten Jahren mehrheitlich staatliche Träger das Feld der Ausstiegsarbeit prägten, hat sich mittlerweile auch eine Reihe von freien Trägern etabliert.

Im Zentrum der Ausstiegsarbeit steht die hochgradig individuelle Betreuung von Klient/-innen, die überwiegend in Einzelfallarbeit realisiert wird. Nur in wenigen Fällen findet in der Ausstiegsbegleitung Gruppenarbeit, z. B. in Form von Trainingskursen, statt. Spezifische Bedarfe der Teilnehmenden ergeben sich zum einen aus dem Grad ihrer Szeneeinbindung und der Verfestigung rechtsextremer Ideologien, zum anderen aus diversen sozialen Problemlagen. Hierzu zählen nicht selten Arbeitslosigkeit, Suchtproblematiken oder psychische Belastungen, aber auch mangelnde soziale Kontakte außerhalb der Szene sowie mögliche Bedrohungslagen. Vor allem bei langjährigen Szenemitgliedern kann der Bruch mit der Szene eine weitgehende Neuorganisation ihres Lebens bedeuten.

Um diesen vielfältigen Anforderungen im Ausstiegsprozess Rechnung zu tragen, umfasst das breite Angebotsspektrum von Ausstiegshilfen Maßnahmen zur sozialen Reintegration einer Person (u. a. durch die Vermittlung in Ausbildung oder Beruf, die Einbindung in soziale Bezüge außerhalb der Szene etc.) sowie zur Bearbeitung von Problemlagen wie belastenden biografischen Erfahrungen oder Gewaltproblematiken. Ebenso bedeutsam ist aber auch die inhaltliche Auseinandersetzung mit ideologischen Orientierungen und/oder bisherigen Straftaten.

Ergänzt wird diese durch Maßnahmen, die auf organisatorische Aspekte des Szeneausstiegs abzielen, wie die Unterstützung bei der habituellen Distanzierung (z. B. mit Blick auf Musikkonsum, rechtsextreme Kleidung oder Tätowierungen) oder bei Gefährdungslagen. Einzelne Träger bieten zudem spezifische Beratungsangebote für Eltern, Partner/-innen und andere Angehörige rechtsextrem orientierter Jugendlicher an, die zum einen die Familienmitglieder in der oftmals als sehr belastend erlebten Situation bestärken sollen, und die zum anderen dem Aufbau von Unterstützungsnetzwerken für Aussteigende dienen.

Vor allem sozialintegrative und persönlichkeitsstabilisierende Maßnahmen werden häufig durch die unterstützende Einbindung externer Hilfen realisiert, weshalb Ausstiegsarbeit auch den (z. T. sehr zeitintensiven) Aufbau, die Pflege und die Koordination eines Netzwerks von Kooperationspartnern umfasst. Die Komplexität der zu bewältigenden Anforderungen und Problemlagen macht Ausstiegsarbeit zu einem äußerst langwierigen Beratungs- und Betreuungsprozess, der von einem halben bis zu mehreren Jahren dauern kann.

Literatur:
Dieser Text basiert auf Glaser, Michaela/ Hohnstein, Sally/ Greuel, Frank (2014): Ausstiegshilfen in Deutschland - ein vergleichender Überblick über Akteure und Vorgehensweisen. In: Rieker, Peter (Hrsg.): Hilfe zum Ausstieg? Ansätze und Erfahrungen professioneller Angebote zum Ausstieg aus rechtsextremen Szenen. Weinheim: Beltz Juventa Verlag, S. 45-76
Verfasst von Sally Hohnstein , Arbeits- und Forschungsstelle Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit am Deutschen Jugendinstitut e.V., Halle für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Mai 2014]