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Glossar

Antiziganismus

Das Wort Antiziganismus wird seit Anfang der 1980er Jahre im deutschen Sprachraum verwendet. Es wurde analog zu dem Sammelbegriff Antisemitismus gebildet. Mit dieser Bezeichnung werden Äußerungen, Handlungen und staatliche Maßnahmen zusammengefasst, die gegen Gruppen gerichtet sind, die sich heute selbst als „Sinti“ oder „Roma“ bezeichnen und bis vor wenigen Jahren in der Alltagskommunikation meistens abwertend als "Zigeuner" bezeichnet worden sind.

In diesem Sinne umfasst Antiziganismus alle Äußerungen und Handlungen, mit denen die Bevölkerungsgruppen der Sinti oder Roma herabgesetzt, diskriminiert, ausgegrenzt und verfolgt werden, bis hin zu gewalttätigen Übergriffen und Tötungsdelikten. Den „Zigeunern“ wird nachgesagt, sie könnten nur als „fahrendes Volk“ leben, seien prinzipiell nicht integrierbar, lebten von Diebstahl und Betrug und praktizierten okkulte Bräuche. Negative Stereotypen gehen einher mit Projektionen der Sehnsucht nach einem ungebundenen Lebens: Das Bild der „Zigeunerin“ verspricht erotische Leidenschaft.

Als Sammelbezeichnung in diesem Sinne scheint Antiziganismus unproblematisch zu sein, wie bei dem formal ähnlichen Terminus Antisemitismus verleitet der Gebrauch des Wortes jedoch leicht zu Denkfehlern: Antiziganismus fasst beobachtbare Phänomene lediglich gedanklich zusammen, sie werden dadurch aber noch nicht in ihrem jeweiligen Zustandekommen konkret erklärt. Das Wort legt überdies eine innere ideologische Einheitlichkeit und Konstanz der verschiedenen auf  „Zigeuner“ gerichteten Vorurteile und politischen Maßnahmen nahe, die historisch gesehen nicht gegeben sind. Schließlich verführt das Substantiv Antiziganismus zu der Annahme, es handele sich um eine eigenaktive ideologische Kraft, eben „den Antiziganismus“, wodurch allzu leicht politische, ökonomische und soziale Dimensionen des Verhältnisses zwischen Mehrheit und Minderheit ausgeblendet werden.

Die Bezeichnung von Äußerungen als antiziganistisch besagt im heutigen Sprachgebrauch einmal, dass solche Äußerungen sachlich unzutreffende, verallgemeinernde oder abwertende Aussagen über „Zigeuner“ enthalten; zweitens stellt die Bewertung als antiziganistisch eine moralische Verurteilung dar: die Äußerung einer unzutreffenden Behauptung oder eines Vorurteils wird missbilligt und ihr Urheber soll in der Achtung seines sozialen Umfeldes sinken.

Literatur:
Michael Zimmermann: Antiziganismus - ein Pendant zum Antisemitismus? Überlegungen zu einem bundesdeutschen Neologismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 55 (2007), Heft 4, S. 304-314.
Bertold P. Bartel: Vom Antitsiganismus zum antiziganism. Zur Genese eines unbestimmten Begriffs, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 60 (2008), S. 193-212
Markus End/ Kathrin Herold/ Yvonne Robel (Hrsg.): Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments, Münster 2009
Alexandra Bartels et al. (Hrsg.): Antiziganistische Zustände 2. Kritische Positionen gegen gewaltvolle Verhältnisse, Münster 2013
Verfasst von Michael Kohlstruck für das Glossar der Bundesprogrammseite von kompetent. für Demokratie.
Überarbeitet und aktualisiert von Dr. Michael Kohlstruck für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand März 2013]