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Glossar

Antisemitismus

Antisemitismus ist ein Ausdruck für eine rassistisch motivierte Form der Judenfeindlichkeit. Der Begriff ist facettenreich und wird häufig politisch instrumentalisiert. Er gehört als Ideologieelement zum Kernbestand des deutschen Rechtsextremismus und äußert sich in Deutschland aktuell meist in aggressiver verbaler Form, durch Schändungen jüdischer Grabstätten, aber auch durch Brandanschläge und Gewalt gegen Personen.

Vom Antijudaismus zum Antisemitismus
Der Begriff Antisemitismus wurde um 1879 in Deutschland durch den Journalisten und Anarchisten Wilhelm Marr als Selbstbezeichnung geprägt. Antisemiten bekannten sich zu einer neuen Form der Judenfeindschaft, die Ende des 19. Jahrhunderts entstand und sich vom christlich-emotionalen Judenhass früherer Jahrhunderte abzugrenzen versuchte. Rationale Argumente sollten im Antisemitismus die religiöse Begründung dieses sogenannten Antijudaismus ersetzen.

Dazu bediente man sich der pseudowissenschaftlichen Thesen des Sozialdarwinismus und des Rassismus, die auf den Franzosen Arthur de Gobineau („Über die Ungleichheit der Menschenrassen“ 1853-1855) zurückgingen.Zwar griffen Antisemiten auch zahlreiche Traditionen der alten, in der Gesellschaft tief verwurzelten Judenfeindschaft auf und entwickelten sie weiter. Doch im Gegensatz zum Antijudaismus wurde der Antisemitismus zu einer letztendlich alles erklärenden Weltsicht. Viele Menschen reagierten verunsichert auf den politischen und ökonomischen Umbruch, der im ausgehenden 19. Jahrhundert die starre Ständegesellschaft durch eine kapitalistische Konkurrenzgesellschaft ersetzte.

Der Antisemitismus brandmarkte vor diesem Hintergrund die Juden als Wegbereiter und eigentliche Nutznießer der Moderne und stempelte sie zu Sündenböcken für jedwede Ungemach. Dadurch verband er zugleich das konservative und reaktionäre politische Lager und prägte in erheblichem Maße die politische Kultur des Kaiserreichs. Nachhaltig zeigte sich diese Liaison insbesondere in der stark antisemitisch geprägten sogenannten Völkischen Bewegung, deren Ideen bis in den Nationalsozialismus hineinwirkten.

Neue Formen des Antisemitismus
Dieser völkische Antisemitismus ist bis heute ideologischer Kernbestand des deutschen Rechtsextremismus und noch immer beruft sich die extreme Rechte dabei in weiten Teilen auf das Schriftgut der völkischen Bewegung und des Nationalsozialismus. Zugleich bestehen auch die religiös inspirierten Ideen des Antijudaismus fort und vermischen sich zum Teil mit den völkischen Ideen. Daneben haben sich aber auch neue Formen der Judenfeindschaft herausgebildet.

Zu letzteren zählt der sogenannte sekundäre Antisemitismus, der „Antisemitismus wegen Auschwitz“. Charakteristisch für den sekundären Antisemitismus ist die Opfer-Täter-Umkehr insbesondere in Bezug auf den Holocaust . Den Juden wird dabei vorgeworfen, schon durch ihre bloße Existenz die Erinnerung an den nationalsozialistischen Massenmord wachzuhalten und damit einen „Schlussstrich“ unter diesen Teil der deutschen Geschichte zu verhindern.

In den letzten Jahren hat für die Agitation der extremen Rechten zudem eine Form des Antisemitismus an Bedeutung gewonnen, die Juden als „Verkörperung der Globalisierung“ brandmarkt. Dadurch ist der „antizionistische Kampf“ - gegen den Staat Israel und für das „unterdrückte palästinensische Volk“ - zu einem zentralen rechtsextremen Mobilisierungsthema avanciert.Im Zuge dessen macht die extreme Rechte mitunter sogar islamistische „antiimperialistische Befreiungsbewegungen“ gegen den „Westen“, Israel und die USA als Bündnispartner aus, gehören doch Antisemitismus und Antizionismus auch zum ideologischen Kernbestand vieler islamistischer Bewegungen.

Offen bleibt indes, wie dies ideologiekohärent im Rechtsextremismus vertreten werden könnte, zeichnet er sich doch zugleich i. d. R. durch Islamfeindschaft aus, die es kaum erlauben kann, die von einigen Islamisten angestrebte Errichtung „judenfreier Gottesstaaten“ mitzutragen.

Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft
Generell kann festgehalten werden, dass Antisemitismus kein Randphänomen ist, das allein der extremen Rechten zuzuordnen ist. Früher wie heute sind antisemitische Ressentiments in der Mitte der Gesellschaft verankert. Dies machen versteckte und offene antisemitische Äußerungen immer wieder deutlich. Zugleich ist die Grenzziehung nicht immer leicht.

Einerseits gewinnt der sich hinter einem Antizionismus verbergende Antisemitismus zunehmend an Bedeutung, andererseits ist nicht jede israelkritische Bemerkung judenfeindlich motiviert. Kritische Grauzonen zeigen sich vielerorts, so wird beispielsweise innerhalb von Teilen der Friedensbewegung mitunter keine Grenze zwischen globalisierungskritischen, pro-palästinensischen, antiamerikanischen, antiisraelischen und antijüdischen Haltungen gezogen.

Darüber hinaus ist Antisemitismus in den letzten Jahren zum Bestandteil von Jugendkulturen wie Hip-Hop geworden, die bisher als nicht-rechte Subkulturen galten. Die Existenz antisemitischer Ressentiments in der deutschen Gesellschaft wird heute oft als Normalzustand akzeptiert. In anfänglich womöglich unbedachter Form breiten sie sich auch wieder in den jüngeren Generationen aus. Wie Lehrer z. B. berichten, häuft sich auf Schulhöfen die Beschimpfung „Du Jude!“.

Wird dies auch oft anfänglich ohne speziellen Kontext von jüngeren Kindern benutzt, setzt sich allein durch die stete Wiederholung ein Vorurteil fest, dass mit Juden irgendetwas Negatives verbunden sei, warnt Professor Wolfgang Benz, der langjährige Leiter des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung: „Irgendwann lassen sich nämlich solche Stereotypen, die ja da drin stecken auch instrumentalisieren, deshalb kann man sie nicht einfach abtun.“ Das Zentrum an der Technischen Universität Berlin hat sich in Deutschland auf die Erforschung von Antisemitismus und gesellschaftlichen Vorurteile spezialisiert (vgl. zfa.kgw.tu-berlin.de).

Der Deutsche Bundestag hat am 23. Januar 2012 einen 200-seitigen Antisemitismusbericht vorgestellt, den eine 10-köpfige Expertenkommission im Auftrag der Bundesregierung verfasst hatte. In dem Bericht wird konstatiert, dass „latent antisemitische“ Denkmuster bei etwa 20 Prozent der Bevölkerung vorhanden seien. Rund 90 Prozent aller antisemitischen Straftaten würden von Tätern begangenen, die rechtsextremen Milieus zuzuordnen sind (Bundestagsdrucksache unter http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/17/077/1707700.pdf).

Verfasst von Holger Kulick im Auftrag der Amadeu Antonio Stiftung für das Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung im Dossier Rechtsextremismus 2010.
Überarbeitet und aktualisiert von Holger Kulick für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Januar 2013]