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Glossar

Akzeptierende Jugendarbeit

Der Ansatz der akzeptierenden Jugendarbeit wurde seit Ende 1988 im Umgang mit gewalt-auffälligen rechten Jugendcliquen entwickelt. Er entstand als Alternative zu einem bis dahin weithin gängigen „hilflosen Antifaschismus“ (Kurt Möller 1989), der mit seinen gutgemeinten Belehrungs- und Bekämpfungsstrategien immer wieder wirkungslos in der Arbeit mit solchen Jugendlichen geblieben war. Ihm lag die Erkenntnis zugrunde, dass Menschen sich meist nur dann ändern, wenn es ihnen selbst als sinnvoll erscheint.

Die akzeptierende Jugendarbeit basiert daher erstens auf der Überzeugung, auch in der Sozialen Arbeit mit der Zielgruppe rechtextremer oder rechtextrem orientierter Jugendlicher müsse unbedingt gelten, dass man „die Klienten dort abholt, wo sie stehen“. Zweitens muss auch bei dieser Zielgruppe ihr Streben nach gelingender Lebensentfaltung und gesellschaftlicher Teilhabe im Mittelpunkt stehen. Die Einhaltung dieser beiden Grundsätze ist schon deshalb unerlässlich, weil man die Zielgruppe sonst meist gar nicht erreichen kann.

Die akzeptierende Jugendarbeit gründet sich auf ein optimistisches Menschenbild. Danach darf sich Jugendarbeit gerade denen nicht verweigern, die für ihre Lebensentfaltung momentan problematischen bis erschreckenden Wegen zuneigen, denn die Unterstützung solcher Jugendlicher bewirkt mittelfristig in aller Regel gelingendere, sozial verträglichere Entfaltungsprozesse. Konfrontation muss zwar ein Bestandteil von professioneller Beziehungsarbeit sein, aber gerade nicht deren ausschließlicher Ausgangspunkt oder deren Alternative.

Zunächst einmal gilt es vielmehr, an den Problemen anzusetzen, die jene jungen Menschen damit haben, ihr eigenes Leben zu entfalten. Erst dann öffnen sie sich auch der Erkenntnis, welche Probleme sie umgekehrt anderen machen. Ein solches Vorgehen setzt natürlich voraus, sich wirklich für diese Jugendlichen zu interessieren, sie ernst zu nehmen und als Personen zu respektieren - anstatt nur auf ihre anstößige Seite zu blicken. Erst so können die Jugendlichen Anderssein und Andersdenken auch als attraktiv und anregend empfinden - und nur dadurch kann eine „personale Konfrontation mit dem Anderssein“ auch wirklich fruchtbar - werden.

Ein Jugendlicher drückte die Wirkung der Beziehungsarbeit so aus: „Ich weiß, dass Du ganz anderer Meinung bist als ich. Aber mich interessiert sie, weil es deine ist!“ Akzeptierende Jugendarbeit kann natürlich nicht stellvertretend für die Gesellschaft den Rechtsextremismus überwinden. Aber sie trägt zu einem solchen Prozess bei, indem sie sich auf die damit verbundene pädagogische Herausforderung konzentriert. Dabei stützt sie sich auf den §1, Abs.1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII), der ausdrücklich sagt, dass „jeder junge Mensch eine Recht auf Förderung seiner Entwicklung“ habe - somit auch jeder junge Straftäter oder jeder junge Rechtsextremist.

Entsprechend widerspricht es akzeptierender Jugendarbeit auch, ausschließlich auf Ausstiege hinzuarbeiten. Sie versucht vielmehr, subjektiv erfolgversprechendere Umstiege zu veränderter Lebensentfaltung zu fördern.

Literatur:
Krafeld, Franz Josef: Die Praxis Akzeptierender Jugendarbeit. Konzepte, Erfahrungen, Analysen aus der Arbeit mit rechten Jugendcliquen. Opladen 1996
Krafeld, Franz Josef: Bedarf es einer speziellen Pädagogik gegen Rechts? Nein, aber! In: Bundschuh, Stephan / Drücker, Ansgar / Scholle, Thilo (Hrsg.): Wegweiser Jugendarbeit gegen Rechtsextremismus. Motive, Praxisbeispiele und Handlungsperspektiven. Schwalbach 2012, S.49-60. (Auch erschienen als Band 1245 der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2012.)

Verfasst von Prof. Dr. Franz Josef Krafeld , Erziehungswissenschaftler und von 1979-2012 Hochschullehrer an der Hochschule Bremen, für das Glossar von BIKnetz - Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus [Stand Oktober 2013].