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Wo Inklusion richtig gut läuft

In einem Jugendhaus wächst die Erkenntnis, dass es normal ist, anders zu sein. Mit Unterstützung der Partnerschaft für Demokratie in Karlsruhe ist etwas gelungen, das vorher nur schwer vorstellbar war.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Im Jugendhaus treffen sich Kinder mit und ohne Behinderung, Bildnachweis: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de
Im Jugendhaus treffen sich Kinder mit und ohne Behinderung, Bildnachweis: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Seit Neuestem hat Renata Reich-Lamprecht einige neue Stammgäste, über die sie sich besonders freut: Jugendliche mit Behinderung, die ihr Kinder- und Jugendhaus als neuen Ort der Freizeitgestaltung für sich entdeckt haben. Dass sie in die Einrichtung in der Karlsruher Augartenstraße kommen, um hier ihre Freizeit zu verbringen und dabei Billard spielen, kickern oder einfach nur quatschen, ist allerdings kein Zufall.

Vor gut einem Jahr startete die Jugendhaus-Leiterin das Programm „Ist das alles?“ – weil sie im Austausch mit den Jugendsozialarbeitern einer Förderschule aufmerksam darauf wurde, wie schwierig es für Kinder und Jugendliche mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen ist, ein geeignetes Freizeitangebot zu finden. „Wir haben in Karlsruhe zwar viele Jugendhäuser. Aber Kinder mit Behinderungen besuchen meist keine Schule in ihrem Stadtteil und sind dadurch vor Ort gar nicht richtig mit den Strukturen vertraut.“ Die Kinder- und Jugendhäuser seien zwar offen für alle, trotzdem sei es in der Regel immer nur eine Ausnahme gewesen, wenn deren Angebot auch tatsächlich alle genutzt hätten.

Training für mehr Sensibilität

Renata Reich-Lamprecht wollte das ändern. Und setzte an drei Punkten an: Zum einen lud sie die Kinder der Förderschule, mit der sie in Kontakt war, zu einem festen Nachmittag in der Woche ein. „Wir sind dann auch in die Klassen gegangen und haben uns erstmal vorgestellt. Da konnten die Jugendlichen sehen, was man bei uns eigentlich machen kann – damit das richtig plastisch wurde, haben wir Billardkugeln und Bälle mitgenommen.“ Dann bewarb Reich-Lamprecht ihre Einrichtung bei den Eltern. Ein neues Vorgehen: „Unsere Stammbesucher kommen ja grundsätzlich ohne Eltern. Das ist bei Jugendlichen mit Behinderungen anders, hier ist die Hemmschwelle, das Kind einfach irgendwohin zu schicken, damit es dort seine Freizeit verbringen kann, natürlich sehr viel höher. Also haben wir Elternbriefe geschrieben und bei den regelmäßigen Nachmittagen in unserem Haus ein extra Elternzimmer eingerichtet, damit die Eltern sich dort aufhalten konnten, während ihre Kinder in aller Ruhe erkunden konnten, was sie bei uns machen können.“ Und dann waren da noch die Mädchen und Jungen, die schon regelmäßig ins Kinder- und Jugendhaus kommen. Die, so die Überlegung der Leiterin, müssen ja mehr Rücksicht nehmen als in ihrem normalen Umgang, wenn sie es mit Kindern mit Beeinträchtigungen zu tun haben. Also boten Reich-Lamprecht und ihr Team ein Sensibilitätstraining der ganz besonderen Art an: Mit Hilfsmitteln wie speziellen Anzügen oder Rauschbrillen konnten die Jugendlichen ohne Behinderung erfahren, wie es sich anfühlt, wenn Motorik und Sinne nicht so funktionieren, wie sie es gewöhnt sind. Drei Wochen lang habe das Training gedauert, erzählt die Leiterin, und „ihre“ Jugendlichen seien „schwer beeindruckt“ gewesen.

Auch für die Frage, wie Mädchen und Jungen, die nicht so mobil und selbständig sind, dass sie sich auf eigene Faust in ihrem Stadtgebiet bewegen können, fand Reich-Lamprecht Lösungen: einen Fahrdienst und das Angebot ortskundiger Jugendlicher, als Lotsen zur Verfügung zu stehen. Inzwischen wird im Kinder- und Jugendhaus Südstadt Inklusion, also die Teilhabe aller, ganz selbstverständlich gelebt. Was die Leiterin besonders freut: Etwa zehn Kinder mit Behinderungen kämen pro Tag vorbei – und zwei von ihnen seien inzwischen zu Stammbesuchern geworden. „Da gibt es ein 14-jähriges Mädchen, das zu Hause lange nichts mit sich anzufangen wusste. Nun ist sie oft da und fühlt sich hier sehr wohl. Das hat sowohl für sie als auch für ihre Mutter, die ja in einer schwierigen Betreuungssituation war, erhebliche Vorteile gebracht.“ Natürlich dürfe man von einem solchen Projekt keine Wunder erwarten, aber dass es im Jugendhaus ein selbstverständliches Miteinander aller Jugendlichen – mit und ohne Einschränkungen – gebe, sei „ein Riesengewinn“.

Von Wasserschaden bis Jugendhaus

Einer, der sich darüber fast genauso freut wie Renata Reich-Lamprecht, ist Marcel Seekircher. Er ist in Karlsruhe verantwortlich für die Partnerschaft für Demokratie, die durch das Programm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ unterstützt wird. Dafür gibt es in ganz Deutschland Koordinierungs- und Fachstellen und weil in Karlsruhe der Stadtjugendausschuss für die Partnerschaft verantwortlich ist, und Seekircher dort als Referent arbeitet, unterstützt er lokale Initiativen und Vereine bei der Verwendung der Mittel des Ministeriums vor Ort. Das Besondere in seiner Stadt sei, dass das Hauptaugenmerkt vor allem auf der Jugendarbeit liege: „Wir fördern in Karlsruhe vor allem Initiativen, die sich um den Abbau von Diskriminierung oder Prävention gegen Radikalisierung von jungen Menschen kümmern. Genauso geht es um den Abbau von Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderungen oder die Akzeptanz körperlicher und geschlechtlicher Vielfalt.“

Wenn Seekircher erzählt, wie das Geld konkret verwendet wird, ist dem 28-Jährigen die Begeisterung anzumerken: „Wir haben aktuell gerade eine Gruppe von Jugendlichen, die einen Raum in einem Jugendhaus genutzt haben. Durch einen Wasserschaden ist das nun schon länger nicht möglich. Weil aber eine Sanierung über die Stadt durch lange Verfahren viel Zeit kostet, haben wir Geld zur Verfügung gestellt. So können die Jugendlichen sich in dem Raum kreativ beteiligen und dazu beitragen, dass er für sie gut nutzbar ist.“ Das seien kleine, punktuelle Aktionen.

Der Großteil des Geldes aus der Partnerschaft aber fließt in längerfristig angelegte Projekte – so wie das Projekt „Ist das alles?“. Auf das ist Seekircher besonders stolz: „Bislang sind Jugendliche mit Behinderungen ja häufig eher abgeschottet. In dem Projekt wurde zunächst ein Jugendhaus bewusst für sie geöffnet und das wird jetzt noch auf mehr Einrichtungen in der ganzen Stadt ausgeweitet.“ Der Versuch, Barrieren abzubauen und bei Jugendlichen ohne Einschränkungen über spezielle Trainings ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie ein gutes Miteinander funktionieren kann, sei ein toller Ansatz – und laufe in Karlsruhe „richtig, richtig gut“.

Gefördert wird durch die Partnerschaft für Demokratie in Karlsruhe auch ein weiteres besonderes Projekt: nämlich für das queeren Jugendzentrum La ViE. Auch hier ist Seekircher davon überzeugt, dass jeder Cent bestens angelegt ist: „Im La ViE können sich junge Menschen treffen, die sich der LSBTTIQ-Community zurechnen, also lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender, intersexuell oder queer sind. Das ist ein geschützter Raum, in dem jeder so sein kann, wie er oder sie ist, ohne sich rechtfertigen oder erklären zu müssen.“ Mit Aktionen und Veranstaltungen versuchten die Verantwortlichen mit den Jugendlichen, in der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es normal ist, anders zu sein. „Und das“, so Seekircher beeindruckt, „kann man doch nur unterstützen.“

Autorin: Susanne Kailitz