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Weil auch Diskriminierung ohne Absicht verletzt

Das Projekt „MSO inklusiv!“ will Mehrfachdiskriminierung unter Geflüchteten sichtbar machen.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Bildnachweis: Ronald Becker
Bildnachweis: Ronald Becker

Wer in seinem Leben keine Diskriminierung erfährt, dem fällt es oft schwer, sie zu erkennen, wenn sie anderen widerfährt. Wem ist schon wirklich bewusst, dass ein Mensch, der im Rollstuhl sitzt, vielleicht von mir zum ersten Mal gefragt wird, warum das so ist – diese Frage aber selbst so oft gestellt bekommt, dass er sie nicht mehr hören kann? Wer denkt darüber nach, was die unbedachte Bemerkung „Und wo kommst du wirklich her?“ mit jemandem macht, dessen Familie schon seit Generationen in Deutschland lebt? Und könnte es nicht sein, dass die witzig gemeinte Bemerkung „Du hast bisher nur noch nicht den richtigen Mann getroffen“ unbeabsichtigt eine Grenzüberschreitung hinsichtlich der sexuellen Orientierung des Gegenübers ist?

Larissa Hassoun weiß, dass diese unbedachten Kränkungen oft ohne böse Absicht geschehen. Dennoch möchte sie, dass es dafür ein größeres Bewusstsein gibt, um ungewollte Diskriminierungen zu vermeiden. Die 30-Jährige ist Referentin beim Migrationsrat Berlin-Brandenburg und dort zuständig für das Projekt „MSO inklusiv!“.

Die Initiative wird mit Geldern des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert, das Initiativen, Vereine und engagierte Bürgerinnen und Bürgern in ganz Deutschland bei ihrem Einsatz für ein vielfältiges, gewaltfreies und demokratisches Miteinander unterstützt. Bei „MSO inklusiv!“ gehe es darum, „Migrant_innenselbstorganisationen gegen Homosexuellen- und Transfeindlichkeit, für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt zu sensibilisieren“, erklärt Hassoun, „die Gemeinschaften sollen sich in ihrer Arbeit stärker für die Themen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt öffnen“. Denn wie in der Mehrheitsgesellschaft gebe es in diesen Gruppen Mehrfachdiskriminierungen vor allem von LSBTTIQ-Personen, also lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen.

„Wir hören häufig, dass Homosexuellen- und Transfeindlichkeit unter Migrantinnen und Migranten stärker ausgesprägt seien“, sagt Hassoun, „aber wir wollen darauf hinweisen, dass es sich dabei um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt.“ Ihre Arbeit im Rahmen von „Demokratie leben!“ verfolge deshalb einen Doppelauftrag: „Wir wollen das Thema sichtbar machen und gleichzeitig den Bedarf für spezielle Angebote ermitteln.“ Eine Mischung aus „Sensibilisierung und Empowerment“ sei das, die vor allem denen zugutekommen solle, die unter Diskriminierung wegen ihres Fluchthintergrunds und gleichzeitig unter Homosexuellen- und Transffeindlichkeit litten und so „doppelt unsichtbar gemacht“ würden.

Fünf Projekte können ihre Ideen umsetzen

Dafür fördert der Migrationsrat Berlin-Brandenburg im Rahmen des Modellprojekts „MSO inklusiv!“ jährlich bis zu fünf Projekte, die sich der Thematik auf ganz unterschiedliche Weise widmen. Man lege in der Ausschreibung bewusst nicht fest, wie die Projekte der Vereine aussehen sollten, sagt Larissa Hassoun, das enge nur unnötig ein und bremse vielfach die Kreativität.

In diesem Jahr wird etwa der Verein Adefra unterstützt – ein kulturpolitisches Forum für Schwarze Frauen und Women of Color, die sich das sexualpädagogische Empowerment für Schwarze Menschen und People of Color in Deutschland auf die Fahnen geschrieben haben und dafür ein Netzwerk an Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aufbauen wollen. Der Verein veranstaltet Workshops mit Schwarzen Jugendlichen mit und ohne Fluchterfahrung und will Menschen, die Rassismus erfahren haben, sichtbarer machen.

Der Verein Queeraspora in Bremen, der ebenfalls gefördert wird, möchte LSBTTIQ-Geflüchtete sichtbarer machen und so Homosexuellen- und Transfeindlichkeit abbauen, während sich der Verein GLADT und der Türkische Bund Berlin-Brandenburg vor allem auf das Thema Wohnungssuche für trans* und queere Geflüchtete konzentrieren. Ihr Ziel ist es, Support-Teams aus mindestens einer geflüchteten und mindestens einer unterstützenden Person zu bilden, die gemeinsam auf Wohnungssuche gehen. Das soll den bisher sehr schwierigen Zugang von LSBTTIQ-Geflüchteten zum Berliner Wohnungsmarkt erhöhen. Und der Verein iranischer Flüchtlinge in Berlin, der in diesem Jahr ebenfalls im Rahmen von „MSO inklusiv!“ gefördert wird, bietet Beratungsangebote für geflüchtete Menschen aus der iranischen und afghanischen Communitiy und veranstaltet regelmäßige Sensibilisierungstreffen zum Thema Homosexuellen- und Transfeindlichkeit für Familien und Community-Mitglieder.

Alle Vereine hätten einen ganz eigenen Zugang zum Thema, sagt Larissa Hassoun, es sei „extrem inspirierend“ zu erleben, mit wie viel Herzblut und Engagement sich die Engagierten des Themas annehmen würden. Der Migrationsrat unterstützt die Vereine und Initiativen vor allem mit Beratung und Materialien: So ist er als Träger etwa verantwortlich für einen „Respect Guide“ auf deutsch und englisch, der sich als „Leitfaden für einen respektvollen Umgang miteinander versteht“ und Vorschläge und Anregungen bereithält, die es ermöglichen sollen, ungewollte Diskriminierungen zu vermeiden. Darin werden leicht verständlich Situationen erklärt, in denen Diskriminierung auch ganz ohne Intention entsteht – und in denen es wichtig ist, den Blick auf die Frage zu erweitern, in welcher Situation sich das Gegenüber befindet und was die Antwort auf bestimmte Fragen für sie als Person bedeutet. Menschen, die wenig Diskriminierung erfahren, hätten es oft leichter, sich frei zu bewegen als andere, heißt es darin: „Um ein bisschen mehr Freiheit zu schaffen, sollte jeder Mensch darauf achten, anderen Menschen das Leben nicht noch eingeschränkter, enger und schwerer zu machen.“

Mit Checkliste, Toolbox und Respect Guide

Der Migrationsrat hat auch eine Checkliste entwickelt, mit deren Hilfe sich Vereine und Initiativen selbst einen ersten Blick darüber verschaffen können, ob LSBTTIQ-Themen in ihrer Arbeit präsent sind, ob sie eine sensible Sprache benutzen und die Vereinsräume Offenheit für LSBTTIQ widerspiegeln.

Zudem wird eine Toolbox zur Verfügung gestellt, wie Larissa Hassoun erklärt: „Dabei handelt es sich um einen Werkzeugkasten für die inklusive Vereinsarbeit, mit Ideen und Vorschlägen, wie die Vereine gegen Mehrfachdiskriminierung aktiv werden können. Dabei gibt es etwa Tipps für inklusivere Angebote oder Veranstaltungsräume.“ Ein Jahr lang laufe die Projektförderung, erzählt Larissa Hassoun, „und meistens entstehen in dieser Zeit so tolle Initiativen, dass wir es immer sehr schade finden, wenn der Förderzeitraum vorbei ist“. Zu den meisten aber halte man weiter Kontakt, die Arbeit sei auf Nachhaltigkeit angelegt. Fünfzehn migrantische Selbstorganisationen in ganz Deutschland habe man im Rahmen von „Demokratie leben!“ auf diese Weise erreicht, gleichzeitig seien auch die rund sechzig Vereine, die sich unter dem Dach des Migrationsrats zusammengeschlossen haben, für das Thema sensibilisiert worden. „Das ist schon jetzt ein riesiger Erfolg.“