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Von wegen verdrossen

Deutschlands Jugend ist unpolitisch und schwer zu motivieren – die Vorurteile halten sich hartnäckig. Resignation hilft nicht weiter, sondern die richtige Ansprache und gute Ideen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen zur Print-Ausgabe finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

In der Stadt

Mitsprache als Freizeitevent
Die neue Shell-Jugendstudie lieferte erstaunliche Ergebnisse. Demnach entdecken immer mehr Jugendliche ihr Interesse an Politik – besonders Online-Petitionen stoßen auf Zuspruch. Für direkte Aktionen zu motivieren, ist da weitaus schwieriger. „Der entscheidende Schritt ist, Begeisterung zu wecken“, sagt Katharina Fuchs vom Stadtjugendring in Lüneburg. Deshalb kommen zwei Dutzend Schüler der 70 000-Einwohnerstadt zu einem sogenannten „Ideenschmiedewochenende“ zusammen. Schwere Werkzeuge oder brennende Öfen sucht man allerdings vergebens, dafür rauchende Köpfe und kreative Gedanken. Fuchs und ihr Team will erfahren, was den jungen Menschen im Stadtleben wichtig ist und was sie ändern wollen.

Die Motivation ist „Knochenarbeit“, gibt die 27-Jährige zu. Jedes Jahr neue Jugendliche für die gute Sache zu ködern, funktioniere nur über persönliche Kontakte, E-Mails seien hingegen aussichtslos. Aus ersten zögerlichen Ideen entstehen Musikfestivals oder generationsübergreifende Seniorentreffs – 300 Euro haben die Jugendlichen dafür im Portemonnaie. „Es ist eben anders als Schule“, erklärt Fuchs den besonderen Charme. Ein Student der städtischen Universität steht ihnen zur Seite, nicht um zu drängeln, sondern um bei Problemen zu helfen.

Nun wagen die Niedersachsen, mit Unterstützung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, den nächsten Schritt. Im Idealfall erkämpfen sich die Ideenschmieder einen Platz im Stadtrat oder fordern sich das Rederecht in Ausschüssen ein. Die Jugendgruppe will neue Impulse für politische Projekte geben und die Partizipation in Lüneburg voranbringen.

www.stadtjugendring-lueneburg.de

Auf dem Land

Schüler arbeiten Politik zu
Haldenslebens Ratssaal ist gut gefüllt. Verschiedenfarbige, dicke Aktenordner liegen auf den vier Tischreihen, obendrauf ein doppelseitig bedrucktes Blatt Papier mit der Aufschrift „Stimmschein“. Bis dieser zum Einsatz kommt, studieren die Kreistagsmitglieder eifrig die Tagesordnung der heutigen Sitzung. Alles nichts Besonderes, wären die gewählten Vertreter nicht Schüler zwischen 14 und 17 Jahren.

Das Jugendparlament im Landkreis Börde, gelegen zwischen Magdeburg und Wolfsburg, ist ein echtes Novum. 40 Jugendliche opfern ihre Freizeit, um den Gleichaltrigen eine politische Stimme zu geben. Zweimal jährlich tagen die Nachwuchspolitiker, um Vorschläge für den „echten“ Kreistag zu machen. In Zukunft sollen die Jugendlichen auch dort ein Rederecht erhalten. Schülerbeförderung, Aktionen gegen Rechtsextremismus oder die technische Ausstattung in Schulen sind Dauerthema.

Auf zwei Jahre werden die Mitglieder des Gremiums von Schulen entsandt, können sich selbstständig melden. Die jugendliche Expertise hat sich rumgesprochen. Selbst zu Anhörungen in den Landtag von Sachsen-Anhalt werden die Schüler eingeladen. „Es braucht das Gefühl, etwas bewirken zu können“, sagt Integrationskoordinatorin Ann Fabini, die eine der vier Arbeitsgruppen betreut. Der Unterricht ist oft abschreckend. Mit komplizierten Formeln zur Errechnung von Sitzverteilungen werde nicht unbedingt das Interesse an Politik geweckt. Das Vorurteil, solche Formate seien elitäre Zirkel, will Fabini allerdings nicht gelten lassen: „Engagement hat nichts mit der Schulform zu tun“.

www.boerdekreis.de

Autor: Tom Waurig