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Ravensburger Verein entwickelt Willkommenspaket für Flüchtlinge

Um Flüchtlingen, die gerade nach Deutschland gekommen sind, dabei zu helfen, sich in der deutschen Bürokratie und im Alltag dieses Landes zurechtzufinden, hat der Ravensburger Verein Tavir e. V. ein „Willkommenspaket“ entwickelt.

Nur eine Ehefrau zu haben ist in Deutschland die Regel. „Gerade die für uns so selbstverständlichen Dinge des Lebens können für Menschen, die aus anderen Erdteilen und Kulturen kommen, ganz neu und ungewohnt sein“, erläutert Yalçın Bayraktar von Tavir e. V. das Ziel, das der Verein mit den ausgearbeiteten Kärtchen und Zeigebildern verfolgt. „Für uns ist es klar, dass man an der roten Ampel stehen bleibt und dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt, aber in einigen Kulturen stellt gerade das Handgeben ein absolute Unhöflichkeit und ein Unding dar. Wie kann man das wissen, wenn man gerade nach Deutschland gekommen ist, diese Sprache nicht versteht und die fremde Kultur nicht kennt?“.

Um den in Ravensburg angekommenen Flüchtlingen die Angst und Unsicherheit zu nehmen und auch bei „Alteingesessenen“ ein Verständnis für die Probleme der neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu wecken, beauftragte die Stadt Ravensburg aus Mitteln der Förderung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Verein Tavir e. V., eine praktische Hilfe zu entwickeln.

So sind alltägliche Dinge des Lebens auf den Kärtchen mal textlich und auch mal bildlich übersichtlich aufgeführt und erläutert.

Welche Sitten und Gebräuche es in Deutschland gibt (Was ist Fasnet? Wie trennt man Müll?), wie sich Mann und Frau zueinander verhalten, dass Haustiere wie Hunde und Katzen in Deutschland geliebte Familienmitglieder sind, aber auch Themen des Grundgesetzes (z.B. die oben erwähnte monogame Ehe) und einfache Verkehrsregeln werden angesprochen.

Wie macht man dem Arzt klar, dass man Bauchschmerzen hat? Darf der Mann mit zum Arzt, wenn die Freundin behandelt werden muss? Alles Dinge, die in Deutschland Aufgewachsenen meistens klar sind.

Yalçın Bayraktar erzählt dazu aus eigener Erfahrung: „Ich bin in Deutschland groß geworden und somit in dieser Gesellschaft sozialisiert, doch noch für meine Eltern war vieles fremd und einiges erschreckend, als sie damals nach Deutschland kamen. Das wollen wir nun den neuen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ersparen oder doch wenigstens durch ganz praktische Hilfe abmildern. Sehr wichtig ist immer, dass es nicht aufgrund von Unwissenheit zu Missverständnissen oder sogar Ablehnung kommt, sondern dass sich alle Beteiligten gegenseitig respektieren und helfen. Ganz klar gehört jedoch auch dazu, dass man gewisse Regeln einer Gesellschaft, in die man kommt und in der man leben will, kennt und versucht einzuhalten“.

Da die Vorstellung der „Willkommenskärtchen“ in der Presse, bei Radio und Fernsehen und  in vielen Kommunen in Deutschland auf sehr großes Interesse stößt, sind die Mitglieder von Tavir und die Stadt Ravensburg dabei, die Willkommenskultur mit konkreten Inhalten und Maßnahmen des tägliche Lebens weiter auszubauen. Dabei werden die Verantwortlichen des Landkreises Ravensburg, des Bodenseekreises und des Landes Baden-Württemberg mit einbezogen und sie hoffen, dass auch in anderen Regionen die Angebote übernommen werden. „Das ‚Willkommenspaket’ ist so angelegt, dass es gut auf die jeweiligen regionalen Gegebenheiten angepasst und von anderen Kommunen übernommen werden kann“, erläutert Bayraktar optimistisch.

Doch nicht nur die Flüchtlinge erhalten Unterstützung dabei, sich auf ihre neue Lebenssituation einzustellen. Im Rahmen eines von ihm entwickelten Willkommenskonzepts unterstützt der Verein Tavir auch die Arbeit der ehrenamtlichen Helferinnen uns Helfer. So wurde 2014 ein „Wegweiser für ehrenamtlich Aktive in der Flüchtlingsarbeit“ herausgegeben, dessen Realisierung ebenfalls durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wurde. In diesem Wegweiser erhalten die Ehrenamtlichen in übersichtlicher Form Informationen zum Asylrecht, welche Wege „durch die Ämter“ Flüchtlinge erwarten bzw. wobei sie Hilfe und praktische Unterstützung benötigen, bis hin zu Möglichkeiten der sportlichen Betätigung, zum Einkaufen und zur Internetnutzung.

Stefan Goller-Martin, Leiter des Amtes für Soziales und Familie der Stadt Ravensburg, ist über die bereits über mehr als Hundert Anfragen anderer Städte und Kommunen, auch aus dem Ausland, überrascht: "Wir haben den Alltag analysiert und somit Probleme erkannt, die Fremde in dieser Gesellschaft haben könnten. Daraus sind dann die Unterstützungsangebote entstanden." Und gerade diese Wahrnehmung der Kleinigkeiten des Alltags der Menschen und nicht nur der Besonderheiten des Asylverfahrens scheint der Erfolgsfaktor zu sein. "Wir werden nun die vier Säulen des Willkommenspakets weiter entwickeln. Die erste Säule ist die Wahrnehmung des Alltäglichen und die Bereitstellung einfacher Materialien wie z.B. eines örtlichen Stadtplans. Die zweite Säule ist der Wegweiser für Ehrenamtliche, der wichtige Tipps und Informationen für die Freundeskreise gibt. Die dritte Säule sind die Willkommenskarten; dies sind Themenkarten, die zum Gespräch über Dinge des täglichen Lebens anregen sollen und sowohl Ehrenamtlichen als auch Flüchtlingen die zentralen Dinge veranschaulichen. Die vierte Säule ist ein so genanntes „Zeigebuch“, das Kommunikation über Bilder ermöglicht und speziell für Flüchtlinge ohne Sprachkenntnisse entwickelt wurde."

Das Konzept des Zeigebuches hat sich weltweit als Reisehilfe zur Unterstützung non-verbaler Kommunikation verbreitet, wurde aber bisher nicht in der Willkommensarbeit eingesetzt. Mit einer Sonderausgabe, die den Flüchtlingen kostenlos durch die aufnehmenden Stellen zur Verfügung gestellt werden soll, wird der Einstieg in die Kommunikation und das Erlernen der Sprache wesentlich vereinfacht. So sollen in der Stadt Ravensburg, im Landkreis Ravensburg und im Bodenseekreis alle Flüchtlinge eines dieser Zeigebücher erhalten. Tavir e. V. hat gemeinsam mit Dieter Graf, dem Herausgeber der Zeigebücher, dem Amtsleiter Stefan Goller-Martin und dem Integrationsbeauftragten der Stadt Ravensburg, Martin Diez,  diese Sonderausgabe „point it - language kit for refugees“ entwickelt. Für andere Städte und Landkreise besteht seit Mitte April 2015 die Möglichkeit, sich Exemplare über den Verein Tavir e. V. zu bestellen (Bestellformular).

Der „Türkische Akademiker-Verein in Ravensburg Tavir“ wurde 2007 gegründet, um Bildung, Kultur und den Umweltschutz auf der Grundlage der Integration zu fördern. Der Verein hat schon verschiedene Bildungsprojekte durchgeführt, die vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend oder vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gefördert wurden. Tavir stellt mittlerweile einen wichtigen Ansprechpartner für Migrantinnen und Migranten und kommunale Akteure, wie z.B. die Stadt Ravensburg, dar. Yalçın Bayraktar ist Vorstandsvorsitzender von Tavir e. V. und Abteilungsleiter im Sachgebiet Migration des Bodenseekreises.

Bilderstrecke „Willkommenskärtchen“