Zum Inhalt springen Zum Hauptmenü springen Zum Servicemenü springen

Praxisblick in das Modellprojekt „bildmachen“

„Es geht um die gemeinsame Antwort auf die Frage: Wie wollen wir leben?”

Politische Bildung und Medienpädagogik zur Prävention extremistischer Ansprachen in Sozialen Medien

Demokratiekultur an Schulen fördern: Schülerinnen und Schüler können in geschützten Vertrauensräumen ihre Themen und Erfahrungen austauschen. Bild: Dialog macht Schule gGmbH

Bild: bildmachen

Soziale Medien gehören zum Alltag von Jugendlichen. Neben informativen, unterhaltsamen und hilfreichen Inhalten werden sie hier mit Hate Speech, Verschwörungstheorien, extremistischen Positionen und Falschinformationen konfrontiert. Das Modellprojekt bildmachen fördert die kritische Medienkompetenz und qualifiziert pädagogische Fachkräfte, die subtile Ansprache von Extremisten in den Sozialen Medien zu erkennen und Materialien für den Unterricht mit den Jugendlichen zu entwickeln.

bildmachen  will Jugendliche darin bestärken, eigene Perspektiven zu den für sie relevanten Themen zu entwickeln und sich damit selbstbewusst im Netz zu positionieren. Pädagogischen Fachkräften werden konkrete Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, wie sie  Jugendlichen den kompetenten Umgang mit den Sozialen Medien vermitteln können.


Wie ködern extremistische Gruppen Jugendliche im Netz?

Extremistinnen und Extremisten greifen im Netz Themen auf, die Jugendliche beschäftigen: Gemeinschaft und Identität, Gerechtigkeit und Geschlechterrollen, Politik und Gesellschaft, Religion und Zusammenleben. Das bestätigt der Bericht „Islamismus im Netz 2018“.  Das Online-Portal „jugendschutz.net“ hat den Bericht in Zusammenarbeit mit dem Bundesfamilienministerium im April 2019 veröffentlicht. Die Untersuchung beschreibt u. a., wie radikale Islamisten im Internet versuchen, vor allem Jugendliche für ihre Zwecke zu rekrutieren.

Dabei knüpfen diese für ihre Propaganda oft an die Sehgewohnheiten von Jugendlichen an, kopieren deren Lifestyle und nutzen das aktuelle Zeitgeschehen für ihre Zwecke.  So warb die vermeintlich hippe Facebook-Seite „Generation Islam“ mit Fußball-Nationalspieler Mesut Özil, als dieser nach einer öffentlichen Rassismusdebatte aus der Nationalmannschaft austrat. Unter einem Foto wurde er falsch zitiert: „Ich bin deutsch, wenn wir gewinnen, aber ich bin Immigrant, wenn wir verlieren“.

Auch auf Twitter und Instagram versuchen islamische Extremistinnen und Extremisten ihre Propaganda zu verbreiten. Unter dem Hashtag „#NichtOhneMeinKopftuch“ wurde gegen ein angeblich drohendes Kopftuchverbot protestiert. Oder Islamisten verwenden gezielt Hashtags, um unbedarften Jugendlichen den militanten Dschihad als „coolen Lifestyle“ zu verkaufen.

Nicht nur Islamisten, auch Rechtsextreme sprechen Jugendliche über Lifestyle-Angebote an. So sind im Netz z.B.  „Nipster“ (Nazi-Hipster) unterwegs, die mit angesagten Sneakers werben. Auch die so genannten „Identitären“ verbreiten ihre Botschaften, in dem sie schöne und ansprechende Fotos mit rechten Parolen kombinieren.


Kontroverse Themen handhabbar machen - wie sieht das konkret in der Praxis aus?

Das Angebot von bildmachen setzt genau hier an: Die Jugendlichen lernen, extremistische Ansprache im Netz zu erkennen. Auf spielerische Art werden aktuelle und jugendnahe Formate thematisiert und kritisch reflektiert. Praktische Übungen zeigen, wie leicht sich Bilder und Fotos im Netz verändern lassen und wie Medien von extremistischen  Akteurinnen und Akteuren für ihre Zwecke genutzt werden.

In zweitägigen Workshops diskutieren die Jugendlichen kontroverse Themen und erstellen eigene Memes. Bei einem Meme handelt es sich um ein Bild (oder auch ein Video oder Filmausschnitt) mit einem lustigen Text. Häufig sind die Abbildungen aus einem anderen Zusammenhang bekannt. Das Bekannte wird mit einem neuen Text oder Spruch kombiniert, der überraschend oder ironisch ist. Memes werden von Jugendlichen im Internet genutzt und geteilt, weil sie witzig sind – aber auch um Gefühle auszudrücken oder Stellung zu aktuellen (politischen) Ereignissen zu nehmen.

Was für bildmachen ursprünglich als Prävention von Antimuslimischem Rassismus und Islamismus im Netz begann, hat sich mittlerweile zur Beschäftigung mit einer breiten Themenvielfalt entwickelt. Jugendliche bringen ihre Erfahrungen ein. Die drehen sich beispielsweise um die Zugehörigkeit von Musliminnen und Muslimen zu Deutschland oder Auseinandersetzungen in Zusammenhang mit Antisemitismus – aber auch mal um Notendruck, Hate Speech oder den Umgang mit Fake News.


„Wir geben keine Antworten vor, auch keine ‚positiven‘.“

Canan Korucu, Co-Geschäftsführerin von ufuq.de und Leiterin von bildmachen, betont, wie wichtig es sei, Jugendlichen Räume zur Verfügung zu stellen, in denen sie sich über eigene Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen austauschen können.

„Die Anerkennung von Erfahrungen von Jugendlichen zum Beispiel mit Rassismus und die Sensibilisierung für extremistische Narrative sind die Ausgangspunkte der Workshops. Wichtig ist: Wir geben keine Antworten vor, auch keine ‚positiven‘, sondern möchten das Spektrum von Deutungen und Meinungen erweitern, auf das sich Jugendliche beziehen können.“


In der Gestaltung ihrer eigenen Inhalte stehen Auseinandersetzungen mit all jenen Fragen, die für die Präventionsarbeit relevant sind: Was bewegt mich, was ist mir wichtig? Wie sehen das andere? Wo will ich hin?

„Kontroverse Auseinandersetzungen sowie die Anregungen zum Weiterdenken, zum Nachdenken, zum Austausch sind sehr fruchtbar. Und das sind jene Momente, an die sich sowohl die Jugendlichen als auch die Trainerinnen und Trainer lange erinnern. Denn es geht nicht in erster Linie darum, vorzeigbare, sozial erwünschte Memes zu erstellen, sondern um die Selbstreflexion und letztendlich um die gemeinsame Antwort auf die Frage „Wie wollen wir leben?“,“ kommentiert Korucu. 


Am Ende der Workshops steht die Präsentation der entstandenen Medienprodukte, bei der die Jugendlichen ihre Überlegungen vorstellen. Dabei gibt es ausreichend Raum, um die formulierten Botschaften und Inhalte erneut zu reflektieren und in der Gruppe über mögliche Wirkungen zu diskutieren.

Im Anschluss werden ausgewählte Inhalte auf projekteigenen Kanälen veröffentlicht, wie zum Beispiel der „Hall of Meme. So sollen die von den Jugendlichen selbst gestalteten Botschaften als Antwort auf rassistische, ausgrenzende oder polarisierende Posts sichtbar gemacht werden. Ziel ist außerdem, dass die Jugendlichen ihre Botschaften in ihren eigenen sozialen Netzwerken teilen und so zu einer größeren Sichtbarkeit von alternativen Positionen beitragen.

 

Hat auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht, man hat viel dadurch gelernt. Zum Beispiel, dass man im Internet aufpassen muss, dass es echt Leute gibt, die einfach aufgrund von Lügen versuchen, andere Sachen schlecht zu reden und man echt alles nochmal hinterfragen sollte. (...) Und einem durch manche Sachen hier im  Projekt auch die Augen geöffnet wurden.

15-jähriger Workshopteilnehmer

 

„Ich konnte meine Gefühle über Diskriminierung und Rassismus teilen.“

14-jährige Workshopteilnehmerin
 

Frau Korucu, bildmachen wird seit August 2017 durch „Demokratie leben!“ gefördert. Wie hat sich das Projekt entwickelt?

Als wir im August 2017 starteten, nahmen wir an, dass die Jugendlichen viel stärker islamistische Narrative in den Workshops thematisieren würden - das war aber eher die Ausnahme. Im offenen Rahmen der Workshops ist die Themenvielfalt sehr breit und reicht von antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus bis hin zu Critical Whiteness. Es entstehen auch viele Memes, die den schulischen Alltag thematisierten, z.B. Notendruck, den langersehnten Schulschluss oder auch die ungleiche Behandlung bei der Notengebung.

Wo liegt für Sie eine der größten Herausforderungen?

Bei der Thematisierung von Rassismus und Sexismus müssen die Trainerinnen und Trainer in vielerlei Hinsicht eine gute Balance finden: Wo sind in der Diskussion, in der grundsätzlich jede und jeder zu Wort kommen darf, rote Linien zu setzen – auch um andere Jugendliche zu schützen? Welche konkreten lebensweltnahen Beispiele - die die Trainerinnen und Trainer einbringen - können im weiteren Verlauf der Diskussion hilfreich sein? Welche können auch im Hinblick auf den Jugendschutz der Gruppe überhaupt zugemutet werden? Hier versuchen wir unsere Trainerinnen und Trainer durch fortlaufende Weiterqualifikationen bestmöglich zu unterstützen.

Gibt es so etwas wie eine Leitfrage für den roten Projektfaden?

Wie können wir als Projektmitarbeiter und -mitarbeiterinnen die Themen so behandeln, dass sie für Jugendliche verständlich, relevant und interessant sind? Wir wollen die Jugendlichen nicht langweilen und ihnen schon gar nicht mit erhobenem Zeigefinger sagen, was richtig und falsch ist. Ganz im Gegenteil, wir wollen sie stärken, ihre Meinung zu sagen, in die Auseinandersetzung zu gehen und sie begeistern, sich für ihre Ideen einzusetzen.
 

www.bildmachen.net