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Mehr Deutsch in die Moscheen

Wie das Projekt FödeM deutschen Muslimen dabei hilft, ihre Religion besser zu erklären.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Vier Moscheen gibt es in Herrenberg, jede ist gut besucht. (Foto: Andrea Moroni / flickr.com, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0)
Vier Moscheen gibt es in Herrenberg, jede ist gut besucht. (Foto: Andrea Moroni / flickr.com, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0)

Eigentlich hatte Manuela Epting gedacht, sie würde sich mit dem Islam ganz gut auskennen. Als dann aber eine Frage und vier Antwortmöglichkeiten vor ihr lagen, kam sie ins Nachdenken. „Ich sollte die Frage beantworten, wie man Muslim wird – durch muslimische Taufe, den Ausruf Allahu Akbar, durch Vererbung oder das Aufsagen des Glaubensbekenntnisses. Aus meinem christlichen Kontext und Verständnis heraus habe ich die erste Antwort gewählt, richtig war aber die letzte. Da habe ich natürlich schon darüber nachgedacht, wie wenig man doch voneinander weiß.“

Um das zu ändern, spielt man in Herrenberg und Umgebung in letzter Zeit häufiger das so genannte Islam-Quiz. Das ist Teil des Angebots der Herrenberger Bildungsinitiative FödeM. Die Abkürzung steht für „Förderung des deutschsprachigen Moscheeangebots“. In einem knallroten „Dialog-Zelt“ lädt die Initiative auf Veranstaltungen dazu ein, Fragen rund um den Islam zu beantworten. „Die möglichen Antworten sind häufig sehr salopp formuliert“, erklärt FödeM-Leiter Zakaria Oulabi, „auf diese Weise gelingt es besser, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Im Stil von „Wer wird Millionär“ können hier Fragen etwa zum Kopftuch, der Rolle der Frau oder bestimmten islamischen Traditionen beantwortet werden – als Gewinn winkt eine Tafel Schokolade. Bierernst geht es dabei nicht zu. Wenn eine der Antwortmöglichkeiten, wann der Ramadan stattfindet, „an Halloween“ lautet, dann sorge das regelmäßig für ein Lachen, sagt Oulabi, „und damit läuft jedes Gespräch besser“.

Über den Glauben nachdenken – in der eigenen Sprache

Doch der Herrenberger hat eine Mission, die deutlich darüber hinausgeht, Nicht-Muslimen Informationen über seinen Glauben nahe zu bringen. Er engagiert sich vor allem dafür, mehr deutsche Sprache in die Moscheegemeinden in seiner Region zu bringen oder auch Musliminnen und Muslime wieder einmal dazu zu bewegen, über den eigenen Glauben nachzudenken. Vier Moscheen gibt es in Herrenberg, jede von ihnen wird von etwa 150 bis 200 Gläubigen besucht. „Ich finde es wichtig, dass junge Muslime, die in Deutschland aufgewachsen sind, sich auch in ihrer Sprache, und das ist ja Deutsch, über ihren Glauben unterhalten können.“

Der 30-Jährige wurde als Sohn syrischer Eltern in Frankfurt am Main geboren und lebt als selbständiger Bausanierer seit inzwischen elf Jahren in Herrenberg. Dort ist er Teil der islamischen Gemeinde – und findet es unbefriedigend, dass ein Großteil der Angebote auf Türkisch ist. „Die meisten jungen Muslime, die hier aufwachsen, sprechen nicht wirklich gut türkisch oder arabisch, sondern deutsch. Und deshalb sollten sie auch über eine deutsche Terminologie für ihre Religion verfügen.“ Nur wer wirklich gut und verständlich über seinen Glauben nachdenken und sprechen könne, sei auch in der Lage, einen „Islam mit deutschem Verständnis“ zu entwickeln und zu präsentieren. Das könnte auch zum Vorteil für die vielen Geflüchteten sein, die in den letzten Jahren in die Region gekommen sind und für die die deutsche Sprache aufgrund der ganz unterschiedlichen Herkunft zu verbindenden Klammer werden könne.

Von dieser Idee ist auch Manuela Epting überzeugt. Die studierte Kulturwissenschaftlerin ist seit mehr als einem Jahr Referentin für “Demokratie leben!“ beim Team Beteiligung und Engagement der Stadt Herrenberg. Dieses Netzwerk wird gefördert vom Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“, mit dem das Bundesfamilienministerium Initiativen, Vereine sowie engagierte Bürgerinnen und Bürger in ganz Deutschland unterstützt, die sich für ein gewaltfreies und demokratisches Miteinander einsetzen. Auch FödeM profitiert davon – und Manuela Epting ist sich sicher, dass dieses Geld gut eingesetzt ist. „FödeM ist definitiv ein Leuchtturm unter unseren Projekten“, sagt sie, „die Initiative passt mit ihrer Ausrichtung genau in das hinein, was das Bundesprogramm will – Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichen Hintergründen generationenübergreifend ins Gespräch zu bringen.“

Das richtige Material fehlt – noch

Das lockere Islam-Quiz, das mit seiner saloppen Art einen tollen Einstieg in Gespräche zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen bringe, und das Dialogzelt, das diese Form des Kontakts ermögliche, seien dabei aber nur zwei Puzzleteile. Wichtig sei auch das Bemühen von FödeM um mehr deutschsprachige Angebote in den Moscheen und dabei die Ausbildung so genannter Jugendmentorinnen und -mentoren, weil die in besonderer Weise integrativ wirken könnten.

In speziellen Kursen werden sie seit gut einem Jahr von FödeM ausgebildet. Sie bekommen Unterricht zu den theologischen Begriffen des Islam auf Deutsch, diskutieren Glaubensgrundlagen und islamische Werte und werden zudem rhetorisch so geschult, dass sie all diese Informationen auch verständlich an Jüngere und Gleichaltrige weitergeben können. Bis es endlich deutschsprachige Imame gebe, könnten die Mentorinnen und Mentoren Brücken in die Gemeinden bauen und die Position des Deutschen dort stärken. Viele Moscheen seien grundsätzlich offen für den Gedanken. „Aber manchmal braucht es eben den kleinen Anstoß, damit aus einer Bereitschaft auch eine Aktion wird.“

Mentoren sollen Brücken bauen

Genau das ist nämlich das Anliegen von Zakaria Oulabi. Vor einigen Jahren stellte er in einem gemeinsamen Projekt mit Studierenden der  Fakultät für Islamische Theologie der Universität Tübingen fest, dass es nur extrem wenig deutschsprachige Literatur für Angebote in Moscheen gab. Um sich aber in den theologischen Begriffen, Definitionen und der Beschreibung des gelebten Glaubens verständlich machen zu können, müssten gerade die dringend her – nur so könne man junge Muslime davon abhalten, sich ihre Informationen an falscher Stelle zu suchen und dabei gegebenenfalls auf radikale Angebote anzuspringen. „Sich nur im Internet zu informieren, ist der falsche Weg“, sagt Oulabi, „wir möchten gern, dass die Jugendlichen gutes Material in einer Sprache, die sie verstehen, in ihren Moscheen finden.“

Aysenur Erdemir hat sich zur Mentorin ausbilden lassen. Die 23-Jährige studiert Islamische Religionslehre und will später als Lehrerin arbeiten. Die meisten der Begriffe, um die es in den beiden Kursen, die sie absolviert hat, ging, habe sie natürlich gekannt: „Aber es war auch sehr spannend zu erfahren, wie man die Altersgruppe der 11- bis 14-Jährigen so ansprechen kann, dass sie am Thema Interesse entwickeln.“ In ihrer Heimatstadt Karlsruhe gebe es bisher in den Moscheen fast keine deutschsprachigen Angebote für Jugendliche. „Ich möchte gern dabei helfen, diese Lücke zu schließen.“

Autorin: Susanne Kailitz