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Junge Muslime

Vier Millionen Menschen muslimischen Glaubens leben in Deutschland. Wiederholt werden sie zu Distanzierungen vom Terror genötigt. Besonders Jugendliche kämpfen mit Anfeindungen. Zwei Projekte sorgen für mehr Verständnis und drängen auf Mitsprache.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen zur Print-Ausgabe finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Die Anschläge von Paris und die scheinbar immer näher rückende Gefahr eines Anschlages des IS-Terrors haben die islamische Welt in Verruf gebracht und ihr eine Debatte übergestülpt, die sie ohne Mithilfe von außen kaum zu lösen vermag. Politikerinnen und Politiker scheuen sich vor einem klaren Bekenntnis, das die Zugehörigkeit der Glaubensgemeinschaft zur deutschen Gesellschaft unterstreicht. Im Moment scheint eine solche Positionierung aber wichtiger denn je. Die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend mit Sitz in Hannover nimmt sich dieser Herausforderung an. „Wir verstehen uns als Verband, der sich für das Wohl und die Gerechtigkeit aller einsetzt“, sagt Onna Buchholt auf die Frage, warum sich eine christliche Institution wie die ihre für die Belange muslimischer Jugendlicher einsetzt.

Ein entscheidender Grund sei, dass die Empathie für religiöse Fragen weitaus größer ist, als ein säkulares Pendant je fähig wäre aufzubringen. Vorgenommen haben sich Buchholt und ihr Team, dass muslimische Jugendverbände künftig eine größere Präsenz in den Jugendringen vor Ort haben. In den Strukturen der Kinder- und Jugendarbeit sind sie bislang vollkommen unterrepräsentiert. Auf jugendpolitische Themen haben sie deshalb keinerlei Einfluss. „Muslimische Jugendliche haben mit ähnlichen Problemen zu tun, wie Andersgläubige ihres Alters auch, nur mit einer anderen Konnotation“, weiß Buchholt. Deshalb fehle es in den Gremien an einem wichtigen Teil gesellschaftlicher Realität.

Normalisierungsprozess

In Berlin – einer von sieben Projektstandorten – sind sie bereits einen deutlichen Schritt weiter. Dort wird derzeit an einer interreligiösen Schulung für die Jugendleiterkarte gearbeitet, um die unterschiedlichen Facetten des Zusammenlebens aufzugreifen. Den Stimmen der Organisationen Gehör zu verschaffen sei deshalb der erste Schritt, auch weil die islamfeindliche Stimmung zugenommen habe. „Das sehe ich allein, wenn ich jeden Tag die Zeitung aufschlage“, stellt die Projektleiterin klar. Bis 2019 sollen deshalb feste Partnerschaften zwischen evangelischen und muslimischen Verbänden entstehen, „damit sich die Akteure zukünftig mehr auf dem Schirm haben und einander einbinden“. Buchholt nennt es einen „Prozess der Normalisierung“.

Deshalb werde mit dem Projekt „Junge Muslime als Partner“ ein Bewusstsein geschaffen, dass diese Gruppen ein Recht auf Partizipation haben. Das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ hilft dabei, sich solchen ambitionierten Zielen und gesellschaftlich relevanten Fragen zu stellen. Erstmals erhalten die Projekte eine Förderung über fünf Jahre. Die Evangelische Jugend hat außerdem einen Beirat einberufen, von deren Expertise sie sich neue Impulse verspricht – von der Deutschen Islamkonferenz über den Bundesjugendring bis hin zur Muslimischen Jugend in Deutschland.

„Kein monolithischer Block“

Muslimische Vertretungen seien noch viel zu sehr damit beschäftigt, gängige Vorurteile zu widerlegen und sich von religiös motivierter Gewalt zu distanzieren. Die Evangelische Jugend will die beteiligten Jugendorganisationen animieren, mit ihrem Selbstverständnis und ihren Anliegen offensiv in die Öffentlichkeit treten. „Der Islam ist kein monolithischer Block, wie viele immer denken“, erklärt Buchholt. Namen oder Glaubensrichtungen kenne ohnehin kaum einer. Darüber hinaus werde der muslimische Glaube zu oft mit Problemen verbunden, sei es die verweigerte Teilnahme am Schwimmunterricht oder die Debatte um das Kopftuchverbot, meint die 32-Jährige.

Mit dem Projekt will Buchholt am Ende drei dickwandige Türen überwunden haben – im übertragenen Sinne. Ihr geht es um die interkulturelle Öffnung der Verbandsarbeit, die Etablierung muslimischer Initiativen und nicht zuletzt um den Abbau von Ressentiments in der Gesellschaft. Eine Normalisierung der Präsenz muslimischer Jugendliche sei ohnehin die beste Prävention gegen Muslimfeindlichkeit.

Unvereinbare Lebenswelten?

Islamophobe Parolen auf Grundlage nebulöser Vorstellungen und oftmals verdrehter Tatsachen bestimmen zunehmend die aktuelle Flüchtlingsdiskussion. Auch im Osten der Republik erhalten derartige Deutungsmuster kontinuierlichen Zulauf, obwohl (oder gerade weil) die hiesige Religionsvielfalt wenig sichtbar ist. Um diesen Phänomenen entsprechend zu begegnen, ist es essentiell Berührungspunkte zu schaffen und lebhaftes Kennenlernen zu ermöglichen, denn die schleichende Verinnerlichung von Vorurteilen fußt nicht selten auf Unwissenheit und Ignoranz.

Das Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur in Leipzig nimmt sich dieser Aufgabe praktisch an und setzt mit einem Bildungsprojekt, das ebenfalls von „Demokratie leben!“ gefördert wird, erste Akzente. In einem mehrstufigen Programm suchen Elke Seiler und Juliane Wagner mit Schülerinnen und Schülern der Sekundarstufe eins den direkten Kontakt zu Musliminnen und Muslimen. Die Heranwachsenden sollen sich der Tatsache annähern, dass die Religion nur eins von vielen Merkmalen der eigenen Persönlichkeit ist und eine Reduzierung auf den Glauben unnötige Hürden im Denken schafft. Außerdem sollen homogene Gesellschaftsbilder kritisch hinterfragt werden.

Keinerlei Berührungsängste

Deshalb formulieren die Jugendlichen im Rahmen des Workshops „Was glaubst denn du? Muslime in Ostdeutschland“ eigene Fragen, um diese partizipativ zu erörtern. Nach einer konzeptionellen, inhaltlichen Vorarbeit an den Leipziger Schulen werden die Jungs und Mädchen anschließend in Kleingruppen mit muslimischen Altersgenossen zusammengebracht, beispielsweise in der Takva Moschee oder der Ditib-Gemeinde im Osten der Stadt. Dabei geht es um den Austausch über religiöse Alltagsfragen, wie das Tragen von Kopftüchern, die Ernährung nach islamischem Recht und traditionelle Feste.

Die Schülerinnen und Schüler schienen dabei weit weniger von Berührungsängsten befangen als angenommen, stellten zwanglos ihre Fragen und bekamen zumeist äußerst praktische und vielleicht sogar ernüchternde Antworten. Der Schluss, ein gläubiger Muslim führe mit seiner Religion ein recht normales Leben, pflege seine sozialen Kontakte auch über divergierende Ansichten hinaus und sei keineswegs in seinem religiösen Überbau gefangen, bringt die vermeintlich fremden Kulturen einander ebenso näher, wie die Einsicht, dass das Kopftuch-Tragen für die meisten gläubigen Mädchen eine durchaus willentliche Entscheidung darstellt und emanzipatorischen Gedanken nicht widersprechen muss. Daraus resultiert die Erkenntnis, dass es gar nicht den einen Islam geben kann.

Wenn sicher auch nicht alle Fragen abschließend beantwortet werden konnten und einige Aspekte den Jugendlichen immer noch fremd erscheinen mögen, so leistet das Projekt dennoch einen sinnvollen Beitrag zur Aufklärung über scheinbar fremde Lebenswelten, die eigentlich schon längst bei uns heimisch geworden sind. Besorgniserregend schien, dass einige der nicht-muslimischen Eltern ihren Kindern die Teilnahme an solch partizipativen Aufklärungsmodellen verweigerten. Wer aber solche Erfahrungen willentlich zu meiden versuche, machen Seiler und Wagner deutlich, verspiele dabei nicht nur sein eigenes Mitspracherecht, sondern muss sich auch mit einem aus diffusen Ängsten errichteten Umfeld  arrangieren.

Autor: Raul Kagelmann