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Hilfe für die Abgehängten

Wie der Verein RE/init Arbeit für die ganze Gesellschaft leistet

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Bildnachweis: Ralph Pache
Bildnachweis: Ralph Pache

Am Anfang, sagt die junge Frau, sei es einfach ein tolles Gefühl gewesen, „dass alle immer zusammengehalten“ hätten. „Ich hatte das Gefühl, die Leute verstehen mich, zum Beispiel wenn ich Stress zu Hause oder in der Schule hatte.“ Dass die Leute, mit denen sie dann mehr und mehr Zeit verbrachte, zur rechtsextremen Szene gehörten, habe sie nicht wirklich gestört. „Die Einstellungen, also zu Ausländern zum Beispiel, hatte ich eigentlich auch schon vorher. Nur noch nicht so krass.“ Doch als sie gemerkt habe, dass ihre neuen Freunde auch nicht wirklich an ihr interessiert gewesen seien, da habe sie aussteigen wollen – aber Angst gehabt, weil sie oft mit angesehen habe, wie den eigenen Leuten „Stress gemacht wurde“.

Die junge Frau nennt ihren Namen nicht – sie ist aus der Neonazi-Szene ausgestiegen, mit Hilfe einer Ausstiegsberaterin des nordrhein-westfälischen Vereins Re/init mit Sitz in Recklinghausen und weiteren Büros in Gelsenkirchen und Bottrop. Der Verein unterstützt Ausstiegswillige bei dem Weg aus der Szene. Das Angebot ist Teil des Projekts TANDEM, das im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ gefördert wird. Damit unterstützt das Bundesfamilienministerium zivilgesellschaftliche oder staatliche Initiativen, die sich in der Demokratieförderung und Radikalisierungsprävention engagieren.

Beim Ausstieg helfen, aber keine Meinung diktieren

Die junge Aussteigerin, die mit Hilfe von Re/init ihren Weg zurück in ein normales Leben gefunden hat, hat sich zu ihrem Weg befragen lassen; der Verein hat Ausstiegsprotokolle zum Nachlesen gesammelt und zum Teil auf seiner Website veröffentlicht. Gerd Specht, Gründungsmitglied und Geschäftsführer von RE/init, sagt, er und sein Team würden „sowohl Menschen, die in Parteien aktiv sind oder waren, als auch junge Menschen, die sich in losen Gruppen oder Kameradschaften organisiert haben“, beraten. Wie stark jemand involviert sei, spiele dabei keine Rolle. Unterstützung würden auch Menschen aus dem Umfeld von Rechtsextremen finden – also Personen, die unsicher im Umgang mit ihnen sind oder sich Sorgen  hinsichtlich der Szeneaktivität machen. Das könnten Freundinnen und Freunde, Lehrerinnen und Lehrer, Angehörige oder Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus unterschiedlichen Berufsfeldern sein. Nach einem ersten Gespräch würden die Ausstiegsberaterinnen und -berater ein Sicherheitskonzept erstellen und den Rückzug aus der Gruppe planen. Für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Programms sei es wichtig, Tipps zu bekommen, wie sie mit möglichen Reaktionen aus der Szene umgehen können. „Wir besprechen, was sie beispielsweise tun können, wenn sie ehemalige ,Kameraden’ auf der Straße treffen“, so Specht.

Im weiteren Verlauf unterstütze man die Aussteigerinnen und Aussteiger „bei allem, was gerade ansteht. Das kann die Jobsuche sein, die Klärung von finanziellen Belangen, die Begleitung und Unterstützung bei Gerichtsverfahren, das Kennenlernen oder die Wiederaufnahme von Kontakten zu Freunden oder Familie.“ Ganz besonders wichtig sei es, neue Perspektiven im Leben zu entwickeln. Natürlich, sagt Gerd Specht, sei auch die Auseinandersetzung mit der rechtsextremen Ideologie ein bedeutender Teil der Ausstiegsarbeit. Hier suche man den offenen Austausch und Diskussionen – „unser Ziel ist es nicht, jemandem eine Meinung aufzuzwingen“. Die junge Aussteigerin erzählt, es sei wichtig für sie gewesen, mit den Beraterinnen und Beratern darüber zu sprechen, warum sie mit den Neonazis unterwegs gewesen sei – in der Schule habe sie kaum Freunde gehabt, mit dem Freund sei es nicht gut gelaufen und in der eigenen Familie auch nicht.

Mit Fakten und Methoden gegen Vorurteile

Seit man das Aussteigerprogramm erprobe, habe man intensiv etwa 100 Aussteigerinnen und Aussteiger betreut, erzählt Geschäftsführer Specht. „Damit sind wir in ganz Nordrhein-Westfalen das einzige zivilgesellschaftliche Projekt mit diesem Auftrag.“ Der Bedarf sei groß, vor allem an den Haupt- und Förderschulen sowie Berufskollegs des Landes. „Da bekommen wir häufig Anrufe von Lehrenden, dass Jugendliche auffällig seien.“ Damit sie nicht später aussteigen müssten, sondern noch rechtzeitig überlegen können, ob ihr Weg wirklich der richtige ist, veranstaltet RE/init an den Schulen immer wieder Trainings. Dafür bildet der Verein, der aktuell 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, Trainerinnen und Trainer für Demokratie aus. Sie nehmen im Verlauf der Ausbildung an sechs von acht möglichen Modulen teil, bekommen eine Methodenschulung und leiten dann erstmals einen Workshop an. Die Inhalte der Ausbildung sind breit gefächert: In einer ersten Einführung erfahren die Teilnehmenden, was Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit eigentlich ist – sie setzen sich mit Begriffen von Rassismus über Antisemitismus bis hin zu Homosexuellenfeindlichkeit auseinander.

Gemeinsam mit den Trainerinnen und Trainern versuchen sie, Erklärungen dafür zu finden, wie Vorurteile entstehen und warum sie so schwer aus der Welt zu schaffen sind. Die weiteren Module befassen sich mit den Themen „Flucht und Migration“, „Islam, Salafismus und Muslimfeindlichkeit“, „Rechtsextremismus“ und „Nationalsozialismus“ – hier werden gleichzeitig viele Fakten vermittelt als auch immer wieder hinterfragt, wie bestimmte Denk- und Handlungsmuster entstehen und durchbrochen werden können. Dazu kommt eine Schulung zum Thema „Aktivierende Kommunikation“ – hier lernen die Trainerinnen und Trainer in spe, wie sie sich einen Moderationsstil aneignen können, der zu ihnen passt und welche Gesprächsführungsstrategien eingesetzt werden können, um Workshopteilnehmende zu aktivieren. Am Ende des Trainings steht ein Workshop, den die frisch ausgebildeten Trainerinnen und Trainern selbst zusammenstellen und zusammen mit einer Fachkraft - also als Tandem - durchführen.

Parallel hat der der Verein auch eine Zeitlang „Zeitzeug_innen von Zeitzeug_innen“ ausgebildet – dabei wurden Jugendliche in Kontakt mit Überlebenden der Shoa gebracht und darauf vorbereitet, die Geschichten der Zeitzeuginnen und Zeitzeigen weiterzugeben, wenn diese in Zukunft nicht mehr am Leben sind.

Grundsätzlich arbeiten die Trainerinnen und Trainer nach ihrer Ausbildung immer im Team mit Fachkräften. Als so genannte „Peer-Educator“ führen sie in Schulen und anderen öffentlichen Jugendhilfeeinrichtungen Workshops und Trainings zu gesellschaftlich relevanten Themen durch. Gerd Specht ist von diesem Tandem-Modell überzeugt: „Wenn ein Trainer oder eine Trainerin in die Klassen geht, der so alt ist wie die Jugendlichen, ist das eine ganz andere Art der Ansprache. Die Kommunikation läuft dann besser, die Klassen lassen sich stärker auf die Sache ein.

Doch RE/init gibt nicht nur speziellen Trainerinnen und Trainern die richtige Ausbildung, um in Workshops nachhaltig überzeugen zu können. Das Angebot des Vereins ist extrem vielfältig: So stellt er auf seiner Website auch umfangreiches Arbeitsmaterial etwa zum Umgang mit Stammtischparolen zur Verfügung. Hier können Interessierte nachlesen, wie plumpen und verallgemeinernden Vorurteilen und populistischen Argumenten begegnet werden kann. Dieses Material werde enorm nachgefragt, sagt Gerd Specht, „es gibt einen großen Bedarf an so konkreten Handlungshilfen“.

Gerade erst hat der Verein ein weiteres Projekt auf den Weg gebracht, auf das Gerd Specht besonders stolz ist. In „MINTegration für junge Flüchtlinge“ werden gezielt geflüchtete Menschen in ihren Kenntnissen in Mathematik, Information, Naturwissenschaft und Technik gefördert und erhalten eine praktische Berufsorientierung in diesen so genannten MINT-Fächern. Damit sei allen geholfen, so Specht: „In Deutschland werden diese Fachkräfte händeringend gesucht. Gleichzeitig erhöhen sich dadurch die Chancen unserer aktuell 18 Teilnehmenden, hier auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Und es macht einfach Freude zu sehen, wie hochmotiviert und lernwillig sie sind.“ Als RE/init sich vor 20 Jahren gegründet habe, da sei es darum gegangen, „den Mühseligen und Beladenen unserer Gesellschaft, für die sonst wenig bis gar nichts getan wird“ zu helfen - Alleinerziehenden, Langzeitarbeitslosen, sozial isolierten Menschen. Zudem habe der Verein in den vergangenen Jahren rund 1.600 Geflüchtete betreut und beraten. „Das ist Arbeit für die Zukunft.“