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Gemeinsam Power entwickeln

Im Projekt „Organize“ werden Jugendliche ermuntert, sich in ihrer Heimat für ihre Interessen einzusetzen.

Dieser Text ist zuerst auf  www.couragiert-magazin.de erschienen. Die Redaktion begleitet das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ als Medienpartner.

Bildnachweis: Ronald Becker
Bildnachweis: Ronald Becker

Eigentlich ist Tim Neumann gerade in ein neues Leben gestartet. Im Sommer hat der 19-Jährige Abitur gemacht, seit kurzem lebt er in Darmstadt und studiert hier mit Begeisterung Informatik. Trotzdem ist er an diesem Wochenende gern in seine Heimat zurückgekehrt. In Wittstock hat er gerade mit Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitikern sowie dem brandenburgischen Staatssekretär für Jugend, Bildung und Sport über die Pläne gesprochen, auf dem alten Bahnhofsgelände ein Jugendzentrum zu errichten. „Das war ein richtig guter Termin“, erzählt der Jugendliche, „uns sind noch ein paar Möglichkeiten für die Finanzierung unserer Pläne aufgezeigt worden.“

Dass ein solches Treffen zwischen Verwaltung, Politik und Jugendlichen möglich ist, ist das Verdienst eines besonderen Modellprojekts: „Organize! Gegen Rassismus und Ausgrenzung“, das Teil des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ ist, mit dem das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zivilgesellschaftliches Engagement von Initiativen und Vereinen, die sich für Demokratie und gegen Menschenfeindlichkeit einsetzen, unterstützt. Getragen vom Verein zur Jugendförderung des DGB Berlin-Brandenburg e. V. sind im Rahmen von „Organize!“ Demokratiewerkstätten in der Region Ostprignitz-Ruppin entstanden, in denen Kinder und Jugendliche dazu befähigt werden, ihre Wünsche an ihre Heimatstädte und Kommunen zu formulieren und dafür einzutreten.

Dünnes Freizeitangebot und leere Kassen

Drei- bis viermal pro Jahr setze man sich dafür mit Gleichaltrigen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des DGB an einen Tisch, erzählt Tim Neumann, „und zwischendrin gibt es immer wieder Termine, um sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Das ist echt viel Austausch.“ Die Demokratiewerkstätten seien „eine wunderbare Gelegenheit, sich als Jugendlicher in der eigenen Stadt einzubringen und das Leben für junge Leute zu verbessern“. So habe man es in der Vergangenheit beispielsweise geschafft, Spielplätze in der Umgebung zu sanieren, so Neumann. Allein würden Kinder und Jugendliche das nicht schaffen, aber mit der Unterstützung durch die Profis im Projekt könne man „richtig was erreichen“.

Zu diesen Profis gehört auch Dirk Reinink. Der Soziologe ist Bildungsreferent bei „Organize!“ und kümmert sich darum, dass die Demokratiewerkstätten in den drei Städten Rheinsberg, Wittstock und Lindow stattfinden. Wittstock sei in Sachen Jugendbeteiligung besonders gut aufgestellt, erzählt der 40-Jährige: „Hier nimmt man die Anliegen der jungen Leute wirklich ernst. Da haben wir es anderswo schwerer. Die Kommunen sind zwar theoretisch verpflichtet, die Interessen aller Bevölkerungsgruppen im Blick zu haben, aber so lange das Geld knapp ist, hält sich die Begeisterung für die Vorschläge der Jungen natürlich in Grenzen.“

Die aber sind darauf angewiesen, dass man ihre Wünsche und Vorstellungen wahrnimmt: In den Regionen Brandenburgs, die eher strukturschwach sind,  ist das Freizeitangebot vergleichsweise mager. Wittstock gehört mit seinen 18 Gemeindeteilen, die teils viele Kilometer auseinanderliegen, und einer Fläche von mehr als 420 Quadratkilometern zwar zu den flächenmäßig größten Städten Deutschlands, ist aber dünn besiedelt. Kinos, Theater oder Discos sind rar, das Freizeitangebot gerade für Jugendliche ist spärlich.

Gemeinsam wird man auch gehört

Umso wichtiger sei für die Jugendlichen das geplante Jugendzentrum, erzählt Dirk Reinink. In der Demokratiewerkstatt Wittstock hätten sie das gemeinsam mit einem Architekten geplant und über verschiedenen Modellen gegrübelt. Umso größer sei dann die Enttäuschung vor einigen Monaten gewesen, als die Stadt auf einmal einen Rückzieher gemacht habe und ein  Gebäude, mit dem die Jugendlichen eigentlich gerechnet hätten, an einen Unternehmer habe geben wollen. Aber dort, wo die Jugendlichen als Einzelkämpfer gescheitert seien, habe die organisierte Struktur der Demokratiewerkstätten dann gewirkt: „Bei einem Termin im Landtag, den wir für die Jugendlichen organisiert haben, hat einer der Jungs seinem Ärger Luft gemacht - und ist sofort auf offene Ohren gestoßen.“ Auch die Stadt habe sich nach dem ersten Ärger gesprächsbereit gezeigt. Und nach einem Termin mit einem Ministeriumsvertreter erfahre das Projekt Jugendzentrum nun noch mehr Unterstützung, so Reinink. „Für die Jugendlichen ist das eine wichtige Erfahrung, gehört und ernst genommen zu werden, gleichzeitig aber auch zu sehen, wie schwierig es manchmal ist, die verschiedenen Interessen und Problemlagen in einer Stadt zu vereinbaren .“

Um ein gutes Miteinander geht es für Reinink und sein Team auch in den Projekten, die sie außerhalb der Demokratiewerkstätten anstoßen. Sie engagieren sich in Brandenburg auch gegen Rassismus und Ausgrenzung und bringen dafür geflüchtete und ansässige Jugendliche zusammen.

Der Kampf gegen Rassismus sei in dem ostdeutschen Bundesland, in dem es viele organisierte Nazi-Strukturen gebe, eine „ständige Herausforderung“. Es sei zum Teil ein „langer Weg“, Jugendliche dafür zu sensibilisieren, „wie es sich anfühlen kann, als Mensch mit nichtweißer Hautfarbe durch Wittstock oder Rheinsberg zu laufen“. Gemeinsam hätten Jugendliche eine Stadtkarte erstellt, in denen Vorfälle - von Alltagsrassismus bis zu Übergriffen - bildlich dokumentiert wurden - „das ist dann sehr eindrücklich“.

Manchmal sind es auch die kleinen Ideen, die viel Wirkung erzielen: Weil es für die Jugendlichen aufgrund großen Entfernungen in ihrer Region schwer ist, einander und die eigene Stadt überhaupt richtig kennenzulernen, haben die Jugendlichen im Projekt gemeinsam mit dem lokalen Tourismusbüro einen Geocache entwickelt, der sowohl einheimischen wie neu dazugekommenen Jugendlichen die Möglichkeit bietet, die Region ganz neu zu entdecken.

Investition in die Zukunft der Städte

Mit einer schwierigen Problematik muss das Team von „Organize!“ allerdings bei allem Erfolg umgehen: dass viele der engagierten Jugendlichen so wie Tim Neumann nach dem Ende der Schule die Region verlassen. Tim Neumann ist gerade nach Darmstadt gezogen, er geht nicht davon aus, dass er in nächster Zeit häufig in Brandenburg sein wird. So wie er, verlassen viele der junge Leute nach dem Schulabschluss die Heimat erst einmal, um eine Ausbildung zu machen oder zu studieren. Gerade deshalb hält Tim Neumann  das Berücksichtigen der Interessen der Jüngeren für eine wichtige Investition in die Zukunft der Region. Aber wenn man dann sieht, dass die Stadt wirklich etwas dafür tut, dass hier auch Kinder und Jugendliche gut leben können, führt das bei vielen bestimmt auch dazu, dass sie sich vorstellen können, später wieder zurückzukommen, um mit der eigenen Familie hier zu leben.“

Dass dabei ein Team des DGB hilft, sei für viele überraschend, sagt Dirk Reinink, „Gewerkschaften sind für viele hier gar kein Begriff“. Das hänge zum einen mit dem „Kahlschlag“ auf dem Arbeitsmarkt zusammen, den die Region nach dem Ende der DDR erlitten habe, als auch mit der Tatsache, dass die neuen Jobs, die entstünden, sich eher im Bereich Tourismus, Gastronomie und Dienstleistungen bewegten. Das Wissen darüber, dass es durchaus wirkungsvoll sei, sich mit anderen für die eigenen Interessen zusammenzuschließen, sei hier kaum mehr verankert: „Hier gibt es eben keine Fließbänder, die man mit großer Wirkung anhalten kann.“ Dass die Jugendlichen aber nun auf anderen Wegen erfahren könnten, wie viel man gemeinsam und gut organisiert erreichen könne, sei ein weiterer guter Effekt seines Projekts, so Reinink. „Was in den Elternhäusern gar nicht mehr bekannt ist, können wir so auf anderen Wegen vermitteln.“