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Dialog macht Schule im Interview

„Die Kids sind nicht unpolitisch. Sie haben nur andere Codes.”

„Demokratie leben!“ im Gespräch mit Dialog macht Schule über Demokratiearbeit an Schulen

Demokratiekultur an Schulen fördern: Schülerinnen und Schüler können in geschützten Vertrauensräumen ihre Themen und Erfahrungen austauschen. Bild: Dialog macht Schule gGmbH

Demokratiekultur an Schulen fördern: Schülerinnen und Schüler können in geschützten Vertrauensräumen ihre Themen und Erfahrungen austauschen. Bild: Dialog macht Schule gGmbH

Geschäftig geht es im Berliner Altbaubüro der Initiative Dialog macht Schule zu. So engagiert wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier arbeiten, so schnell ist das Sozialunternehmen in den letzten vier Jahren gewachsen: Heute arbeiten rund 170 Dialogmoderatorinnen und Dialogmoderatoren mit 1200 Kindern und Jugendlichen in 25 Schulen, an fünf Standorten, um demokratisches Denken und Handeln zu stärken. Wie politische Bildung in der Praxis aussieht, wie man als gemeinnützige Organisation mit Wachstum und Konkurrenz umgeht und wie Schülerinnen und Schüler über einen langen Zeitraum motiviert bleiben, erläutern Geschäftsführer Hassan Asfour und die Assistentin der Qualifizierungsleitung Reina Maria Nerlich im Interview.
 

Herr Asfour, Sie sind jetzt vier Jahre in der Förderung zum bundeszentralen Träger im Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Seitdem ist sicher viel passiert. Was sind denn aktuell ihre Themen, was beschäftigt Sie gerade?

Hassan Asfour: Aktuell sind wir alle ganz gespannt, wie es weiter geht. Ich glaube, es geht momentan allen Trägern so. Auf interner Ebene ist es das Thema Planungssicherheit. Und wir versuchen aktuell einen Umgang damit zu finden, dass viele andere Initiativen und Projekte entstehen und bei uns anfragen: „Wir würden auch gerne in Schulen längerfristig Projekte umsetzen. Welche Erfahrungen habt Ihr gemacht, würdet Ihr uns unterstützen?“

Das klingt nach Konkurrenz.

Hassan Asfour: Früher hätte ich es als Konkurrenz wahrgenommen, heute schaue ich, wie es aufgezogen werden soll. Es ist ja unrealistisch zu glauben, man könnte jede Schule in Deutschland bespielen. Klar ist das eine tolle Vision, die auch für den Anfang wichtig ist. Aber bei dem Anspruch omnipotent sein zu wollen, würde ich mit 40 aussehen wie mit 70 (lacht). Vielmehr stellt sich die Frage, welche weiteren Angebote wir neben unserem Tagesgeschäft Schulen zur Unterstützung machen können. Wir kriegen Anfragen für Lehrerfortbildungen, Workshops, Moderationen, Präsentationen. Ganz aktuell geht es also darum, ein Konzept zu entwickeln, wie wir den Dreiklang zwischen Beratung, Qualifizierung und Begleitung herstellen.

 

Früher hätte ich es als Konkurrenz wahrgenommen, heute schaue ich, wie es aufgezogen werden soll. Es ist ja unrealistisch zu glauben, man könnte jede Schule in Deutschland bespielen.

 

Würden Sie sagen, Sie sind jetzt an einem Wendepunkt, an dem sie sich entscheiden müssen: Klasse statt Masse?

Hassan Asfour: Ja, gerade wenn man wächst, muss die Qualität gewährleistet werden. Am Ende ist es eine Frage der Ressourcen. Wir haben im Sommer allein in Berlin 150 Alumni. Das sind alles Dialogmoderatorinnen und -moderatoren, die durch eine intensive Schule gegangen sind. Nach zwei Jahren Arbeit an Schulen in sozial räumlich schwieriger Lage plus Durchlaufen der Qualifizierungsmodule sind sie sehr gut qualifiziert.  Als Teil des Alumni-Netzwerkes, können sie dann, durch uns begleitet, gut Workshop- und Moderationsanfragen, sowie Konzeptionsentwicklungen umsetzen.

 

 

Hassan Asfour ist Geschäftsführer und Co-Gründer von Dialog macht Schule und ehemaliger Dialogmoderator. Seine Erlebnisse während eines Pilotprojektes in Schulen, sowie die eigenen biografischen Erfahrungen motivierten ihn die Initiative mitzugründen.


Weiteres Wachstum ist also geplant?

Hassan Asfour: Ja, wir entwickeln derzeit nachhaltige Konzepte und Strategien dafür. Wir können uns durchaus neue Standorte vorstellen. Wir wollen aber auch mobiler sein. Manche Interessierte wollen eventuell nur ein Coaching, ohne gleich ein Dialog-macht-Schule-Standort zu werden. Oder sie bitten uns, ein passendes Konzept zu entwickeln. Es gibt ja unterschiedliche Formen von Demokratiebildung. Wir können uns gut vorstellen, dass dafür der ausgebildete Nachwuchs dann für eine gewisse Zeit als mobiles Beratungsteam an Standorte reist.

Kürzlich sendete der NDR eine Reportage „Schule am Limit“. Dort sagte die Schulleiterin, sie ist sehr froh, dass Dialog macht Schule an die Schulen kommt, wenn es brennt.

Hassan Asfour: Wir freuen uns über das Vertrauen der Schulleiterin. Allerdings verstehen wir uns nicht als Feuerwehr. Das ist ja genau das Gegenteil von dem, was wir tun. Wir wollen nicht erst kommen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern wir wollen nachhaltig arbeiten. Die Besonderheit unserer Arbeit liegt in der Langfristigkeit unseres primär-präventiven Ansatzes.

Wir wollen nicht erst kommen, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Stichwort präventiv: Müsste Prävention nicht schon im Kindergarten ansetzen und warum haben Sie sich für die Altersgruppe ab 14, 15 Jahre entschieden?

Hassan Asfour: Wir haben uns gefragt, ab welcher Altersgruppe politische Bildung wirklich sinnvoll ist. Ich hatte damals selbst eine Oberstufen-AG und da habe ich gemerkt, was es für einen Unterschied in der Herangehensweise macht, ob ich mit 16-, 17 jährigen spreche oder mit 10- und 12 jährigen. Wir sind jedoch bereits seit mehreren Jahren auch in Grundschulen ab der fünften Klasse aktiv. Es ist ein ganz anderes Arbeiten, aber es funktioniert gut.

Reina, Du warst Dialogmoderatorin und bist jetzt Schulkoordinatorin?

Reina Maria Nerlich: Ich war zwei Jahre Dialogmoderatorin in zwei Gruppen an einer Schule. Danach habe ich mich auf eine Stelle als Schulkoordinatorin beworben. Sie betreuen jeweils eine Schule und sind für die Dialogmoderatorinnen und -moderatoren verantwortlich, coachen und begleiten sie inhaltlich. Ich bin dann eine Mittlerperson zwischen Schulleitung, Lehrpersonal und den „Modis". Zudem arbeite ich als Qualifizierungsassistentin in dem Team, das die Qualifikationen der „Modis" inhaltlich aufbaut und durchführt.

Was war deine persönliche Motivation Dialogmoderatorin zu werden?

Reina Maria Nerlich: Während meines Studiums begann ich mich zu fragen, welche Rolle Schule in unserer Gesellschaft eigentlich spielt. Eine Freundin machte mich dann auf Dialog macht Schule aufmerksam. Es hatte auch mit meiner eigenen Schulzeit zu tun. Ich hätte diese Identifikationsfläche als Schülerin sehr gut gebraucht, auch um meine Themen zu besprechen. Viele von uns arbeiten hier, weil sie sich so ein Programm in ihrer Schulzeit gewünscht hätten. Wir sind jetzt sehr heterogen aufgestellt: sowohl von der interdisziplinären Studienrichtung her, als auch was Herkunft und individuellen Lebensgeschichten betrifft.


Reina Maria Nerlich begann bei Dialog macht Schule als Dialogmoderatorin und ist heute Assistentin der Qualifizierungsleitung sowie Schulkoordinatorin. Sie wurde während ihres Studiums der Anthropologie auf das Projekt aufmerksam, als sie sich fragte, welche Rolle Schule in unserer Gesellschaft spielt. 


Stichwort Identifikationsfläche: Sind Sie für die Kids ein Vorbild?

Hassan Asfour: Für die Kids bist Du erst mal einer von ihnen: „Du bist doch aus dem Libanon, du kennst doch auch Krieg, du bist doch auch geflüchtet." Und wenn es zu Themen wie dem Nahost-Konflikt kommt, dann fragen sie sich: „Warum siehst du das nicht so wie wir?" Wir bringen durch unsere Lebensweise bewusst eine Irritationen in die Gruppe. Wir hören zu, lassen jedoch einseitige Meinungen ungern stehen und regen die Jugendlichen zu neuen Sichtweisen an. Oft erleben wir, dass einige von ihnen in einer Art „Opferhaltung“ verharren. Uns ist wichtig, die Kids aus diesem Schwarz-Weiß-Denken heraus zu lösen und sie zu einer eigenverantwortlichen Haltung zu motivieren.

Dialog macht Schule in der Strukturentwicklung zum bundeszentralen Träger

Das 2013 aus einem Modellprojekt entstandene Sozialunternehmen Dialog macht Schule entwickelt Workshops und pädagogische Konzepte im Bereich der Demokratie- und interkulturellen Bildung. Zwei Jahre lang gehen Dialogmoderatorinnen und Dialogmoderatoren an Schulen in sozial-räumlich schwieriger Lage. Dort unterstützen sie die Entwicklung sozialer und demokratischer Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, um ihnen eine stärkere gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Seit 2015 ist Dialog macht Schule in der Förderung der Strukturentwicklung zum bundeszentralen Träger des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, um eine bundesweit tätige Infrastruktur zu fördern, die fachliche Unterstützung durch Expertinnen und Experten ermöglicht und erfolgreiche Arbeitsansätze weiterentwickelt. Im Rahmen eines kontinuierlichen Dialogs und Kooperation tragen die bundeszentralen Träger dazu bei, die thematischen Schwerpunkte des Programms weiterzuentwickeln und neue, aktuelle Herausforderungen zu identifizieren und zu bearbeiten.