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„Dehnungsfuge - auf dem Lande alles dicht?“

Teilnehmer des Projektes
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes; (Bildnachweis: Modellprojekt "Dehnungsfuge - Auf dem Lande alles dicht?"

„Der Begriff ‚Dehnungsfuge‘ ist bewusst aus dem Baujargon gewählt. Diese besondere Fuge gleicht das Quellen und Schwinden von Rissen aus – reale Risse zwischen Bauteilen und Materialien“, erklärt Torsten Sowada, Projektleiter aus Magdeburg.

In dem von ihm betreuten Projekt der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt (lkj) geht es hingegen um symbolische Risse in der Gesellschaft, etwa zwischen Alt und Jung, zwischen Zugewanderten und Alteingesessenen oder auch zwischen Kultur und Kommerz. Er und seine Kolleginnen und Kollegen erproben in dem Modellprojekt, wie im ländlichen Raum dem Leerstand und der Abwanderung kulturelle und Bildungsangebote entgegengesetzt werden können.

„Wir wollen dem demographischen Wandel in den ländlichen Regionen etwas entgegensetzen - online und offline – mit Kunst und gesellschaftlichem Diskurs“, spezifiziert Axel Schneider, Geschäftsführer der lkj, das Anliegen des im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ geförderten Projekts. Ziel sei die Vermittlung von sozialen Schlüsselkompetenzen an Jugendliche im ländlichen Raum durch Förderung von Partizipation an demokratischen Prozessen und aktiver Teilhabe am soziokulturellen Gemeinwesen.

Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf Flüchtlingsfamilien und Kinder aus Einwandererfamilien liegen, die – obschon teils dutzende Jahre in Deutschland wohnhaft – nach wie vor mit Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung zu kämpfen hätten. Der Verein setzt deshalb auch auf bilinguale Bildungsmodule unter Einsatz von Migrantinnen und Migranten mit entsprechender Expertise sowie auf die Einbeziehung von Expertinnen und Experten nichtdeutscher Muttersprache.

Hier drei Beispiele für Teilprojekte der „Dehnungsfuge“, die die Arbeit gut illustrieren.

Palast der Geräusche und Bilder

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes; (Bildnachweis: Modellprojekt "Dehnungsfuge - Auf dem Lande alles dicht?"

Im Norden Sachsen-Anhalts im Landkreis Stendal bemüht sich David Lenard, freier Regisseur am Theater der Altmark unter dem Label „Arche 2.0“ Workshops und Theaterstücke zu entwickeln. Dabei werden ehemals leerstehende Gebäude mit Kultur gefüllt.

So entstehen in mehreren Etappen Bausteine performativer Kunst. In einem ersten einwöchigen Auftakt konnten minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan ihren Alltag für einen Moment vergessen und mit selbstgewählten Projekten rund um die Gestaltung eines Raumes ihre Fähigkeiten ausprobieren. Ob sie nun in kleinen Gruppen an Modellen von Sehenswürdigkeiten aus Syrien oder an selbstgedrehten Video-Clips arbeiteten, war letztlich Nebensache. Im Vordergrund stand, die Interessen und Talente der Jugendlichen zu finden und sie in einem „Palast der Geräusche und Bilder“ in die Tat umzusetzen. So verwandelte einer der Teilnehmer seine Vorliebe für Chemie und das „Sprayen“ in einen neu gestalteten Stuhl. Weiterhin entstanden Kleinkulissen und Erinnerungslandschaften. Ihren Platz finden alle Kunstwerke in dem dafür neu eingerichteten Teeraum, der zum entspannten gemeinsamen Teetrinken einlädt.

KABUMMdance

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes; (Bildnachweis: Modellprojekt "Dehnungsfuge - Auf dem Lande alles dicht?"

Im Rahmen der Kampagne „Deine irre Leere“ haben die Dehnungsfugen-Aktiven von der LehnschulzenHofbühne Viesen e. V. und dem Brandenburger Theater zusammen mit der Choreographin Kati Kabumm Heidebrecht sowie jungen Tänzerinnen und Tänzern im Alter von 12 bis 33 Jahren innerhalb einer Woche ein Tanzprojekt auf die Beine gestellt. Mit großem Einsatz wurde in kurzer Zeit eine komplette Show zusammengestellt. Um das zu schaffen, mussten die 30 Jugendlichen jeden Tag fünf Stunden trainieren. Für die Vorführung am Sonntag im großen Saal des Brandenburger Theaters sollte schließlich alles sitzen.

Eine kleine Videocrew produzierte parallel dazu Videoclips: Leerstehende Häuser, verfallene Industrieanlagen, Graffitis und Ausschnitte aus den Tanzproben wurden zu Videocollagen zusammengeschnitten. Am vierten Tag drehte das Stadtfernsehen mit den jungen Tänzerinnen und Tänzern ein Musikvideo und auch der Rundfunk Berlin-Brandenburg kam vorbei und drehte eine Reportage. Für die Musik sorgte der Bundesfreiwillige DJ Moe Van Zee aus Syrien. Er unterstützt hauptsächlich die Dehnungsfuge im Landkreis Stendal, ist mittlerweile aber auch mit den anderen Projektteams gut vernetzt. Der DJ legte unter anderem schon in Damaskus und im Libanon auf.

Leer bietet Mehr?!

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes Tanzen gegen Leerstand
Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes; (Bildnachweis: Modellprojekt "Dehnungsfuge - Auf dem Lande alles dicht?"

Im südlichen Sachsen-Anhalt ist eine weitere Dehnungsfugen-Kampagne sichtbar: „Leer bietet mehr!?“ Das ist das Motto, mit dem in Eisleben junge Menschen dazu ermuntert werden, sich kreativ gegen Leerstand zu engagieren. Angesiedelt am Theater Eisleben des Kulturwerkes Mansfeld-Südharz begreift Dehnungsfugen-Teamleiterin Kathrin Lau theatralische, kulturelle und soziale Fragen als Fundament für künstlerische Betätigung von Jugendlichen. Denn Leerstand muss nicht nur ein totgeschwiegener Schandfleck im Stadtbild sein. Im Gegenteil: Leerstand berge Potential und biete viel mehr als Langeweile und Tristesse. Ein bunter Anfang ist in der Stadtlandschaft bereits gemacht: Mit Unterstützung der Umweltwirtschaft, professionellen Graffiti-Künstlerinnen und Künstlern und gemischten Gruppen von Jugendlichen wurden Glascontainer gestaltet und dieses Thema bei der Performance im Theater wieder aufgegriffen.

Quelle: Dr. Mieste Hotopp-Rieke, Vorstand Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung, Magdeburg

Internetseite des Projektes

Film Tanzprojekt

Film Graffiti-Workshop