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Abgestempelt und ausgeschlossen

Mit der Geschichte der Sinti und Roma können nur wenige etwas anfangen, Klischees und Vorurteile halten sich dennoch über viele Jahrhunderte hinweg. Kerem Atasever will darüber aufklären und gerade bei Jugendlichen Aha-Erlebnisse schaffen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

„Ich muss zugeben“, offenbart eine Teilnehmerin im großen Stuhlkreis, „dass ich über Sinti und Roma eigentlich gar nichts weiß. Gehört habe ich davon, kann es aber nicht zuordnen.“ Sie spricht leise, fast zögernd. Die Situation ist ihr sichtbar unangenehm. Dabei steht die junge Frau mit ihrem Bekenntnis keineswegs alleine da. Ein Großteil der Deutschen nimmt Sinti und Roma nicht als gleichberechtigt wahr. Das ist das Ergebnis einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes – erhoben 2014. Obwohl über deren Geschichte wenig bekannt ist, halten sich Klischees und Vorurteile hartnäckig. Ein Ergebnis der wissenschaftlichen Erhebung hieß damals: Der Geschichtsunterricht in der Schule müsse das Schicksal der Sinti und Roma umfassender berücksichtigen.

Ungefähr 120.000 von ihnen leben heute in der Bundesrepublik, mindestens die Hälfte mit deutscher Staatsbürgerschaft. Mit Ende des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien in den neunziger Jahren flüchteten viele Sinti und Roma in den Westen Europas. Doch bis heute sind viele nur geduldet und ständig von Abschiebung bedroht. 2015 erst entschied der Deutsche Bundestag, Asylanträge von Menschen aus Montenegro, Albanien oder dem Kosovo schneller abzulehnen. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben die Einstufung als sichere Herkunftsstaaten immer wieder kritisiert und auf die prekäre Lage von Sinti und Roma auf dem Balkan hingewiesen: Einschüchterung, Vertreibung oder Segregation. Viele leben in Elendsquartieren ohne fließendes Wasser und ohne Müllabfuhr.

Welche Ausgangslage momentan herrscht

Der Ursprung der Sinti und Roma wird in Nordindien und Pakistan vermutet. Was sie dazu bewogen hat, ihre Heimat zu verlassen und nach Europa zu wandern, ist nach wie vor unbekannt. Der Begriff benennt die in ost- und südosteuropäischen Ländern lebenden Volksgruppen. Gleichzeitig ist Roma zu einer Sammelbezeichnung für ganz unterschiedliche Gruppen geworden – darunter auch die häufig in Deutschland lebenden Sinti. Während sie im 15. Jahrhundert noch unter königlichem Schutz standen, wurden sie nicht viel später für vogelfrei erklärt. Die Zünfte untersagten die Ausübung von Handwerksberufen. Das Recht, sich an einem Ort niederzulassen, erhielten sie nicht. Die erzwungene Nichtsesshaftigkeit, die mehrere Jahrhunderte dauerte, wird ihnen bis heute zum Vorwurf gemacht.

Kerem Atasever, Bildnachweis: Peter van Heesen
Kerem Atasever, Bildnachweis: Peter van Heesen

Antiziganismus sei besonders ein Thema gewesen, als Rumänien und Bulgarien vor zehn Jahren der EU beitraten und „Menschen ihr Recht wahrnahmen, sich Arbeit und ein neues Zuhause zu suchen“, sagt Kerem Atasever. 2009 kam der diplomierte Kulturarbeiter zur Jugendbildungsstätte Kaubstraße. Die Villa im Ortsteil Wilmersdorf gehörte einst einer jüdischen Familie aus Litauen, die noch vor dem Kriegsbeginn emigrierte. Verteilt über vier Etagen gibt es Seminarräume, Büros, Schlafsäle und eine eigene Küche. In Verantwortung steht der Berliner Verein „Alte Feuerwache“, der gleich gegenüber dem Axel-Springer-Hochhaus ein Stadtteilzentrum betreut. Initiator für die Gründung war 1989 der Bund Deutscher PfadfinderInnen. In beiden Häusern finden mehrtägige Seminare statt.

Was Antiziganismus überhaupt bedeutet

Fünfmal im Jahr geht es speziell um Sinti und Roma – ein Thema, das Atasever schon lange begleitet. Begrifflichkeiten dafür gibt es viele: Antiromaismus, Rassismus gegen Sinti und Roma, Anziganismus oder Gadjé-Rassismus. Letzterer bezeichnet allerdings jene Gruppe, von der der Rassismus ausgeht – Gadjé für Nicht-Roma. Sie alle meinen letztendlich dasselbe, nämlich Diskriminierung von Roma und Romnija sowie Sinti und Sintize. Vor fünf Jahren brachte Atasever dazu ein Handbuch heraus. In dem 168 Seiten starken Wälzer gibt es neben einem historischen Abriss, auch Gruppenübungen, Filme und Quizspiele. Kerem Atasever will mit dem neuen Projekt „Antiziganismus – Erkennen, benennen, entgegenwirken“, das vor zwei Jahren begann, noch einen Schritt weiter gehen, wie er sagt: „Die Teilnehmenden sollen ihr Wissen mit anderen teilen können“.

An den ersten drei Tagen einer Seminarwoche werden die Jugendlichen sensibilisiert – Identitäten, eigene Rollenbilder, Vorurteile. Im zweiten Schritt bekommen sie neues Wissen an die Hand. Es geht um eine historische Vertiefung, das Kennenlernen von Betroffenen oder die Auseinandersetzung mit tendenziösen Medienberichten, die Ressentiments nur weiter verfestigen würden. Pogrome hat es auch in jüngster Vergangenheit gegeben – 2008 etwa in Ungarn oder Bulgarien, in den Jahren 2011 sowie 2013 in Tschechien. Um für diese oft sehr bedrohliche Situation zu sensibilisieren, greift Atasever auf Methoden aus seinem Buch zurück. Gefördert wird das Projekt vom Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“.

Warum Aufklärung so entscheidend ist

Die Jugendlichen besuchen nicht nur das Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma, eine großflächige Wasserschale an der Südseite des Berliner Reichstages, über das so lange diskutiert wurde, sondern auch ein ehemaliges Zwangslager, das deutlich versteckter liegt. Zwei Wochen vor den Olympischen Spielen in der Hauptstadt 1936 wurden einige hundert Sinti und Roma auf ein Gelände nahe dem Friedhof im Stadtteil Marzahn gebracht. Die Begründung damals: Vor den Spielen müssten „Kriminalität und Bettlerunwesen“ unter Kontrolle gebracht werden. Tatsächlich wurden die allermeisten also erst zu dem gemacht, was sie gemäß der Propaganda immer gewesen sein sollten: Elende, Bettler, Diebe. Heute erinnern übermannshohe Schautafeln an die Opfer.

An den letzten beiden Seminartagen sind die Teilnehmenden gefordert. „Wir wollen sie motivieren, dass sie sich kleine Projekte überlegen, um die Öffentlichkeit zu erreichen“, erklärt Atasever. Häufig sind es zwei Dutzend Freiwillige im sozialen Jahr – vom Landesjugendring oder dem Türkischen Bund Berlin-Brandenburg. Die Erfahrung zeigte, dass Projekte in den Einsatzstellen – im Krankenhaus oder Pflegestation – nur schwer umzusetzen seien. „Vielleicht besteht der Rassismus auch darin, dass man so wenig darüber spricht und es deswegen verschwiegen wird. Man bekommt ein Verständnis dafür, wie verletzend es für diejenigen sein muss, die betroffen sind“, fasst einer der Jugendlichen zusammen. „Die Probleme einer Minderheit, bleiben für Außenstehende eben oft unsichtbar“, ergänzt Atasever.

Wie Auseinandersetzung aussehen kann

In Kleingruppen arbeiten sie an Laptops, schreiben kritische Briefe an Redaktionen, gestalten eigene Broschüren, beschreiben Flipcharts mit allerhand Fakten, stanzen Buttons aus. Andere planen einen Flashmob vor dem Rathaus oder sind unterwegs in den nahen Kopierladen, um Taschen oder T-Shirts mit markigen Sprüchen wie „Spot the Difference“ zu bedrucken oder Aufkleber zu produzieren. Besonders stolz ist Atasever auf ein Glücksrad, das eine Gruppe innerhalb weniger Stunden gebaut hat – mit Materialien, die sie sich im Baummarkt besorgten. Zwölf farbige Klebepunkte sind auf der Holzscheibe angebracht. Damit sind sie mehrmals mit der Ringbahn gefahren, haben die Fahrgäste angesprochen, Vorurteile aufgegriffen und Hintergründe erklärt. 

„Die meisten Äußerungen sind gar nicht böse gemeint, aber es sind diese Bilder von Sinti und Roma, mit denen viele aufwachsen, die wiederholt werden und Raum für Interpretation lassen. Das halte ich für gefährlich“, erklärt Atasever. Demnächst will er Angehörige von Minderheiten weiterbilden, damit sie jungen Menschen Rede und Antwort stehen können. Bisher arbeiten vier Hauptamtliche und 20 Freiberufliche im Haus. Atasever ist daran gelegen, dass seine Teams entsprechend der Gruppe besetzt sind, um die Qualität der Auseinandersetzung zu steigern. Er ist überzeugt, dass es sich lohnt: Ein Drittel hinterfrage während einer solch intensiven Bildungswoche ihr Denken. „Die restlichen haben sich immerhin damit auseinandergesetzt – das ist doch schon ein wesentlicher Fortschritt“.

Autorin: Stefanie Ahrens