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„Uns ist nicht wichtig, woher jemand kommt, sondern was er/sie mitbringt.“

Mamad Mohamad, Geschäftsführer des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt e. V., im Interview mit „Demokratie leben!“

Das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt e. V. ist Träger von zwei Modellprojekten, die von „Demokratie leben!“ gefördert werden:

„Welcome to my library“ - Vielfalt und Mehrsprachigkeit in Bibo und Kita

ENT_KNOTEN_PUNKT - Beratungsstelle gegen (Alltags)Rassismus und Diskriminierung

Mamad Mohamad gab uns im Gespräch Auskunft über seinen Werdegang, das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt und die besonderen Herausforderungen seiner Arbeit.


Portrait Mamad Mohamed, Bildnachweis: Privat
Portrait Mamad Mohamed, Bildnachweis: Privat

Bitte stellen Sie sich kurz vor und beschreiben Sie Ihre Funktion/Rolle im Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (LAMSA).

Mein Name ist Mamad Mohamad, ich bin hauptamtlicher Geschäftsführer im LAMSA mit Sitz in Halle. Ich bin in Syrien geboren und lebe seit 20 Jahren in Deutschland.

Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit gekommen? Waren Sie bereits vorher im Themenfeld aktiv? Gab es für Sie ein prägendes Ereignis?

Ich habe über Jahre das Netzwerk ehrenamtlich aufgebaut und viel Energie und Zeit investiert. Darüber hinaus bin ich Sozial­pädagoge und die Verbindung zwischen der pädagogischen Ausbildung und meiner eigenen Migrationsgeschichte hat mich wohl zu meiner jetzigen Arbeit geführt. Als Jugendlicher ohne Familie nach Deutschland gekommen, lernte ich den sozialen Bereich als Mitglied der „Zielgruppe“ kennen und sah viele gute Ansätze für meine eigene Tätigkeit, aber auch viele Punkte, an denen ich spontan ganz anders angesetzt hätte. Aus diesen Erfahrungen schöpfe ich bis heute.

Wofür steht LAMSA und was sind seine Aktivitäten?

LAMSA ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen mit Migrationshintergrund in Sachsen-Anhalt. Als Dachverband der Migrantenorganisationen vereint es Menschen unterschiedlicher Herkunft, kultureller Prägung sowie religiöser Zugehörigkeit und repräsentiert so eine Einheit der Vielfalt. Die Mitglieder von LAMSA bringen umfangreiche Kompetenzen und Fähigkeiten mit, die zukünftig bei der Bewältigung sozialer und kultureller Herausforderungen immer wichtiger werden. Neben spezifischen Fachkenntnissen sind das vor allem Sprachkenntnisse, „Welterfahrung“ sowie Erfahrungen im Umgang mit neuen Lebens- und Arbeitssituationen.

LAMSA steht für Zusammenarbeit in Vielfalt und gibt ein Beispiel für ein tolerantes Miteinander. Wir verstehen uns als Bindeglied zwischen Migrantinnen und Migranten sowie zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund.

Im Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt sind verschiedenste Vereine und Initiativen integriert. Die Palette der kulturellen und geographischen Hintergründe ist sehr groß. Wie gelingt es, die Mitglieder unter „einen Hut zu bringen“?

Wir legen von Anfang an großen Wert auf Partizipation aller und demokratische Prozesse in den einzelnen Migrantenorganisationen, aber auch im Landesnetzwerk. Es ist uns wichtig, ein ethnisch übergreifendes Netzwerk zu sein. Wir haben Vielfalt tatsächlich als Bereicherung erfahren. Auch wenn es nicht immer leicht ist und ab und zu Irritationen und Missverständnisse auftreten, können wir uns gar nicht mehr vorstellen, in einem homogenen Team zu arbeiten. Wir haben kein Interesse daran, uns auf Landesebene aufgrund ethnischer Herkünfte zu organisieren. Es passt zu unserem Leitbild, dass uns nicht wichtig ist, woher jemand kommt, sondern was er/sie mitbringt.

Welche Pläne hat das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt für 2017? Wo wollen Sie die Schwerpunkte setzen?

2017 wollen wir uns weiterentwickeln und unseren Erfolgskurs fortsetzen. Wir sind ja als e. V. noch sehr jung und sind in letzter Zeit sehr schnell gewachsen; wir haben sehr viele Projekte initiiert, Netzwerke ins Leben gerufen, uns auf allen Ebenen und an vielen Orten engagiert und eingebracht. Dieses Jahr wollen wir nutzen, um uns nach innen zu konsolidieren, unsere Struktur zu festigen und uns noch stärker in die politischen und gesellschaftlichen Prozesse im Land Sachsen-Anhalt, aber auch auf der Bundesebene, einzubringen. Auch das Thema Diskriminierung und Alltagsrassismus steht in diesem Jahr verstärkt auf der Agenda.

Was treibt Sie persönlich in Ihrer Arbeit an? Was motiviert Sie an Ihrer Tätigkeit besonders? Hatten Sie bei Ihrer Tätigkeit besondere Erfolgserlebnisse?

Ja, ich denke, meine eigene Migrationsgeschichte motiviert mich am meisten bei meiner Tätigkeit. Ich verfolge konsequent die Interessen der Migrantinnen und Migranten, kann mich sehr gut in deren Lebenslagen einfühlen und ihre Perspektive einnehmen, weil ich vieles von dem, was ihnen passiert, selbst erlebt habe. Dies gibt mir Kraft. Auf den Weg, den ich selbst gegangen bin, vom unbegleiteten minderjährigen Flüchtling zum Geschäftsführer eines Landesnetzwerkes, blicke ich mit Stolz, aber auch mit Demut. Nach langen Jahren endlich in Gremien sitzen zu können, wo ich eine wichtige Stimme habe und Anerkennung finde, ist für mich sehr wichtig. Wichtig ist mir auch, dass beim so wichtigen Thema Migration wir als LAMSA bei jedem Thema, für das es notwendig ist, Fachleute entsenden können, die mit Know How und einer angemessenen inneren Haltung die Interessen der Migrantinnen und Migranten immer wieder formulieren und dafür sorgen, dass diese nicht aus dem Blickfeld geraten. Ein besonderes Erfolgserlebnis war das 2016 stattgefundene Wahlprojekt, bei dem zwar unsere Außentür durch Rechte zugemauert wurde, durch das wir aber erstmalig das große Ausmaß an Solidarisierung und Unterstützung und den großen Bekanntheitsgrad unseres Netzwerkes zu spüren bekamen. Eine wahre Welle von Solidarität zeigte uns, dass all die Jahre Arbeit Früchte getragen haben und dass unsere Arbeit tatsächlich dafür sorgt, das Bewusstsein der Menschen zu verändern.

Worin sehen Sie persönlich die größte Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit?

Die größte Herausforderung in meiner Tätigkeit als Geschäftsführer sehe ich darin, alle von mir erwarteten notwendigen Tätigkeiten, die auf sehr verschiedenen Ebenen liegen, unter einen Hut zu bringen und dabei noch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Ehrenamtlichen da sein zu können. Auch die inhaltliche und organisatorische Vernetzung der vielen entstandenen Projekte ist eine Herausforderung, der ich mich mit großer Sorgfalt stelle. Obwohl die Arbeit allen Mitarbeitenden hier momentan buchstäblich über den Kopf wächst, bemühen wir uns gemeinsam, einen Weg zu finden. Dabei helfen unsere Kreativität und auch die von vielen geteilte biografische Erfahrung, dass man kämpfen muss, um das zu erreichen, was man sich als Ziel gestellt hat.

Wenn Sie aus Ihren Erfahrungen hinsichtlich der von „Demokratie leben!“ geförderten Modellprojekte schöpfen – welche Tipps würden Sie anderen Trägern für deren Arbeit mit auf den Weg geben?

Wir möchten anderen mit auf den Weg geben, dass es wichtig ist, die Projekte konzeptionell und inhaltlich wirklich im Vorfeld zu durchdenken und sich viel Zeit für die Planung und Zielfindung zu nehmen. Diese Zeit spart man später wieder ein und eine klare Marschrichtung erleichtert allen Beteiligten die Arbeit sehr. Auch Prozesse der Auswahl der Teams für die Projekte sind so wichtig, dass man sich voll darauf konzentrieren muss, denn das perfekt konzeptionierte Projekt wird nicht funktionieren, wenn man nicht die richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dafür findet, die es mit Herzblut und Engagement und im Sinne der Ziele des Bundesprogramms, des Leitbildes der jeweiligen Trägerorganisation und im Geiste des Antrages umsetzen können. Betriebsblindheit lässt sich übrigens sehr gut wahrnehmen, wenn man konsequent immer wieder Feedback und Begleitung durch Externe einfordert.

Eine weitere Botschaft für alle, die im Bereich Migration arbeiten: Projekte mit Menschen mit Migrationsgeschichte sollten nicht am grünen Tisch konzipiert werden, sondern man sollte diese nur durchführen, wenn man auch wirklich einen Zugang zu den Menschen hat.