Zum Inhalt springen Zum Hauptmenü springen Zum Servicemenü springen

„Ich genieße es, mit inspirierenden Menschen in Kontakt zu kommen.“

Tilman Weinig, Leiter des Modellprojekts „INSIDE OUT - Fach- und Beratungsstelle Extremismus“

Im Gespräch gab uns Tilman Weinig Auskunft über seinen Werdegang, seine bisherigen Projekte und das Modellprojekt „INSIDE OUT - Fach- und Beratungsstelle Extremismus“.


Portrait Tilman Weinig, Bildnachweis: Privat
Portrait Tilman Weinig, Bildnachweis: Privat

Bitte stellen Sie sich kurz vor und beschreiben Sie Ihre Funktion/Rolle im Modellprojekt „INSIDE OUT - Fach- und Beratungsstelle Extremismus“.

Ich leite die Fach- und Beratungsstelle Extremismus INSIDE OUT. Wir beraten Pädagoginnen und Pädagogen im Umgang mit Radikalisierung und entwickeln Programme zur Prävention für Kinder und Jugendliche.

 

Ich komme aus München. Habe dort Religionswissenschaft, Psychologie und Orientalistik studiert. Seit 5 Jahren lebe ich in Stuttgart–Bad Cannstatt und bin hier in unterschiedlichen kommunalen Projekten zu Bildung, Kultur, Verkehr und Sport tätig gewesen. Es ist schön, mit INSIDE OUT praktische Religionswissenschaft zu machen!

 

Ich habe zwei Kinder. Privat interessiere ich mich für das Kino und die Möglichkeiten von sozialkritischer Kunst und betreibe dafür nebenberuflich einen kleinen Verlag.

Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit gekommen? Waren Sie bereits vorher im Themenfeld aktiv? Gab es für Sie ein prägendes Ereignis?

Es gibt für mich ein prägendes Ereignis: Ich habe 2010 mit einer libyschen Tourismusfirma eine Kulturreise für deutsche Touristen in das sich damals unter Gaddafi öffnende Libyen geplant und wir standen kurz vor der ersten Reise mit einer Gruppe, als der Bürgerkrieg ausbrach und alles auf Jahrzehnte hin zunichtemachte. Vor allem unsere libyschen Partner haben viel Geld verloren, sind aber froh, heute noch am Leben zu sein.

 

Für mich war das der entscheidende Punkt, die unternehmerischen Ambitionen zu verlassen und zu versuchen an den Bedingungen einer friedlicheren Gesellschaft zu arbeiten.

Was treibt Sie persönlich in Ihrer Arbeit an? Was motiviert Sie an Ihrer Tätigkeit besonders? Hatten Sie bei Ihrer Tätigkeit besondere Erfolgserlebnisse?

Mich treibt an, neue Verbindungen zu schaffen – zwischen Menschen und Organisationen. Mich motivieren gelungene Veranstaltungen mit einem Lerneffekt für alle Beteiligten. Ich genieße es, bundesweit mit inspirierenden Menschen in Kontakt kommen zu können. Erfolgserlebnisse hatte ich einige: Positive Rückmeldungen von Beratungsnehmenden, die über gute Entwicklungen ihrer Schützlinge berichteten oder auch den Präventionspreis.

 

Momentan freue ich mich besonders über eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Islamist anders“, die ab dem 16. Juli startet. Den Anfang macht dabei eine sehr engagierte muslimische Jugendgruppe, die sich ihrer Einordnung als „islamistisch“ mutig stellt.

Worin sehen Sie persönlich die größte Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit?

Angebote zu machen, die wirklich innovativ sind und das bereits Bestehende sinnvoll ergänzen. Der administrative Teil der Arbeit ist eine schöne Herausforderung. Ko-Finanzierung zu finden unter den privaten Stiftern; von Jahr zu Jahr aufs Neue; die Presse auf unsere Arbeit hinzuweisen und wahrgenommen zu werden in der Flut der Angebote in einer kulturell florierenden Stadt wie Stuttgart.

 

Ehrenamtliche und Jugendliche „bei der Stange“ zu halten ist eine große Herausforderung. Auch ein Team motiviert zu halten und zu koordinieren, das durch prekäre Arbeitsverhältnisse von Teilzeit und freiberuflicher Tätigkeit in zahlreichen unterschiedlichen Bereichen gekennzeichnet ist, ist oft nicht leicht.

In Ihrer Vorstellung auf http://insideoutnow.de/ schreiben Sie, dass Leben ständige Anpassung an fremd hergestellte Komplexität bedeute. Ihr Wunsch sei es, dass Jugendliche einen Mittelweg zwischen Anpassung an die Gesellschaft und individueller Verwirklichung meistern. Wie könnte ein solcher Mittelweg rein praktisch aussehen und wo sehen Sie die Grenzen individueller Verwirklichung in der heutigen Gesellschaft?

Ein Beispiel: Wenn du ein Straßenrapper bist, kannst du harte Sprache benutzen und ein Handgemenge vor einer Disko künstlerisch in einem Song zu einem „drive-by shooting“ überhöhen. Wenn du es aber nicht schaffst, auf der anderen Seite höflich mit deinem Agenten und ehrlich mit deinen musikalischen Partnern und Veranstaltern zu sein, wirst du es nicht weit bringen.

 

Ich glaube nicht, dass es in Deutschland unüberwindbare Grenzen individueller Verwirklichung gibt. Aber klar gibt es große Hürden, die der persönlichen Verwirklichung Einzelner im Wege stehen. Wenn diese Hürden durch Sprache, Religion und sozioökonomische Herkunft – also Diskriminierung - bedingt sind, ist das schlimm und das Bundesprogramm soll zum Abbau dieser Hürden dienen.

„INSIDE OUT - Fach- und Beratungsstelle Extremismus“ macht zahlreiche Angebote für Kinder und Jugendliche, darunter auch das mit dem Stuttgarter Präventionspreis „Partner für Sicherheit“ ausgezeichnete Projekt „chamäLION“, dass sich an Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren richtet oder den „Gorilla Walk“, ein Angebot für junge Männer von 14 bis 24 Jahren.
Welches sind hier Ihre bisherigen Erfahrungen und mit welchen Angeboten hat man die besten Aussichten, junge Menschen zu erreichen?

Der Gorilla Walk ist an sich ein tolles Angebot und die Jugendlichen sind nach der dreitägigen Veranstaltung wie verwandelt. Wir schaffen es aber nicht, diesen einmaligen Event in einen längerfristigen Wandlungsprozess umzumünzen. Mangelnde Orte für Nachtreffen der meist über Baden-Württemberg verstreuten Jugendlichen, geringe Verbindlichkeit der Mentoren und hohe finanzielle Bedarfe für wenig Ertrag sind unsere Probleme hier.

 

Bei chamäLION ist das Gegenteil der Fall. Hier haben wir es geschafft, mit geringem finanziellen Aufwand ein Angebot in die Schul- und Nachmittagsbetreuungsstruktur zu integrieren, das Pädagogen effizient entlastet und über längere Zeiträume angewendet werden kann. Wir arbeiten derzeit bereits an der Erweiterung des Toolkits. Dass wir dafür einen Preis gewonnen haben, freut uns sehr.

Das Modellprojekt „INSIDE OUT - Fach- und Beratungsstelle Extremismus“  wird seit dem Start von „Demokratie leben!“ gefördert. Wenn Sie aus Ihren Erfahrungen schöpfen – welche Tipps würden Sie anderen Modellprojekten für deren Arbeit mit auf den Weg geben?

Wir haben gelernt, uns mehr Zeit zu lassen. Man will natürlich gleich zu Beginn etwas Tolles leisten. Das ist bei uns schief gegangen. Im ersten Jahr haben wir einige Fehler gemacht, weil wir „schnell, schnell“ gemacht haben.

 

Also ist mein Tipp, sich viel Zeit für eine machbare Projektplanung zu nehmen und nicht nervös zu werden, wenn es nicht gleich klappt. Sich vor dem operativen Arbeitsstart bei allen Stakeholdern im jeweiligen Themenfeld vorzustellen und sich als Lernender zu präsentieren schafft Vertrauen und erleichtert die darauf folgende Zusammenarbeit immens. Besonders wertvolle Partner haben wir in den Polizeipräsidien gefunden.