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„Es ist wichtig, nicht zu verzagen“

Angela Klier, Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaft für Demokratie Stadt Olbernhau und Umlandgemeinden

Im Gespräch gab uns Angela Klier Auskunft über ihren Werdegang, ihre bisherigen Projekte und ihre Pläne für die Partnerschaft für Demokratie Stadt Olbernhau und Umlandgemeinden.


Portrait Angela Klier, Bildnachweis: Privat
Portrait Angela Klier, Bildnachweis: Privat

Bitte stellen Sie sich kurz vor und beschreiben Sie Ihre Funktion/Rolle in der Partnerschaft für Demokratie Olbernhau und Umlandgemeinden.

Mein Name ist Angela Klier und ich lebe und arbeite im schönen Erzgebirge. Im Rathaus Olbernhau ist die Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft. Sie ist inzwischen Anlaufstelle für Projektträgerinnen und –träger sowie Akteurinnen und Akteure der Förderregion, die sieben Kommunen umfasst.

 

Als ich 2011 mit der Arbeit im Vorgängerprogramm begann, war ich, wie man es im Dialekt gern nennt, die „Uhiesische“ (Person, die nicht im Ort geboren, sondern zugezogen ist) und musste mir viel Wissen rund um das Gemeinwesen aneignen. Die Menschen haben mich gut aufgenommen und schnell konnten wir miteinander arbeiten und etwas bewegen. Die Förderregion gehört zum ländlichen Raum und liegt an der Grenze zu Tschechien. Industrie gibt es kaum und der Tourismus hält sich übers Jahr in Grenzen. Es hat sich ein reges Vereinsleben entwickelt, Kultur, Kunsthandwerk und Kunst werden gepflegt.

 

Es macht Spaß, Projekte zu erleben, die Menschen  einander näher bringen, sie an Entwicklungsprozessen zu beteiligen und, wie es seit 2015 verstärkt notwendig wurde, sie für neue Nachbarschaften und ein vielfältiges Zusammenleben zu  öffnen.

Wie sind Sie zu ihrer Tätigkeit gekommen? Waren Sie bereits vorher im Themenfeld aktiv? Gab es für Sie ein prägendes Ereignis?

Die Partnerschaft für Demokratie umfasst sieben Kommunen und sie baut auf bereits bestehende Strukturen aus einem Lokalen Aktionsplan (LAP) auf. Mit dem LAP begann auch meine Arbeit in Olbernhau. Ich hatte erfolgreich schon einen LAP im Landkreis begleitet und durfte meine Erfahrungen nun für diese neue Förderregion einsetzen. Olbernhau ist gerade mal 62 km von meinem Wohnort entfernt, die Fahrt mit dem PKW dauert allerdings über eine Stunde.

 

Dennoch ist es mir seit 2011 immer wieder ein Vergnügen, durch das schöne Erzgebirge zu fahren, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der sieben Kommunen Strategien zu entwickeln, Projekte umzusetzen und den Alltag mitzugestalten. Die Koordinierungs- und Fachstelle ist inzwischen gewachsen - sowohl personell als auch räumlich - und natürlich haben wir eine Menge Erfahrungen und Wissen draufgepackt.

Im Jahr 2016 wurden in der Partnerschaft für Demokratie in Olbernhau und Umlandgemeinden viele Projekte umgesetzt. Welche Pläne haben Sie für 2017? Wo werden Schwerpunkte gesetzt?

Auch diese Partnerschaft hat seit 2015 viele Projekte umgesetzt, die eine Willkommenskultur unterstützten und die einfach notwendig waren, um Menschen mit Fluchterfahrungen aufzunehmen. In der Stadt Olbernhau wurden mehr Menschen aufgenommen, über das sogenannte Soll hinaus, denn hier gab es Wohnungsleerstand.

 

Viele Bewohnerinnen und Bewohner haben sich engagiert, gekümmert und unterstützt. Es gab auch hier Proteste, jedoch nicht so offen wie anderswo. In den letzten Monaten gingen viele Migrantinnen und Migranten aus der Region fort und es gilt das Engagement einzufangen, die Engagierten im Gemeinwesen zu halten und dieses mit ihrer Unterstützung weiter zu gestalten. Deshalb gehen die Aktiven der Partnerschaft 2017 verstärkt in die Strategiearbeit und entwickeln die gemeinsamen Zielstellungen fort. Die Jugendbeteiligung liegt dabei allen sehr am Herzen, denn gerade im ländlichen Raum stoßen wir immer wieder an Grenzen.

Was treibt Sie persönlich in Ihrer Arbeit an? Was motiviert Sie an Ihrer Tätigkeit besonders? Hatten Sie bei Ihrer Tätigkeit besondere Erfolgserlebnisse?

Ich bin 2002 durch die Mitarbeit in einer Bürgerinitiative zur Demokratiearbeit gekommen und habe im ersten Bundesprogramm Civitas als „Einzelkämpferin“ die ersten kleinen Netzwerke aufgebaut. Mit Kolleginnen und Kollegen aus Sachsen ist es gelungen, eine landesweite Struktur, ein kommunikatives und tragfähiges Netzwerk aufzubauen: Die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Vielfalt Sachsen.

 

Menschen zusammenbringen, ihnen Plattformen für Austausch und Begegnung zu schaffen, gemeinsam Strategien zu entwickeln, das gefällt mir an meiner Tätigkeit besonders und begeistert mich immer aufs Neue. Besonders nachhaltig war die Initiierung des Kompetenzzentrums für Gemeinwesenarbeit im Erzgebirge, Handlungsstrategie eines LAP und heute noch eine anerkannte und aktive Fachstelle für den Landkreis.

Worin sehen Sie persönlich die größte Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit?

Die größte Herausforderung ist das Ringen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, der seit 2015 in immer größere Gefahr geraten ist. Die Akteurinnen und Akteure in Partnerschaften und anderen Projekten der Demokratieförderung, aber auch die Aktiven in Unterstützerkreisen für Menschen mit Fluchterfahrung sind Anfechtungen ausgesetzt, die vor zwei Jahren noch unbekannt waren.

 

Bereits 2013 gab es hier im Erzgebirge, in Schneeberg, Protestbewegungen gegen die Aufnahme Geflüchteter. Damals stellten sich viele Menschen dem entgegen und konnten die Proteste erfolgreich stoppen.  Derzeit sehe ich ein Erstarken nichtdemokratischer Kräfte und deren Akzeptanz in der Mitte der Gesellschaft. Es wird häufig davon gesprochen, dass etablierte rechte Strukturen und Parteien an Mitgliedern und Schlagkraft verlieren. Es wird jedoch versäumt, neue, rechtspopulistische und nicht minder gefährliche Strukturen wie eingetragene Vereine mit dem Ziel des Heimatschutzes und zur Stärkung des deutschen Volkes oder neue Kleinparteien- wie z. B. „Der III.Weg“ - im Blick zu halten. Welche Folgen das haben kann, zeigen die jüngsten Entwicklungen um die Reichsbürger.

Waren Sie aufgrund Ihres Engagements auch schon persönlichen Anfeindungen ausgesetzt? Wenn ja, wie gehen Sie damit um?

Die Identitäre Bewegung hat mich 2016 persönlich und öffentlich angegriffen. Schlimmer sind die Nachwirkungen. Es wurden mehrere Beiträge zur Aktion veröffentlicht auf Facebook, YouTube usw. Das hat zur Folge, dass mein Name nun in weiten Kreisen der Szene bekannt ist und entsprechend werden Beiträge in sozialen Medien kommentiert. Ich werde immer wieder in anderen Zusammenhängen benannt und angeschrieben. Dennoch zeigt das auch, dass unsere, meine Arbeit vor Ort wirkt und deshalb engagiere ich mich weiter.

Wenn Sie aus Ihren Erfahrungen als langjährige Sprecherin der LAG Vielfalt Sachsen und in der Partnerschaft für Demokratie in Olbernhau schöpfen – welche Tipps würden Sie anderen engagierten Personen für deren Arbeit mit auf den Weg geben?

Es ist wichtig, nicht zu verzagen.  Diejenigen, die auf den Straßen und in Sälen, bei Kundgebungen und Demonstrationen laut schreien, sie seien das Volk und damit den Anschein erwecken, sie seien eine Mehrheit, sind genau das nicht. Es gibt eine so große Zahl an tollen Projekten, an Engagement und einfach an stillen, unscheinbaren Akteurinnen und Akteuren.

 

Was die Projektarbeit vor Ort angeht, kann ich nur empfehlen, mit allen Menschen ins Gespräch zu kommen, niemanden auszugrenzen. Nur wenn wir verstehen, was Andere antreibt, welcher konstruierte Sinn in ihrem Denken und Handeln steckt, kann es gelingen, wieder  Verständnis füreinander und eine neue, bessere Form der Kommunikation miteinander zu entwickeln. Wir dürfen nicht nur mit den etablierten Gruppen und Personen arbeiten, wir dürfen nicht neue Ränder produzieren. Menschen mit Behinderung, oder besser Menschen mit Besonderheiten,  werden in der Projektarbeit noch viel zu selten beteiligt, Seniorinnen und Senioren müssen ihre Erfahrungen einbringen dürfen und jungen Leuten sollten wir erlauben, Erfahrungen zu sammeln und damit selbstbewusstes Handeln unterstützen.

 

Wichtig ist, wir sollten viel öfter alle miteinander handeln.