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„Die Netzwerkarbeit ist für die Partnerschaft das A und O.“

Mehmet Aksoyan, Fach- und Koordinierungsstelle der Partnerschaften für Demokratie Stadt Ravensburg / Schussental und Stadt Weingarten

An dieser Stelle stellen wir regelmäßig engagierte Mitwirkende aus den geförderten Projekten vor. Mehmet Aksoyan gab uns im Gespräch Auskunft über seinen Werdegang, seine bisherigen Projekte und seine Pläne für die Partnerschaften für Demokratie Stadt Ravensburg / Schussental und Stadt Weingarten.


Portrait Mehmet Aksoyan
Portrait Mehmet Aksoyan

Bitte stellen Sie sich kurz vor und beschreiben Sie Ihre Funktion/Rolle in den Partnerschaften für Demokratie in Ravensburg und Weingarten?

Mein Name ist Mehmet Aksoyan. Ich bin 1974 als Sohn türkischstämmiger Einwanderer in Ravensburg geboren, bin verheiratet und stolzer Vater von 3 Jungs. Seit 2015 berate und unterstütze ich als Fach- und Koordinierungsstelle die beiden Partnerschaften Ravensburg und Weingarten im Bundesprogramm.


Sie sind beim Verein „TAVIR“ beschäftigt. Wofür steht dieser Verein und was sind seine Aktivitäten?

Beginnen wir vielleicht mit dem Namen. „TAVIR“ kommt aus dem Türkischen und bedeutet hier frei übersetzt „eine aktive Haltung einnehmen“, aber auch „Zeichen setzen“. Die Namensgebung erklärt eigentlich unsere Grundeinstellung, als wir uns 2007 in Ravensburg mit zunächst sieben Personen auf den Weg machten. In gewisser Weise also ein wenig gegen den Strom schwimmen und sich für die gelebte Vielfalt der Gesellschaft einsetzen.

 

Anfangs starteten wir noch mit kleinen Nachhilfeprojekten für Schüler mit Migrationshintergrund und gingen parallel in einen konstruktiven Austausch mit der Kommune und der übrigen Trägerlandschaft vor Ort. Inzwischen hat die Erfolgsgeschichte mehrere BAMF -Projekte umgesetzt, ist lokal ein verlässlicher Netzwerkpartner im Themenbereich Integration und verfügt über die notwendige Infrastruktur. Bundesweit positive Resonanz erhielten wir mit unseren mittlerweile bekannten „Willkommensmaterialien“ für die Flüchtlingsarbeit, die derzeit vieler Orts und insbesondere in den Helferkreisen eingesetzt werden.

 

Übrigens: Die Materialien waren das Ergebnis eines Willkommenskonzeptes, das wir zu Beginn der Flüchtlingsthematik 2014 im Rahmen des Bundesprogramms TOLERANZ FÖRDERN - KOMPETENZ STÄRKEN für die Stadt Ravensburg entwickelt hatten. Dieses Jahr im Juli wollen wir mit unseren Freunden und Partnern zusammen unser Jubiläum feiern und auf eine erfolgreiche Dekade zurückblicken.

Bilderstrecke „Willkommenskärtchen für die Flüchtlingsarbeit“

Wie sind Sie zu ihrer Tätigkeit gekommen? Waren Sie bereits vorher im Themenfeld aktiv? Gab es für Sie ein prägendes Ereignis?

Vor meiner jetzigen Tätigkeit war ich bei meinem Träger für ein Jugendprojekt zuständig, bei der es um die Stärkung der Selbst- und Fremdwahrnehmung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ging. Selbst davor habe ich mich schon immer für eine offene und tolerante Stadtgesellschaft ehrenamtlich engagiert, sei es als Integrationsbegleiter für Neuzugewanderte oder als Mitglied des Integrationsbeirates. Ich konnte also in der Vergangenheit in Bezug auf Projektkompetenz und Netzwerkarbeit wertvolle Erfahrungen gewinnen, von denen unser Verein und ich noch heute profitieren.

 

So lag es nahe, dass wir die Angebote aus Ravensburg und Weingarten hinsichtlich der Beauftragung als Fach- und Koordinierungsstelle als Chance wahrnahmen, um mit der neuen Aufgabe einerseits unser Know-How in die Partnerschaften einzubringen, andererseits aber auch uns selber weiterzuentwickeln. Bis jetzt kann ich mit dem Erreichten sehr zufrieden sein.


Sie sind als Koordinierungs- und Fachstelle sowohl für die Partnerschaft für Demokratie in Ravensburg wie auch für Weingarten tätig. Welche Vorteile ergeben sich aus dieser Doppelfunktion? Gibt es auch Nachteile?

Ich weiß nicht, ob wir hier von einer Doppelfunktion sprechen können. Obwohl beide Kommunen in unmittelbarer Nachbarschaft liegen, zeigen sie im Strukturaufbau und in der Umsetzung deutliche Unterschiede auf. Das mag vielleicht als völlig normal gesehen werden, ist aber ein Resultat der jeweiligen zur Verfügung stehenden Ressourcen und der historischen Entwicklung. Ravensburg blickt auf eine lange Tradition der kommunalen Integrationspolitik zurück. So gibt es hier schon seit den 80ern einen Integrationsbeauftragten und einen Beirat für Integrationsfragen.

 

Weingarten dagegen hat die gesellschaftliche Vielfalt u. a. mit seinen Hochschulen und den vielen internationalen Studenten zwar jahrelang vorgelebt, die Verwaltungsstrukturen und die politische Agenda hierfür waren aber zunächst nicht vorhanden. Dies wird nun in einem beachtenswerten Tempo und mit Unterstützung des Bundesprogramms erfolgreich nachgeholt. Genau diese Konstellation zwischen dem Bewährten in Ravensburg und dem Neuen in Weingarten birgt für mich und für meine „Doppelrolle“ innerhalb der Partnerschaften ein großes Potential in sich.

 

Etwas schwieriger wird es dann aber, wenn ich in diesem Wechselspiel der beiden Partnerschaften die Zivilgesellschaft und die Projektträger als weitere Akteure begleite. Da muss ich dann natürlich scharf trennen. Ich glaube, dass mir das bis jetzt weitestgehend gelungen.

Ende 2016 wurde in der Partnerschaft für Demokratie Ravensburg im Rahmen eines Projekts die Integrations-App „D.ICH“. Können Sie die App kurz vorstellen und erläutern, wie es zu diesem Projekt kam?

Screenshot der Integrations-App „D.ICH“
Screenshot der Integrations-App „D.ICH“

Die Anwendung versucht, Begegnungen zwischen Aufnahmegesellschaft und Menschen mit Migrationshintergrund zu erleichtern. Dies geschieht nach einem einfachen Prinzip: Ich lade die Applikation herunter, registriere mich über mein soziales Netzwerk und erstelle ein Profil. Nun möchte ich einen türkischen Kochabend veranstalten. Ich setze also mein Event mit den dazugehörigen Informationen, wie z.B. Titel, Kategorie, Ort, freie Teilnehmerplätze usw. ein und warte auf die Push-Nachrichten und die Rückmeldungen. Optional kann ich noch sowohl passende Vokabeln als auch eine Checkliste für die Teilnehmer anlegen.

 

Das Konzept und die Idee zu dieser App wurden im Rahmen eines Projektsemesters an der Dualen Hochschule Ravensburg von zwei Studentinnen entwickelt. Zufällig war ich auf Einladung des Dozenten auf der Präsentation der einzelnen Projekte anwesend und wurde genau auf diese Idee und auf den Begegnungscharakter darin aufmerksam.

 

Nach vielen Einzelgesprächen und in enger Abstimmung mit dem federführenden Amt konnte diese für die Integrationsarbeit förderliche Anwendung letztendlich über die Mittel des Bundesprogramms umgesetzt werden.

Welche Pläne haben Sie für 2017 in den Partnerschaften für Demokratie in Ravensburg und Weingarten? Wo wollen Sie die Schwerpunkte setzen?

Natürlich muss zunächst das Alltagsgeschäft bewältigt werden. So stehen als Nächstes die Abrechnungen für den vergangenen Förderzeitraum 2016 an. Die Vorbereitungen hierfür laufen bereits. Ein erstes Highlight in der ersten Jahreshälfte wird die dritte Demokratiekonferenz in Ravensburg werden, die an einem denkwürdigen Tag stattfindet. Wir wollen am 23.05. - am Tag des Grundgesetzes - Mitglieder aller kommunalpolitischen Gremien zu einem „Forum für Demokratie“ einladen.

 

Thematisch wollen wir im Jahr der Bundestagswahlen u. a. einen Schwerpunkt im Bereich der Politik- und Wahlbeteiligung von Jugendlichen setzen. Erste Ansätze in Form einer U-18 Wahl, die parallel am Wahltag stattfinden soll, oder eines inhaltlichen Bezuges im Rahmen des nächsten Jugendgipfels in Weingarten werden gerade mit Programmpartnern vertieft. Passend zu diesem Kontext wollen wir in diesem Jahr bestehende Netzwerkstrukturen zu Themen wie Salafismus, Rechtsextremismus oder gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit für die Präventionsarbeit der Partnerschaften aktiver nutzen. Erste Gesprächstermine mit dem Demokratiezentrum und mit der Landeszentrale für politische Bildung stehen bereits.

Was treibt Sie persönlich in Ihrer Arbeit für die Partnerschaft für Demokratie an? Was motiviert Sie an Ihrer Tätigkeit besonders? Hatten Sie bei Ihrer Tätigkeit besondere Erfolgserlebnisse?

Neben dem bereits erwähnten Mehrwert an Kompetenzgewinn als Fach- und Koordinierungsstelle hat meine tagtägliche Motivation vielleicht auch mit meiner Lebenseinstellung zu tun. Jeder noch so kleine Input, den ich insbesondere im sozialen Bereich in die Gesellschaft einbringe, erzeugt ein Output, der sich über Umwege wiederum auf meine eigenen Verhältnisse positiv auswirkt. Dieses Grundprinzip war beispielsweise seit jeher mein Ansporn für viele Stunden des ehrenamtlichen Engagements als „Kulturvermittler“.

 

Umso mehr freut es mich natürlich, dass ich dies aktuell auch mit meiner jetzigen Tätigkeit als Fachstelle für das Gemeinwesen Ravensburg-Weingarten leisten kann. Gerade die positiven Rückmeldungen aus der Zivilgesellschaft bestätigen meine Annahme.

Worin sehen Sie persönlich die größte Herausforderung bei Ihrer Tätigkeit?

Die größte Anstrengung in den beiden Partnerschaften bereitet mir die Besetzung von weiteren programmrelevanten Themen jenseits von Migration und Interkultur. Ich würde mir wünschen, dass der Untertitel des Bundesprogramms thematisch ein größeres Interesse seitens der Zivilgesellschaft erhält.

 

Auch wenn wir uns hier im Schussental um ausgewiesene Brennpunkte erfreulicherweise keine Sorgen machen müssen, so ist es gerade in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung wichtig, gegen Diskriminierung, Hass und Menschenfeindlichkeit klare Stellung zu beziehen.

Wenn Sie aus Ihren Erfahrungen in den Partnerschaften für Demokratie in Ravensburg und Weingarten schöpfen – welche Tipps würden Sie anderen Partnerschaften für Demokratie für deren Arbeit mit auf den Weg geben?

Zum einen muss man das Rad nicht neu erfinden. Bereits bewährte Strukturen können in der Etablierung der Partnerschaft durchaus genutzt werden. Der in Weingarten seit 1985 bestehende älteste Jugendgemeinderat Deutschlands war z.B. als Gremium der politischen Jugendbeteiligung prädestiniert für das Jugendforum der Partnerschaft. In diesem Zusammenhang sollten auch Parallelstrukturen vermieden werden. Vorhandene Angebote, Bürgerinitiativen oder Kampagnen können in die Partnerschaft, soweit diese inhaltlich zu den Leitlinien des Bundesprogramms passen, eingebunden werden, was wiederum die Kosten senken wird und für eine breitere Öffentlichkeit sorgen kann.

 

Des Weiteren benötigen potentielle Projektträger, Partner der Zivilgesellschaft und Jugendgruppen eine klare und einfache Sprache, um durch den wahrgenommenen Dschungel der Förderkriterien hindurchzukommen. In der Praxis bedeutet dies, dass man sich frühzeitig über Formulare, Check-Listen oder eine Internetseite Gedanken machen sollte. Die Netzwerkarbeit dagegen ist für die Weiterentwicklung der Partnerschaft das A und O. Das Bundesprogramm bietet hierzu verschiedene Plattformen, wie z.B. die regelmäßig stattfindenden Fachaustausche. Diese sollten unbedingt genutzt werden, da diese eine nicht zu gering zu schätzende Möglichkeit des Vernetzens mit anderen Partnern bieten. Die Fortbildung für Fach- und Koordinierungsstellen in Schleife kann ich in diesem Sinne daher nur wärmstens empfehlen.