Bild einer großflächig gespannten Frischhaltefolie auf der mit bunter Farbe der Projekttitel gesprüht wurde. Bild: stay#dorfkind

Partnerinnen und Partner auf Augenhöhe – Jugendkultur vor Ort gestalten

Mit einer Mischung aus Skepsis und Neugier wird das Projekt stay#dorfkind in den teilnehmenden Dorfgemeinschaften aufgenommen.

Pinselstrich

Seit Anfang 2020 widmet sich das niedersächsische Modellprojekt stay#dorfkind den Jugendlichen im ländlichen Raum. Während einige in Dörfern vor allem freie Entfaltungsmöglichkeiten sehen, mag es für andere nur wenig Angebote für junge Menschen geben. Das Projekt setzt genau an diesem Punkt an: Wie kann gemeinsam mit den Jugendlichen ihre Heimat für sie attraktiv(er) gestaltet und eine eigene Jugendkultur vor Ort gefördert werden? Die Jugendlichen sollen eigene Ausdrucksmöglichkeiten erhalten, um gemeinsam und demokratisch ihre Sichtbarkeit und Teilhabe vor Ort zu stärken. Langfristig soll erprobt werden, inwiefern mit dem Ansatz der Jugendkulturarbeit auch möglichen extremistischen Orientierungen zuvorgekommen werden kann.

"Demokratie leben!" hat zu diesen Aspekten das Projektteam von stay#dorfkind interviewt.

Wie sind Sie auf den Projekttitel "stay#dorfkind" gekommen?
Ehrlich gesagt haben wir den Titel beim Brainstorming im Team zusammengepuzzelt. Es gab davor ein ähnliches Projekt im Landkreis Göttingen, das "Respekt für Vielfalt – Gemeinsam gegen Menschenfeindlichkeit" hieß. Für ein neues Modellprojekt wollten wir etwas Kürzeres und Jugendgerechteres. Wir haben nach einem griffigen Titel gesucht, der sowohl einen positiven Bezug zu Jugendkultur als auch zu Jugendarbeit im ländlichen Raum ermöglicht. Das Wort "Dorfkind" ist ja an sich schon ein Reizwort: Manche finden es super und nehmen es für sich an, andere finden das zu klischeehaft. Auf jeden Fall kommen wir mit dem Titel schnell ins Gespräch.

Wie reagieren die Jugendlichen, wenn Sie von Ihren Ideen und Projektzielen berichten?
Bisher sehr positiv, weil sie sich freuen, wenn bei ihnen im Ort mal "was geht" und wenn sie merken, dass wir regelmäßig für sie ansprechbar sind und verschiedene Angebote machen können. Manche gucken uns fragend an, wenn es um Jugendkultur geht, andere warten schon lange darauf, mal ihre Manga-, DJing- oder Skating-Skills teilen zu können. Natürlich gab und gibt es auch viel Skepsis und Neugier, wenn im Ort auf einmal Streetworkerinnen und Streetworker unterwegs sind. Während der Kontaktbeschränkungen fällt so etwas noch mehr auf, ist aber auch eine Erleichterung, wenn junge Menschen während des social distancing draußen wieder echte Menschen treffen.

Ein Skateboard lehnt an einer Bank vor einem leeren Fußballfeld. Bild: stay#dorfkind
Bild: stay#dorfkind

Welche Wünsche und Bedürfnisse werden besonders oft von den Jugendlichen angegeben? Welche Situationen oder Faktoren gibt es, die sie am meisten in ländlichen Räumen vermissen oder die sie stören?
Viele finden das Dorfleben gut, aber ihnen fehlen oft Abwechslung im Freizeitprogramm und auch kürzere Wege, um zusammen etwas Neues zu erleben oder Möglichkeiten über aktuelle, auch jugendkulturelle Themen zu reden.

Erhöhter Anpassungs- beziehungsweise Traditionsdruck, ein höheres Maß an sozialer Kontrolle und ein diffuses Gefühl von "Abgehängtsein" belasten die Jugendlichen schon häufig. Oft zehrt es verständlicherweise an ihren Kräften, vor Ort höchstens als Problem oder Unruhestifterinnen und Unruhestifter im Gespräch zu sein, wenn sie sich irgendwo draußen treffen, und nicht als gleichberechtigter Teil der Bevölkerung einbezogen zu werden. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte in unserer Arbeit.

Gibt es bei diesen Wünschen auch etwas, womit Sie nicht gerechnet haben und was Ihr Team überrascht hat?
Bei vielen Jugendlichen, wenn auch längst nicht bei allen, gibt es einen durchaus positiven Bezug auf ihr Leben auf dem Dorf und eine positive Identität als "Dorfkinder". Das entspricht erst mal nicht dem Klischee der Tristesse auf dem Land und steht auch teilweise im Widerspruch zu eigenen Erfahrungen und dem eigenen Erleben vom diffusen "Abgehängtsein" und einem starken Normdruck. Das ist für uns als Präventionsprojekt erst mal interessant und birgt sowohl eine Chance für demokratische Beteiligung, als auch ein Risiko für die Entwicklung von abgrenzender oder sogar ausgrenzender Identitätsentwicklung. Mal sehen, was das für die Prävention am Ende tatsächlich bedeutet.

Sie möchten sogenannte Jugendkulturdörfer einrichten. Was können wir uns darunter vorstellen?
Viele Raumnahmestrategien oder zum Beispiel Einschüchterungsversuche der extremen Rechten im ländlichen Raum zielen auf jugendbezogene Themen und auf kulturelles, und nicht nur politisches, Hegemoniestreben vor Ort ab. Und genau in einem jugendkulturellen Ansatz gibt es wichtige Anknüpfungspunkte für pädagogische Präventionsarbeit.

Da gibt es nämlich einen deutlichen Bedarf, mit Jugendlichen eine starke Alternative der Offenen Jugendarbeit in Form einer verlässlichen Anlaufstelle zu erarbeiten, die demokratische, vielfältige Jugendkultur stärkt und junge Leute befähigt, extrem rechter Ideologie etwas entgegenzusetzen – und zwar nicht in der nächstgrößeren Stadt, sondern in den Orten, in denen sie ihre Freizeit verbringen und in denen sie aufwachsen. Im besten Fall stärkt das nicht nur Jugendliche, sondern die gesamte demokratische Kultur im Sozialraum, das Gemeinwesen und damit so etwas wie die demokratische Resilienz vor Ort.

"Präventionsarbeit ist aber mehr als irgendeine pädagogische Arbeit. Da spielt auch eine persönliche Motivation eine große Rolle, dass es uns einfach ein Anliegen ist, wirklich etwas gegen rechte Bestrebungen und Menschenfeindlichkeit in dieser Gesellschaft bewirken zu wollen."

Projektteam stay#dorfkind

Auf einer alten Hauswand wurde stay#dorfkind gesprüht, darüber sind Handabdrücke zu sehen. Bild: stay#dorfkind

Basierend auf einer umfangreichen Sozialraumanalyse fiel die Wahl für die Errichtung von Jugendkulturdörfern schließlich auf drei Gemeinden: Walkenried, Scheden und Wollbrandshausen-Rollshausen. Können Sie beispielhaft einige Parameter nennen, die bei der Auswahl eine Rolle spielten? 
Entscheidend für diese Orte waren der Bedarf an pädagogischen und präventiven Angeboten sowie gute Anknüpfungspunkte für die Umsetzung des Projekts.

In der Sozialraumanalyse haben wir Informationen zu potentiellen ländlichen Standorten miteinander in Beziehung gesetzt, darunter unter anderem die Einwohnerdichte, der Anteil von Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung, ein Index zu ländlichen Räumen, jugendbezogene Angebotsstruktur sowie das rechtsextreme Gefährdungspotential im Sozialraum.

Zugleich waren wir aufsuchend tätig, haben also mit Kolleginnen und Kollegen der kommunalen Jugendbüros, mit Verantwortlichen und Engagierten vor Ort gesprochen und erste Bedarfe von Jugendlichen selbst erfahren. Wichtig waren uns auch Möglichkeiten, durch die Beteiligung von Jugendlichen und durch gute Zusammenarbeit mit lokalen Akteurinnen und Akteuren positiven Einfluss auf die demokratische Kultur des Gemeinwesens nehmen zu können. Die drei Orte haben sich am Ende als am geeignetsten herausgestellt, auch, um als Modellprojekt einen Vergleich machen zu können.

Was ist für Sie bei Ihrer Arbeit leitend?
Wichtig ist uns, gerade in der Zusammenarbeit mit unseren Partnerinnen und Partnern vor Ort, hier mal zu betonen, dass Dörfer entgegen dem Klischee nicht irgendwelche "abgehängten" oder zurückgebliebenen Räume sind, die eigentlich noch im Mittelalter stecken würden! Wir kommen nicht als fancy Bundes-Modellprojekt in den ländlichen Raum und wissen alles besser und machen dann alles ganz anders. Sondern wir kommen als Partnerinnen und Partner auf Augenhöhe und wollen mit den Leuten vor Ort da ansetzen, wo es total progressive Ansätze gibt und als Ergänzung genau diese pushen. Dann wird das auch was mit den demokratischen Jugendkulturdörfern!

Zwei besprühte Papp-Stücke mit den Worten "Have fun". Bild: stay#dorfkind
Bild: stay#dorfkind