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Islamistischer Extremismus – Was hilft Jugendlichen, sich abzuwenden?

Im Gespräch mit einem Forschungsteam der Frankfurt University of Applied Sciences, das frühe Distanzierungen junger Menschen von radikalen Islamauslegungen untersucht.

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Die Jugendzeit ist auch eine Phase der Sinnsuche, dabei können Jugendliche mit radikalislamischen oder gar extremistisch-islamistischen Strömungen in Berührung kommen. Viele wenden sich von diesen Strömungen früh wieder ab, zeigen Widerstandskraft. Was trägt dazu bei, dass sich junge Menschen nicht in diese Szenen verstricken? Dieser Frage geht das Forschungsvorhaben "Frühe Distanzierungen junger Menschen von radikalen Islamauslegungen – eine biografieanalytische Untersuchung" nach. Unter der Leitung von Prof. Dr. Michaela Köttig wird das auf drei Jahre angelegte Projekt von Michaela Glaser (Projektkoordination) und Susanne Johansson (wissenschaftliche Mitarbeit) an der Frankfurt University of Applied Sciences durchgeführt.

Seit 2019 gehen Sie mit Ihrer Forschung der frühen Distanzierungen junger Menschen von radikalen Islamauslegungen nach: Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse gab es zu dieser Zeit in dem Bereich?
Susanne Johansson: Als wir 2019 starteten, lagen durchaus zahlreiche Theorien und empirische Studien zu islamistischem Extremismus, seinen Erscheinungsformen und Ursachen vor, jedoch vergleichsweise wenig Forschung zu Distanzierungsprozessen. Insbesondere Verläufe von Personen, die sich in frühen Phasen der Hinwendung wieder distanziert haben, wurden kaum in den Blick genommen. Darüber hinaus lag wenig biografisch orientierte Forschung vor, die Hinwendungen und Distanzierungen im Kontext der gesamten Lebensgeschichte zu verstehen sucht. An dieser Lücke setzt unser Forschungsvorhaben an.

Was hat Sie dazu motiviert? 
Michaela Glaser: Es geht in der vorliegenden Forschung sehr stark um diejenigen, die tatsächlich ausreisen oder terroristische Straftaten begehen. Letztlich tut dies aber nur ein geringer Anteil der jungen Menschen, die mit islamistisch-extremistischen Strömungen in Kontakt kommen. Viele gehen nach einer zeitweisen Involvierung wieder andere Wege.

Indem sich die Forschung sehr auf diese extremen, gewalttätigen Verläufe fokussiert, trägt sie aber auch zu einer einseitigen Problemsicht auf junge Menschen und besonders auf junge Muslim*innen bei. Dem wollten wir zum einen etwas entgegensetzen, indem wir auch die Widerständigkeit vieler junger Menschen im Umgang mit diesen Phänomenen sichtbar machen.

Darüber hinaus sind solche Verläufe aufschlussreich für die Präventionsarbeit. Denn sie enthalten Antworten auf die Frage: Was befähigt und unterstützt junge Menschen, sich von diesen Strömungen abzuwenden? Was sich aus diesen Einsichten für die Fachpraxis ableiten lässt, wollen wir gemeinsam mit Akteuren und Akteurinnen aus der Praxis erarbeiten. Dafür arbeiten wir mit einem Praxisbeirat zusammen, in dem diverse von "Demokratie leben!" geförderte Projekte vertreten sind.

"Es geht in der vorliegenden Forschung sehr stark um diejenigen, die tatsächlich ausreisen oder terroristische Straftaten begehen. Letztlich tut dies aber nur ein geringer Anteil der jungen Menschen, die mit islamistisch-extremistischen Strömungen in Kontakt kommen. Viele gehen nach einer zeitweisen Involvierung wieder andere Wege."

Michaela Glaser, Projektkoordination

Wie und warum kommen Jugendliche mit radikalislamischen oder extremistisch-islamistischen Strömungen in Kontakt?
Susanne Johansson:  Viele dieser jungen Menschen – das zeigen auch unsere Zwischenergebnisse – finden zunächst aus Interesse an ihrer Herkunftsreligion, im Rahmen der Informationssuche "zum Islam" oder im Zusammenhang von adoleszenter Suche nach Sinn und Orientierung, nach Peer-Vergesellschaftung und Anerkennung oder in einer biografischen Krisensituation in realweltliche oder auch virtuelle extremistisch-islamistische Gruppen, ohne dass ihnen immer bewusst ist, dass dort extremistische Auslegungen des Islam vertreten werden. Hinzu kommt, dass bis vor einigen Jahren Netzangebote zum "Islam" vorrangig salafistisch geprägt waren und es kaum Alternativen der Informationsgewinnung gab. Dies hat sich erst langsam geändert. Dieser Umstand spielte bei verschiedenen unserer Interviewpartner*innen eine Rolle.

Insgesamt fällt in Bezug auf frühe Phasen der Hinwendung und der frühen Einbindung in islamistisch-extremistische Strömungen ins Auge, dass ideologische Motive häufig nur eine begrenzte, zum Teil auch keine Rolle spielen.

Was spricht die Jugendlichen an diesen Gruppen an? Was finden sie dort?
Michaela Glaser: Es gibt sehr unterschiedliche Gründe, warum sich junge Menschen von islamistischen Deutungs- und Zugehörigkeitsangeboten angesprochen fühlen. Die Suche nach Gemeinschaft kann ein Aspekt sein, ein weiterer ist die adoleszente Ablösung von der Familie. Die strenge Islamauslegung kann eine Strukturierungshilfe in schwierigen Lebensphasen bieten oder auch als alternativer Bildungsweg attraktiv werden, wenn formale Bildungskarrieren verschlossen sind. Die Kenntnis der religiösen Schriften bietet Anerkennung und Respekt in der Gemeinschaft.

Macht es hier einen Unterschied, ob sich junge Menschen in digitalen oder realen extremistischen Zusammenhängen bewegen?
Michaela Glaser: Die Rolle von "Online" ist nur begrenzt erforscht und es existieren hierzu unterschiedliche Befunde. Im Rahmen unserer Erhebung zeichnet sich ab, dass durch rein virtuelle Kontakte keine so starken Bindungen entstehen wie durch reale Vergemeinschaftungsformen.

Welche ersten Erkenntnisse gibt es darüber, warum sich junge Menschen von extremistischen Strömungen wieder abwenden?
Michaela Glaser: Wir sind aktuell in der Auswertung und können darum noch keine konkreten Schlüsse ziehen, es gibt aber erste erkennbare Dynamiken. Ganz allgemein: Wenn die Zughörigkeit zur islamistisch-extremistisch geprägten Gruppe ihre Funktion verliert, weil zum Beispiel Ablösung und Abgrenzung von der Familie erfolgt sind, kann eine Abwendung stattfinden. Wenn der Bruch mit anderen wichtigen Personen eingefordert wird, kann dies eine Distanzierung nach sich ziehen. Aber auch, wenn andere Angebote verfügbar werden, die für den jungen Menschen funktionaler sind. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn eine kritisch-hinterfragende Haltung oder der Wunsch nach alternativem Wissenserwerb mit autoritären Vorgaben der Gruppe kollidieren. Dann können etwa andere Auslegungstraditionen attraktiver werden. Eine große Bedeutung haben auch Personen außerhalb der Szene, die auf die Lebenssituation und religiöse Sinnsuche der jungen Menschen eingehen können.

Sie setzen sich mit Lebensläufen auseinander. Wie führen Sie so ein Interview durch?
Susanne Johansson: Vertrauen ist ein wichtiger Punkt! Wir haben die Fragen, zum Beispiel zum Forschungskontext und zum Datenschutz, zuerst persönlich am Telefon oder per Messengerdienst besprochen. Die Auswahl des eigentlichen Interviewortes war dann stets den Teilnehmenden überlassen. Aktuell sind wir natürlich auf Online-Interviews angewiesen. Bei der Ansprache unterstützten uns die Mitwirkenden in unserem Fachbeirat mit ihren Erfahrungen und ihren Kontakten.

Michaela Glaser: Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Praxis, beruflich oder privat in Kontakt mit den Jugendlichen stehen, waren hierbei sehr wichtig. Sie genießen bereits das Vertrauen, auf dem wir dann in der Kontaktaufnahme aufbauen konnten. Wichtig war eine wertschätzende, Grenzen der Jugendlichen akzeptierende und an ihren Bedürfnissen – unter anderem im Hinblick auf Anonymisierungsfragen – orientierte Haltung. Es darf nicht vergessen werden, dass sich die Erfahrungen in der Interviewsituation unter den Jugendlichen herumsprechen. Wir haben auch bewusst keine Vergütung gezahlt. Unsere Haltung ist hier, dass gerade ein biografisches Interview auch für die Teilnehmenden einen eigenständigen Wert haben sollte und kann. Dies wurde uns auch von unseren Interviewpartner*innen im Nachhinein regelmäßig so bestätigt.

Mittels der gewonnenen Erkenntnisse arbeiten Sie fachliche Empfehlungen für die Präventionsarbeit heraus: Wann werden die Forschungsergebnisse veröffentlicht?
Susanne Johansson: Wir führen eine anwendungsorientierte Forschung durch und werden die Erkenntnisse zuerst unserem Praxisbeirat vorstellen und sie mit ihm diskutieren und reflektieren. Daraus werden sich Handlungsempfehlungen ergeben, die wir im Laufe des nächsten Jahres einem Fachpublikum vorstellen, unter anderem auf Tagungen und in Publikationen. Das Projekt endet Mitte 2022.