Der Bildausschnitt eines Plakats zum Demokratie-Wunsch-Briefkasten zeigt viele bunte Hände.

Demokratie-Wunsch-Briefkasten im Mehrgenerationenhaus

Wie kann Demokratieförderung aussehen? Ein Demokratie-Wunsch-Briefkasten bringt in Celle Jung und Alt zusammen.

Pinselstrich

In Mehrgenerationenhäusern kommen verschiedene Generationen zusammen, ob in Erzählcafés, Spiel- und Sportgruppen oder in Computerworkshops. Sie bieten in vielen Städten ein Miteinander an und sind ein Ort für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Auseinandersetzung mit Demokratie nimmt in ihnen einen wichtigen Platz ein.

Seit April 2022 bringt das MehrGenerationenHaus Celle (MGH Celle) mit dem Demokratie-Wunsch-Briefkasten Menschen über ihre Demokratievorstellungen in den Austausch. Bei der Aktion können Interessierte ihre Demokratiewünsche auf einer Postkarte oder in einem Brief festhalten und in einen Briefkasten einwerfen. Der Austausch wird dann durch zwei Workshops begleitet. Außerdem geht der Briefkasten auf Wanderschaft und lädt unter anderem Schülerinnen und Schüler ein, eigene Gedanken zur Demokratie aufzuschreiben. Das gemeinsame Projekt des MGH Celle und des Seniorenstützpunkts wird durch die Partnerschaft für Demokratie in Celle gefördert.

Für das Team des Mehrgenerationenhauses kümmert sich Manuela Keil um den Briefkasten. Im Interview erzählt sie über erste Briefe, die Gespräche und das Verständnis von Demokratie.

Der Demokratie-Wunsch-Briefkasten stand bis Juni im Mehrgenerationenhaus und ist nun in der Albrecht-Thaer-Schule, berufsbildende Schule III in Celle. Wie war bisher die Resonanz auf das Angebot?
Obwohl die Aktion erst seit kurzem läuft, gibt es im Kasten schon interessante Rückmeldungen. Besonders spannend sind aber die Gespräche, die rund um den Demokratie-Wunsch-Briefkasten geführt werden. Ich denke, dass es in dieser schweren Zeit, in der die Menschen mit vielen Belastungen und Sorgen zu kämpfen haben, wichtig ist, den Austausch über Demokratie zu führen.

"Ich denke, dass es in dieser schweren Zeit, in der die Menschen mit vielen Belastungen und Sorgen zu kämpfen haben, wichtig ist, den Austausch über Demokratie zu führen."

Manuela Keil aus dem Team des MehrGenerationenHaus Celle

Welche Fragen und Anregungen gab es bereits durch den Demokratie-Wunsch-Briefkasten?
Die Eindrücke sind sehr verschieden und die Antworten in Gesprächen vielfältig und bunt – so bunt, wie die Demokratie heute gelebt und erlebt wird.

Während mehrere Jugendliche und junge Erwachsene äußerten: "Ich wünsche mir mehr Mitbestimmung und, dass die Älteren sich daran erinnern, dass sie auch mal jung waren" oder "Ich möchte meine Meinung frei äußern dürfen, ohne gleich in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden", gab es in Gesprächen von einigen Seniorinnen und Senioren Aussagen wie "Die Jugend soll mutig vorangehen und sich aktiv einsetzen, in dem sie ihr Recht auf Mitbestimmung wahrnimmt und für ihre sichere Zukunft kämpft".

Im Gespräch sagte eine 16-Jährige: "Na, ist es denn nicht schön, wenn die Demokratie zur Selbstverständlichkeit geworden ist?" Eine sehr interessante Sichtweise einer Jugendlichen, die in einer Demokratie aufgewachsen ist. Doch die gegenwärtige Weltpolitik, das Erleben von Beschränkungen persönlicher Rechte zum Schutz der Gesundheit, machen deutlich, wie wichtig es ist, über die demokratischen Rechte im Austausch zu bleiben. Einen der Workshops wird Referent Gerd Keil mit der Aussage "Demokratie ist nicht selbstverständlich!" gestalten.

Eine Postkarte von einer älteren Frau hat mich berührt: „Ich bin sehr interessiert und ich benötige erstmal ein paar Informationen, worum es hierbei geht. Bitte rufen Sie mich zurück.“ Ich tat dies und wir hatten ein aufmunterndes Gespräch. Sie sei zwar am Thema interessiert, wisse aber nicht so recht, was sie schreiben soll. Ich lud sie herzlich zu unserem Workshop ein, wo wir das Thema und den Wunsch nach Demokratie erarbeiten wollen.

Ziel ist nicht, so viel Post wie nur möglich zu erhalten, sondern dass wir die Demokratie ins Gespräch bringen und die Generationen verbinden, um in einer gesunden Streitkultur Meinungen auszutauschen und einander zuzuhören.

Wie kann Demokratieförderung in Mehrgenerationenhäusern gelingen, besteht denn ein Interesse am demokratischen Meinungsaustausch?
Ich denke, dass es gelingen kann, da es in den Mehrgenerationenhäusern einfacher scheint, mit den Besucherinnen und Besuchern von wiederkehrenden Veranstaltungen direkt ins Gespräch zu kommen und so Vertrauen aufzubauen, damit die Menschen sich für einen Austausch öffnen können und ihre Wünsche und Gedanken mit anderen teilen.

Viele Menschen, die in einer Demokratie groß geworden sind und keine Kriege erlebt haben, nehmen vieles als selbstverständlich. Aber das ist eben nicht selbstverständlich, wie wir gegenwärtig immer wieder erfahren. Da gibt es einen heftigen Rechtsruck und die Zunahme von Gewalt, Antisemitismus und Rassismus. Die Demokratie kann nur so gut sein, wie sie von uns allen mitgestaltet wird.

Wie kam die Zusammenarbeit zwischen dem Team des MGH und dem Team der Partnerschaft für Demokratie zustande?
Als Mehrgenerationenhaus und Seniorenstützpunkt setzen wir uns schon seit Jahren für das Thema Demokratie ein. Wir haben bereits ein Projekt mit "Demokratie leben!" umgesetzt: Eine Kunstaktion, bei der der Dialog über Migrationserfahrung und Kultur im Vordergrund stand, "Gepäck aus der Heimat – Heimat im Gepäck!"

Der Kontakt zum Team der Partnerschaft für Demokratie wurde unter anderem durch unseren Besuch der Demokratiekonferenzen aufrechterhalten.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, wie sollte eine Partizipations- und Demokratieförderung in Mehrgenerationenhäusern aussehen? Was braucht es dazu?
Ich wünsche mir für unsere Demokratie eine gesunde Streitkultur, in der die Menschen im friedlichen Miteinander – Füreinander da sind. Dass man dem anderen zuhört, was er zu sagen hat und gemeinsam nach Lösungswegen sucht.

Dass die Bildungsangebote und Lehrpläne in den Schulen mit mehr Unterrichtseinheiten für die deutsche Geschichte ausgebaut werden, um aus den Erfahrungen zweier Diktaturen, der des Nationalsozialismus und der DDR-Geschichte zu lernen. Es ist wichtig, dass die Geschichte mit Zeitzeugenarbeit verständlich gemacht werden kann, so lange dies noch möglich ist. Meine Erfahrungen zeigen, dass viel zu wenig über die DDR bekannt ist.

Gerd Keil sagt immer: "Wer in der Demokratie schläft, muss sich nicht wundern, wenn er in einer Diktatur aufwacht."

as Foto zeigt Manuela Keil mit zwei Besuchern und dem Demokratie-Wunsch-Briefkasten vor dem Mehrgenerationenhaus in Celle.
Tag der Nachbarn im Mai 2022: Vorstellung des Demokratie-Wunsch-Briefkastens mit Manuela Keil, Bild: MehrGenerationenHaus Celle

Veröffentlicht im Juli 2022