Ein Mann sitzt vor einem Mirkrofon.

15 Jahre Streetwork aus Leidenschaft

Streetwork schafft Begegnungen, sie hilft Menschen – egal, ob sie straffällig, drogenabhängig oder obdachlos geworden sind. Diese persönlichen Begegnungen sind nun in einem Podcast und einer Ausstellung erlebbar.

Pinselstrich

"Was bedeutet Streetwork für dich?" Diese Frage stellt Florian Nägele, Streetworker aus Friedrichshafen, seinem Klienten Thomas, den er seit 15 Jahren als Sozialarbeiter begleitet. Thomas antwortet, ohne lange nachzudenken, "bedingungslose Unterstützung". Sei es beim Umzug, bei Behördengängen oder um sich einfach alles einmal von der Seele zu reden – das Team um Florian Nägele aus Friedrichshafen unterstützt seine Klientinnen und Klienten in allen Lebenslagen über Jahre hinweg. Dabei entsteht ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Sozialarbeitenden und Klientinnen und Klienten.

"Durch den engen Bezug, den wir zu den Klientinnen und Klienten haben, war schon lange der Wunsch da, den Menschen aus dem Streetwork eine Stimme zu geben und diese in den Mittelpunkt zu rücken. Dabei sollten gerade die gemeinsamen Erfolge und Erlebnisse zwischen Sozialarbeitenden und Klientinnen und Klienten in den Vordergrund gerückt werden", berichtet Sebastian Hempel, von der Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie Stadt Friedrichshafen.

Die Koordinierungs- und Fachstelle ist bei der Arkade e. V. angesiedelt, die vor allem im Bereich der aufsuchenden Sozialarbeit tätig ist. Diese unterstützt Menschen in verschiedenen Lebenssituationen, bei unterschiedlichen Problemen und geht dabei auf die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen ein. "Wir kennen die Schattenseiten, aber auch die Sonnenseiten der Stadt. Es gibt einen engen Austausch zu den Kolleginnen und Kollegen aus dem Streetwork der Arkade. So entstand im Team die Idee, einen Podcast zum Thema Streetwork als Gemeinschaftsprojekt zu produzieren."

Von den Schattenseiten zurück ins Leben

In der so entstandenen Podcast-Reihe "Geschichten aus 15 Jahren Streetwork. Von den Schattenseiten zurück ins Leben" tauchen die Hörenden in die Welt der sozialen Arbeit und des Streetworks ein. Die Lebensgeschichten sind so individuell wie auch die einzelnen dahinterstehenden Schicksale. In sechs Folgen berichten nicht nur die Klientinnen und Klienten, sondern auch die Streetworkerinnen und Streetworker aus ihrer Lebenswelt.

Ein Mann sitzt vor einem Mirkrofon.
Vorbereitungen für eine Podcast-Aufnahme in den Räumlichkeiten der Arkade e. V., Bild: Arkade e. V.

So erzählt Streetwork-Urgestein Florian Nägele in der aktuellen Folge des Podcasts, wie er das Brüderpaar Thomas und Tobias über 15 Jahre begleitet hat und ihnen unterstützend zur Seite stand – von ihrer Kindheit in Gastfamilien über ihr Abrutschen in die rechte Szene, zwei Aufenthalte in Haft bis zur erfolgreichen Teilnahme am Aussteigerprogramm. Er half ihnen zurück in die Mitte der Gesellschaft.

Gleichzeitig berichten die beiden Brüder von ihren Kindheitserinnerungen, der Faszination für die rechte Szene, ihren Erlebnissen in Haft und was diese Zeit mit ihnen gemacht hat. "Zwischen meiner ersten und meiner zweiten Haft liegen Welten", erzählt Thomas. Er ist mittlerweile sechsfacher Familienvater und möchte, dass seine Familie nie wieder wegen seines Fehlverhaltens auf ihn verzichten muss.

"Die Sensibilisierung dafür, dass jedes Schicksal seine Gründe hat und dass es sich lohnt, hinter die Fassade zu schauen – das ist Ziel unserer Arbeit und des Podcasts."

Sebastian Hempel, Koordinierungs- und Fachstelle der Partnerschaft für Demokratie Stadt Friedrichshafen

"Die rechtsextreme Szene war in Friedrichshafen vor 15, 20 Jahren sehr ausgeprägt. Der niedrigschwellige Einsatz eines Streetworkers damals etwas Neues für die Region", sagt Sebastian Hempel. Im Podcast erinnert sich Florian Nägele, dass er damals versucht hatte, den Kontakt zu den Jugendlichen über gemeinsame Fußballspiele aufzubauen: "Es hat gleich menschlich gepasst. Ich habe dich gleich gemocht – so als Kumpel", sagt Thomas.

Der Podcast aus Friedrichshafen kommt gut an. "Gerade dass wir Menschen in den Mittelpunkt rücken können, die sonst selten zu Wort kommen, hat viele Zuhörende zum Nachdenken gebracht. Die Sensibilisierung dafür, dass jedes Schicksal seine Gründe hat und es sich lohnt, hinter die Fassade zu schauen – ist Ziel unserer Arbeit und des Podcasts", sagt Sebastian Hempel. Weitere Folgen sind in Planung, diese sollen auch über Friedrichshafen hinausgehen.

Aufklärung statt Verurteilung

Auch die Kunstausstellung "Gesicht zeigen" rückt die Lebensgeschichten von Menschen aus dem Streetwork in den Mittelpunkt: "Ich wurde mit eineinhalb Jahren, halb verdurstet, mit einer Überdosis Heroin, ins Krankenhaus eingeliefert" – so erschütternd beginnt hier eine aufgeschriebene Lebensgeschichte. Initiiert wurde die Ausstellung ebenfalls von der Partnerschaft für Demokratie Friedrichshafen im Herbst 2023.

"Hier haben wir mit Menschen aus dem Streetwork Gipsmasken erstellt und deren Lebensgeschichte in große Tafeln und mithilfe zweier Künstlerinnen in eine wunderbare Ausstellung verwandelt", berichtet Sebastian Hempel. Die Gipsmasken sollen dabei verdeutlichen, dass sich alle Menschen ähnlich sind – egal ob sie obdachlos, auf der Flucht oder in einem Heim aufgewachsen sind. Die kleinen Unterschiede, die jeder Lebensstil mit sich bringt, dürfen dabei nicht zu Abwertungen führen. Die Ausstellung steht für Respekt statt Mitleid – für Aufklärung statt Verurteilung. Sie wurde bereits über mehrere Wochen im Rathaus in Friedrichshafen gezeigt. Bei Interesse kann diese bei der Partnerschaft für Demokratie ausgeliehen werden.

Drei Tafeln mit Text an denen jeweils eine Gipsmaske hängt.
Ausstellung "Gesicht zeigen" im Rathaus in Friedrichshafen, Bild: Arkade e. V.

Lebensgeschichten von Menschen, wie die aus Friedrichshafen, findet man wohl an jedem Ort in Deutschland. Diese Menschen, die meist am Rande der Gesellschaft stehen, zu Wort kommen zu lassen, zeugt von Mut und Respekt ihnen gegenüber. Den Beteiligten geht es darum, Begegnungen zu schaffen, einander ernst zu nehmen und füreinander da zu sein, um diese Menschen zurück in die Mitte der Gesellschaft zu begleiten.


Veröffentlicht im Mai 2024