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Fachtag „Was tun gegen Hass im Netz!?“

Auf der Suche nach der goldenen Handlungsstrategie


18. Oktober 2019

Das Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) e. V. hat im September 2019 Wissenschaft und Fachpraxis aus dem Bundesprogramm „Demokratie leben!“ zu einem Fachtag nach Berlin eingeladen. Im Mittelpunkt stand der Austausch über Handlungsstrategien gegen Hass im Netz. Welche Möglichkeiten der Prävention von Hass im digitalen Raum gibt es?

„Hassrede beeinträchtigt die freie Meinungsäußerung im Netz.“ Das ist eines der zentralen Ergebnisse einer Online-Befragung, die unter dem Namen „Hass im Netz: Der schleichende Angriff auf unsere Demokratie“ im Mai 2019 veröffentlicht wurde. Etwa die Hälfte der 7349 befragten Internetnutzerinnen und -nutzer gibt an, sich in Reaktion auf Hassrede im Internet seltener zu ihrer politischen Meinung zu bekennen (54 %) und sich seltener an Diskussionen im Netz zu beteiligen (47 %).

Seit 2017 erproben verschiedene im Bundesprogramm „Demokratie leben!“ geförderte Modellprojekte sowohl Strategien zum Umgang mit toxischen Online-Phänomenen als auch Handlungsansätze zur Stärkung der digitalen Zivilgesellschaft. Susanne Johansson ist Projektverantwortliche der Fachtagung und betreut die wissenschaftlichen Begleitung des Themenfeldes „Stärkung des Engagements im Netz - gegen Hass im Netz“ am ISS. Sie sagt:

„Die pädagogische, jugend- und erwachsenbildnerische sowie sensibilisierende Befassung mit Hate Speech und mit extremistischer Propaganda im Netz ist vergleichsweise neu. Die Fachpraxis hat daher ein großes Interesse am Austausch untereinander, aber auch mit der Wissenschaft. Der Wissenstransfer steht hier im Mittelpunkt und der Wunsch, Impulse für die eigene Arbeit mitnehmen zu können. DIE eine Lösung gegen Hass im Netz und für Radikalisierungsprävention gibt es leider nicht. Es bedarf eines flexibel einsetzbaren und individualisierbaren Bündels an Strategien.“

„Es gibt keine Pauschallösungen“

Das bestätigt auch Prof. Dr. Marc Ziegele, Juniorprofessor für politische Online-Kommunikation an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf auf der Konferenz:

„Es gibt keine Pauschallösungen: Unterschiedliche Stile von Gegenrede haben spezifische Wirkungen auf Anstand und Argumentationsweisen in der Anschlussdiskussion. Dabei sollte erfolgreiche Gegenrede ein Mindestmaß an Respekt und Rationalität aufweisen, um zu wirken.“

Online-Diskussionen in Kommentarspalten bestehen nicht nur aus Hass und Hetze. Eine Reduzierung von Unhöflichkeit sei aber dennoch erstrebenswert, da sie negative Wirkungen auf Leserinnen und Leser, Diskussionsteilnehmerinnen und Diskussionsteilnehmer habe. Die gute Nachricht: Gegenrede hilft. Ziegele konnte in seinen Forschungsergebnissen eine sichtbare Wirkung von Aktivistinnen und Aktivisten, Redaktionen und auch von „normalen“ Nutzerinnen und Nutzern auf Höflichkeit, respektvollem Umgang und Rationalität in den Folgediskussionen nachweisen.

Modellprojekte für verschiedene Versionen der Gegenrede - zwei Beispiele

Digitale Medien durchdringen einen beträchtlichen Teil des Alltags – und mit ihnen potentiell auch manipulative Informationen, Hassbotschaften und demokratiefeindliche bzw. extremistische Propaganda. Was sagen Leitende von Modellprojekten nach zweieinhalb Jahren Erprobung von Handlungsstrategien gegen Hassrede?


Salam2you setzt auf Vielfalt

Michèle Leaman ist Projektleiterin von Salam2you. Das Modellprojekt bringt Jugendliche und junge Erwachsene in Medien-Workshops zusammen, um gemeinsam Inhalte in verschiedenen Formaten zu erstellen und auf Social Media zu posten. Ziel ist, so besser ins Gespräch mit Radikalisierungsgefährdeten zu kommen.  Leaman und ihr Team konnten feststellen, dass die Vielfalt in der Zusammensetzung dieser Gruppen ausschlaggebend war für den erfolgreichen Verlauf des Projekts:

„Eine Haupterkenntnis ist sicherlich, dass die pädagogische Offline-Arbeit mit den Jugendlichen - sie also sehr partizipativ in die Konzeptionsphase von Medienformaten für die Zielgruppe radikalisierungsgefährdeter junger Menschen einzubeziehen - sehr gut geklappt hat.“

Ihre Ideen und ihre kreativen Ansätze in Kombination mit unterschiedlicher Herkunft, Glauben und Erfahrungen hätten sehr viel mehr zur Entwicklung von guten medialen Inhalten beigetragen, als das Projektteam sich anfangs erhofft hatte.

Das bestätigt auch Susanne Johansson vom ISS:

„In vielen Modellprojekten wurde intensiv pädagogisch und offline mit Jugendlichen gearbeitet, um z.B. jugendgerechte Inhalte in Form alternativer, demokratischer Narrative und Gegenbotschaften gegen Hate Speech und extremistische Propaganda zu entwickeln. Dies entspricht wissenschaftlichen Erkenntnissen, die besagen, dass es von Bedeutung ist, die Arbeit mit und zu medialem Inhalt immer auch pädagogisch einzubetten.“


Das No Hate Speech Movement fördert hilfreiche Kompetenzen

Ellen Wesemüller, Projektleiterin des No Hate Speech Movements bei den neuen deutschen medienmacher*innen, war für das Modellprojekt „No Hate Speech Movement 2018/2019“ vor Ort. Das Projekt ist das erste im deutschsprachigen Raum, das sich mit Hassrede gegenüber Medienschaffenden auseinandersetzt. In einer Erhebung des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung sagten 67 Prozent der Journalistinnen und Journalisten, dass Hassrede gegen sie zunehme - rund die Hälfte von ihnen fühlt sich davon belastet. Rund ein Viertel ist dadurch auch in der Arbeit beeinträchtigt. Trotz dieses hohen Anteils haben die wenigsten Medienhäuser hierzu Richtlinien für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeitet.

„Wir sind Experten. Als Journalistinnen und Journalisten kennen wir uns mit dem redaktionellen Berufsalltag aus,“ kommentiert Wesemüller. „Eines unserer Hauptanliegen ist es daher, Medienschaffende zu befähigen, souverän und kompetent mit Hass und Hetze umzugehen und wirkungsvoll dagegen zu agieren. Sie sollen in der Lage sein, konkrete Leitfäden für ihre Redaktionen zu entwickeln, mit denen sie gegen Hassrede gegen sich selbst und ihre Publikationen vorgehen können. Dafür gehen wir in die Redaktionen und führen Workshops durch.“

Bereits 2017 wurde durch die neuen deutschen medienmacher*innen ein Leitfaden zum Umgang mit Hass herausgegeben. Der wird aktuell weiter entwickelt und soll im Oktober 2019 in dritter überarbeiteter Auflage veröffentlicht werden.

 

Die ISS-Fachtagung gab die Möglichkeit - im Zusammenspiel von wissenschaftlichen Inputs und Impulsen aus der Modellprojektpraxis - gewonnene Erkenntnisse zu reflektieren und zukünftige Herausforderungen im Handlungsfeld auszuloten.

Prof. Dr. Marc Ziegele von der Universität Düsseldorf ermutigt in seinem Vortrag zum Durchhalten:

„Man muss viel Ausdauer mitbringen. Gegenrede wirkt also nicht automatisch und ‚zaubert‘ sofort eine zivilisierte und sachliche Diskussion.“

Aufgabe sei es, mehr Nutzerinnen und Nutzer zur Gegenrede zu motivieren: Vor allem durch eine Stärkung des Verantwortungsgefühls, der Vermittlung relevanter Schreibfertigkeiten und durch die Demonstration der Wirksamkeit der Gegenrede.