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Am 31. Januar 2018 besuchte der Holocaust-Überlebende Ben Lesser das Anne Frank Zentrum in Berlin. Er sprach dort unter anderem mit einer Schulklasse und mit dem Direktor des Zentrums, Patrick Siegele.

[Man sieht Ben Lesser, wie er am Anne Frank Zentrum in Berlin ankommt. Er begrüßt Patrick Siegele.]

[Einblendung einer Interview-Frage: Herr Lesser, warum ist es von so großer Bedeutung, unsere Demokratie zu schützen und über die Vergangenheit aufzuklären?]

Ben Lesser:

[aus dem Englischen übersetzt]

Wenn man nicht will, dass sich die Vergangenheit wiederholt und dass es in der Welt wieder einen Holocaust gibt, dann muss man darüber reden.

 

Und dem habe ich mein Leben gewidmet, einfach weil die meisten Menschen darüber nicht reden können. Es schmerzt mich auch, aber jemand muss es tun. Und ich denke, es ist sehr, sehr wichtig, dass die Jugendlichen heute genau wissen, was passiert ist und wie es dazu kam.

 

All dieser Hass. Wenn man hasst, dann passieren diese Dinge. Es ist kein großer Schritt vom Hassen zum Töten. Das haben wir im Nationalsozialismus gesehen. Denn die Nazis haben nicht angefangen, indem sie getötet haben – es begann mit Hass. Und als sie erst einmal mit dem Hassen begonnen hatten, fiel es ihnen leicht zu töten. Und wir müssen den Hass stoppen.

 

Deshalb habe ich dieser Sache in den letzten 25 Jahren mein Leben gewidmet. Und deshalb habe ich die Zachor Holocaust Remembrance Foundation ins Leben gerufen. Weil ich nicht will, dass die Welt vergisst. Ich will, dass sie sich erinnert. Und dieser kleine Anstecker hier macht einen Unterschied. Es gibt davon eine halbe Million Stück, was bedeutet, dass eine halbe Million mir zugehört haben. Ich gebe sie allen meinen Zuhörern.

 

[Einblendung einer Interview-Frage: Wie hat es sich angefühlt, mit Ihrer Familie über Ihre Erfahrungen zu reden?]

Ben Lesser:

[aus dem Englischen übersetzt]

Es hat sich gut angefühlt, offen darüber zu reden. Sie waren ja keine kleinen Kinder mehr, sondern Erwachsene. Ich wollte, dass sie meine Geschichte kennen. Ich begann dann auch, die Dinge aus meiner Vergangenheit aufzuschreiben. Und sie den nachfolgenden Generationen zu hinterlassen.

 

[Einblendung einer Interview-Frage: Herr Siegele, was nehmen Sie aus Begegnungen wie dieser mit Herrn Lesser für sich und Ihre Arbeit mit?]

Patrick Siegele:

Mir persönlich geht es immer so, dass wenn die Zeitzeugen berichten, ich wieder ganz genau weiß, wieso ich diesen Job mache und wieso es Organisationen wie das Anne Frank Zentrum braucht. Wir sind es einerseits den Überlebenden der Shoah schuldig, ihre Geschichten zu erzählen, ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst zu berichten, an sie zu erinnern. Und von daher ist jede Gelegenheit, einen Menschen wie Ben Lesser zu treffen, mit ihm zu sprechen, eine tolle Chance, eine großartige Möglichkeit, um die ich immer wieder neu dankbar bin. 

 

[Einblendung einer Interview-Frage: Was können die Schülerinnen und Schüler aus den Gesprächen mit Zeitzeugen wie Ben Lesser mitnehmen?]

Patrick Siegele:

Wir merken ja auch als Anne Frank Zentrum, dass es Schülerinnen und Schülern viel leichter fällt, wenn es eine konkrete, persönliche Geschichte ist. Eine Biographie, über die sie sich dann der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust nähern können. Die Geschichte der Shoah ist ja so schwer begreifbar. Die Zahl von sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden, das ist für Schülerinnen und Schüler eben oft nur eine Zahl, mit der sie wenig anfangen können.

 

Geschichten wie die von Anne Frank oder eben wie die von Ben Lesser, die wir heute kennengelernt und gehört haben, zeigen den Schülerinnen und Schülern: Es waren Menschen, die von der Shoah betroffen waren. Das ist ein kein abstrakter Antisemitismus gewesen, es war kein abstraktes System. Sondern die Politik und auch die gesellschaftlichen Veränderungen von damals hatten eine ganz konkrete Auswirkung auf das Leben von einzelnen Menschen.

 

Und das muss man immer wieder deutlich machen. Und ich glaube, das ist auch, was Jugendliche dann leichter auch in die Gegenwart bringen können. Entscheidungen, die von Menschen getroffen werden, haben einen Einfluss auf andere Menschen: Und das kann man immer wieder und muss man immer wieder neu vermitteln.

 

[Einblendung einer Interview-Frage: Welche Bedeutung haben die Zeitzeugen-Gespräche für das Anne Frank Zentrum?]

Patrick Siegele:

Wir arbeiten ja laufend und immer wieder mit verschiedenen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, also Überlebenden der Shoah. Und wir tun dies einerseits, um die Geschichte begreifbar zu machen. Wir haben einerseits das Tagebuch der Anne Frank, das also als ein universelles Dokument Jugendlichen einen Zugang zur damaligen Geschichte bietet.

 

Und ähnlich ist es dann eben auch mit Zeitzeugen, die ihre persönliche Geschichte erzählen, und die Jugendlichen dann auch feststellen: Dieser Mensch ist oft mehr als nur, unter Anführungszeichen, ein Überlebender des Holocaust. Sondern er kann von einer ganz normalen Kindheit erzählen. Vielleicht hat Ben Lesser auch Fußball gespielt, ist gern zur Schule gegangen und andere Dinge, mit denen sich dann Jugendliche identifizieren können oder zumindest eine Beziehung zu ihrer Lebenswelt herstellen können. Und so wird die Geschichte für sie auch emotional begreifbarer, und sie finden einen Zugang dazu. Und das ist, wieso wir eben mit Zeitzeugen arbeiten, solange es noch möglich ist und solange es geht.

 

Wir sind ja einer der geförderten Träger im Bundesprogramm „Demokratie leben!“. Und unser Themenschwerpunkt ist historisch-politische Bildung und Arbeit gegen Antisemitismus. Wir verbinden also das historische Lernen damit, sich auch mit Antisemitismus heute zu beschäftigen. Es ist ein Irrglaube zu denken, 1945 nach Ende des Zweiten Weltkrieges war es mit dem Antisemitismus vorbei. Natürlich nicht. Es gab Kontinuitäten, es gibt Kontinuitäten bis in die Gegenwart.

 

Und deswegen ist es so wichtig, vor dem Hintergrund der Geschichte sich immer wieder zu verdeutlichen, dass es Antisemitismus noch gibt. Dass auch heute noch Menschen in ihrem Alltag und immer wieder davon betroffen sind. Und dass die gesamte Gesellschaft gefragt ist, etwas dagegen zu tun. Und wir tun das im Rahmen von „Demokratie leben!“ mit unseren Ausstellungen, mit unseren Bildungsprogrammen, mit denen wir Tausende von Schülerinnen und Schülern in ganz Deutschland erreichen.

 

[Einblendung einer Interview-Frage: Warum ist es heutzutage so ungemein wichtig, die Erinnerungskultur zu bewahren?]

Patrick Siegele:

Ich finde, diese Frage nach dem Vergessen oder dem Erinnern ist eine Frage, die sich zum Beispiel die Opfer des Holocaust oder auch deren Nachfahren nicht stellen können. Die Geschichte ist für sie im Alltag präsent. Deswegen finde ich, diese Frage an sich stellt sich für viele Menschen gar nicht, weil sie immer noch an den Folgen des Holocaust leiden tatsächlich. Und ich bin davon überzeugt, dass wir die Gesellschaft, so wie sie heute funktioniert, nicht verstehen können, wenn wir uns nicht auch mit der Geschichte beschäftigen. Und dass wir heute Menschenrechte wahren, dass wir heute einen Rechtsstaat haben, eine funktionierende Demokratie, ist auch eine Folge der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur. Also von daher gibt es für mich eigentlich keine Gegenwart ohne Geschichte.

 

[Man sieht Herrn Lesser mit anderen Personen im Kreis stehend. Sie nehmen sich an den Händen und sprechen zusammen nach, was Ben Lesser sagt.]

Ben Lesser:

[aus dem Englischen übersetzt]

Nie wieder.

Ben Lesser:

Nie wieder.

Ben Lesser:

[aus dem Englischen übersetzt]

Danke!