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Ein Beitrag aus der ersten Förderperiode 2015 - 2019

Prävention im Verbund

Die rechtsextreme Szene macht nicht an den Ländergrenzen halt. In Norddeutschland arbeiten deshalb fünf Bundesländer zusammen. Das Couragiert-Magazin hat zwei Netzwerkerinnen getroffen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Couragiert-Magazin. Nähere Informationen finden Sie unter www.couragiert-magazin.de.

Die Hansestadt Bremen und Mecklenburg-Vorpommern haben auf den ersten Blick nicht wirklich viel gemeinsam. Doch sind sie sich näher, als viele denken. Besonders, was den Einsatz für Demokratie angeht. Im Nordverbund, einem Zusammenschluss aller fünf norddeutschen Bundesländer, helfen sie beispielsweise beim Ausstieg aus der rechtsextremen Szene.

„Die Idee entstand vor eineinhalb Jahren“, erinnert sich die Leiterin der Landeskoordinierungsstelle in Mecklenburg-Vorpommern, Ute Schmidt. Im Norden der Republik gab es das Bedürfnis eines stetigen Austauschens über den Umgang mit Neonazis. 2014 hat es die ersten drei Treffen gegeben. Im ersten Schritt habe man sich auf eine Kooperation in der Ausstiegs- und Distanzierungsarbeit verständigt, die von der Braunschweiger Arbeitsstelle Rechtsextremismus und Gewalt – kurz ARUG – übernommen wird.

Heißer Draht

Neben der fachlichen Diskussion und der Frage, was gute Ausstiegsarbeit ausmacht, verständigen sich die Landeskoordinatorinnen und -koordinatoren über aktuelle Probleme und Projekt­vorhaben in den Ländern. Jedem Treffen wird ein inhaltlicher Schwerpunkt gegeben, in den ein Experte einführt.

Im Alltag habe man zudem sehr kurze Wege geschaffen. „Wir telefonieren ganz oft miteinander, sei es wegen der Bewertung von rechtsextremen Vorfällen oder zu Fortbildungsinhalten“, erklärt Ute Schmidt. Ihre Kolleginnen und Kollegen interagieren in der praktischen Arbeit ohnehin ständig mit Hamburg, Niedersachen und Co. Die Verzahnung ist auch ein Türöffner für die Absprache mit den eigenen staatlichen Institutionen. Man wisse oft schon vorher, was geht und was nicht. Der Austausch mit anderen Ministerialen sei eine gute Vorbereitung, um überzeugend zu sein.

Zu Gute kam den Initiatoren des Nordverbundes, dass sich viele Projekte und die mobile Beratung bereits regelmäßig im Schleswig-Holsteinischen Mölln trafen, um länderübergreifend Strategien zu entwickeln. Die Landeskoordinatorinnen und -koordinatoren sind dazu gestoßen, um die Partnerschaft weiterzuentwickeln.

Ein erster Versuch

Der Verbund gibt all diesen Kontakten ein festes Fundament. „In der Ausstiegsarbeit sind wir sehr eng verflochten – auch finanziell“, informiert Schmidt. Jedes Bundesland steuert einen gewissen Teil bei, je nachdem, welchen Bedarf es gibt. Der eine hatte schon vorher ein eigenes Ausstiegsprojekt, die anderen nicht. Hinzu kommt, dass jedes Land eine andere Entwicklung genommen hat und unterschiedlich stark betroffen ist. Die Lage in Bremen oder Hamburg sei eine andere, als die in der NPD-Hochburg Mecklenburg-Vorpommern.

„Das ist nicht nur für die ARUG eine Herausforderung, sondern auch für uns“, beteuert Ute Schmidt. Die Administration funktioniere auch dank des guten Kontaktes zur Regiestelle, macht die 56-jährige Schwerinerin deutlich. Der Nordverbund wird seit 2014 vom Bundesfamilienministerium gefördert. Zunächst im Rahmen von „TOLERANZ FÖRDERN – KOMPETENZ STÄRKEN" und mit Beginn des neuen Jahres durch das Bundesprogramm „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“.

Es sei gut, dass die Programme das überhaupt zulassen, sagt Schmidt. „Verbundprojekte bedeuten immer auch ein hohes Maß an Abstimmung und die Erprobung neuer Abläufe. Dabei muss man sich eine gewisse Fehlerfreundlichkeit zugestehen und immer wieder unaufgeregt miteinander beraten.“ Das Netzwerk der Nordländer ist ein erster Versuch, den es so noch nicht gab. Doppelte Strukturen würden in vielen Bereichen aber auch gar keinen Sinn machen – weder inhaltlich, noch finanziell.

Im gleichen Boot

Diese Einschätzung teilt auch die ARUG. Aus Sicht von Caroline Paeßens ist der Ausstieg kein so großes Thema, dass es in jedem Bundesland ein eigenes Projekt brauche. Das Team bringt auch das notwendige Know-how mit. „Wir warten jedenfalls nicht, bis das Telefon klingelt“, erklärt sie die Kontaktaufnahme zu Ausstiegswilligen. „Unser Ziel muss sein“, so Paeßens, „dass eine Aussteigerin/ein Aussteiger am Ende nicht immer noch sein Kreuz bei der NPD macht“. Deshalb müsse man zuvorderst bei der Ideologie ansetzen.

Glücklich über die Zusammenarbeit ist auch Kristina Weitz von der Bremer Beratungsstelle „Pro aktiv gegen rechts“. „Unsere Ausstiegsarbeit war lange ehrenamtlich geführt“, macht sie bewusst. Die Braunschweiger Arbeitsstelle glänze mit unheimlichem Fachwissen und Erfahrungsreichtum, der nicht überall vorhanden war. Der Prozess eines Ausstiegs könne immer auch größere Dimensionen annehmen, für die es echte Profis braucht, so Weitz.

„Die angrenzenden Länder sind einem ja immer etwas näher.“ Dieses Denken habe sich durch den Nordverbund erweitert. Der Austausch läuft auf einer ganz praktischen Ebene: „Wir sitzen alle in einem Boot, weil der Rechtsextremismus nicht an den Landesgrenzen haltmacht“, bemerkt Weitz.

Soko „Demokratie“

Der Gewinn des Netzwerkes strahlt auch auf andere Bereiche aus. Inzwischen existieren länderübergreifende Bürgermeister-Bündnisse. „Da sind wir gar nicht mehr so stark involviert.“ Es hat auch schon Vorfälle gegeben, an denen mehrere Länder mitgearbeitet haben, um schnell eine Lösung herbeizuführen – streng genommen ein Soko „Demokratie“.

Der Erfolg kommt nicht von ungefähr. „Diese Art von Patchwork müssen alle Beteiligten wollen“, weiß Kristina Weitz. „Es funktioniert nur, wenn man immer wieder miteinander in die Bütt steigt.“ „Und es liegt auch sehr daran, ob man eben ein Netzwerker ist oder nicht“, bekräftigt die junge Frau. Das sind oft ganz persönliche Beziehungen, die aus engem Vertrauen heraus entstanden sind – ein sehr kollegiales Verhältnis. Man habe sich über die Jahre kennen und schätzen gelernt.

Der Nordverbund ist für seine Mitglieder auch ein notwendiger Qualitätssprung im „Kampf gegen rechts“. Er trägt zum Beispiel dazu bei, dass man seine Angebote vernünftig darstellen muss, was aber auch heißt, alles auf den Tisch zu legen und Lücken zuzugeben. Im Ergebnis führt es dazu, dass Standards abgesprochen und vereinbart werden. „Andere Professionen haben ganz von selbst hohe Ansprüche“, erläutert Weitz.

Frage nach Optimierung

Obendrein führt es zur Absicherung der eigenen Beratungsangebote und eröffnet die Möglichkeit zur Fortbildung aller Mitarbeiter. Dafür müsse nur genügend Zeit eingeplant werden. Die Ergebnisse sind offensichtlich: „Schon allein die Bewertung professionalisiert sich, wenn ich sehe, wo die Neonazis überall herkommen“, sagt Weitz. Man könne so ein sehr viel klareres Bild skizzieren. Selbst der Aufbau neuer Projekte erfolge mit Erfahrungen der anderen Länder.

Die Netzwerkpartner aus Bremen und Mecklenburg-Vorpommern sehen eine große Chance darin, wenn junge Projekte solche Aspekte bereits im Entstehen bedenken und aushandeln. Wenn sie sich gegenseitig erzählen müssen, was sie vorhaben, „drängt sich die Frage nach Optimierung auf“. Diese Diskussionen haben auch den alten Hasen einiges abverlangt. Das Gute ist aber, dass sich alles in der Gruppe klärt. Nichtsdestotrotz ist das eigentlich anstrengende immer die Terminabstimmung, lachen beide. Gut, wenn es dabei bleibt.

Autor: Tom Waurig