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Dialog macht Schule im Interview

„Die Kids sind nicht unpolitisch. Sie haben nur andere Codes.”

„Demokratie leben!“ im Gespräch mit Dialog macht Schule über Demokratiearbeit an Schulen

Was sind denn die Topthemen bei den Kids?

Reina Maria Nerlich: Topthemen sind auf jeden Fall Liebe und Beziehung, natürlich dem Alter der Jugendlichen geschuldet (lacht). Es ist ein sehr dankbares Thema, weil man gesellschaftspolitische Themen wie Geschlechterrollen, Vorstellungen von Beziehungen und Diversität von Lebensformen anschließen kann. Da kann man als Dialogmoderatorin sehr gut andere Blickwinkel aufzeigen. In meiner Gruppe hatten wir das Thema Partnerschaft und Kinder. Die Kids hatten eine ganz klare Haltung dazu: erst Ehe, dann Kinder. Ich konnte hier gut meine eigenen Vorstellungen reinbringen, dass ich mir auch Kinder vor der Ehe vorstellen könnte. Ich nenne es „provozieren auf sanfte Art“.

Ergaben aus der Arbeit längerfristige Projekte, die nachwirken?

Reina Maria Nerlich: Schülerinnen und Schüler einer Kreuzberger Schule hatte das Thema „Kiez“ rund um das Kottbusser Tor, auch „Kotti“ genannt. Das ist ein biografischer Ansatz: Es ging um ihre eigene Wahrnehmung und welche Bedeutung der Ort für sie hat. Das setzten sie in Kontrast mit der öffentlichen Meinung und dem Bild, welches in den Medien über den „Kotti“ herrscht und verknüpften das mit ihren Wünschen an den Kiez. Der daraus entstandene Kurzfilm wird die Jugendlichen langfristig begleiten, denn sie haben sich fast ein Jahr sehr intensiv mit ihrem Lebensraum auseinander gesetzt.

Hassan Asfour: Grundschulkinder haben eine Demo gegen Rassismus in Berlin-Neukölln organisiert. Dafür wurden extra Straßen gesperrt und die Menschen haben aus den Fenstern geschaut. Diese Selbstwirksamskeiterfahrung zu machen ist ganz wichtig: Sie werden für etwas Positives wahrge-nommen, und fallen nicht durch negatives Handeln auf. Oder Schülerinnen und Schüler haben die Ausstellung „Meine Kiezgeschichte“ im Friedrichshain-Kreuzberg Museum organisiert. Raed Saleh, der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD war auch da. Wenn die Kids so viel Öffentlichkeit bekommen, merken sie, dass sich jemand für sie und ihr Handeln interessiert. Bei solchen Erfahrungen denke ich: Cool, es war hart, aber es hat sich gelohnt und es prägt sie.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit Schulen und Lehrpersonal? Kommen die Schulen auf Sie zu?

Hassan Asfour: Da mussten wir wie bei den Trägern auch zu Beginn erst mal Klinken putzen gehen und erklären, was wir tun. Es ist ja ein ganz sensibler Bereich. Die Schulleitung und Lehrpersonal wollen natürlich wissen, was wir mit den Kindern machen. Wir müssen zuerst das Vertrauen von Schulleitung und Lehrpersonal gewinnen. Aber wir hatten starke Unterstützung durch das Neuköllner Bezirksamt in Berlin als unsere jetzige Bundesfamlilienministerin Frau Dr. Giffey dort noch Stadträtin für Bildung war. Sie hat die Schulleiter zusammen gebracht und zweimal bei uns in den Dialoggruppen hospitiert. Dabei haben wir gelernt, dass unsere Arbeit unbedingt im Einverständnis mit der Schulleitung sein muss, sonst funktioniert es nicht. Wir sind keine Konkurrenz für das Lehrpersonal, sondern wir unterstützen mit einer anderen Funktion. Ein schönes Zeichen ist, wenn Lehrerinnen und Lehrer mit dabei sein wollen, weil sie Interesse an der Arbeit haben und einige das als eine Art Weiterbildung verstehen.

 

Wir sind keine Konkurrenz für das Lehrpersonal, sondern wir unterstützen mit einer anderen Funktion.

 

Gab es Ereignisse in den letzten vier Jahren, wo Sie dachten, das lief jetzt wirklich nicht gut?

Hassan Asfour: Ja klar, mehrere (lacht). Ein Punkt ist zum Beispiel, wenn sie an der Schule nicht alle Akteurinnen und Akteure mitnehmen. Dialog macht Schule funktioniert nicht, wenn man gegen der Willen von Lehrpersonal oder Entscheidungsträgerinnen und –trägern agiert. Und was auch nicht immer geklappt hat: Der Aufbau und die Umsetzung von Dialog macht Schule an einigen Standorten. Wahrscheinlich gab es unterschiedliche Erwartungen und der Rahmen war nicht für alle geklärt. Das führte am Ende dazu, dass wir uns von Trägern wieder trennen mussten.

Hat sich das Selbstverständnis von Dialog macht Schule seit 2015 geändert und wenn ja, inwiefern?

Hassan Asfour: Wir hatten schon beim Aufbau der Organisation 2012 eine Vision: Wir möchten etwas bewegen und verändern. Wir sind vier Jahre nach der Aufnahme in das Bundesprogramm „Demokratie leben!" und unseren Erfahrungen in den sieben Jahren als Organisation, ein Kompetenzzentrum für die Themen Qualifizierung und Beratung im Bereich politische Bildung und Demokratiebildung im Kontext Schule geworden. Die von uns entwickelten bundesweiten Standards in der Arbeit an Schulen geben wir jetzt im Sinne eines Multiplikations- und Nachhaltigkeitseffekts in verschiedenen Angeboten wie Workshops, Projektentwicklungen und-beratungen, sowie Konzepterstellung weiter.

 

Vielen Dank für das Interview.

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Dialog macht Schule in der Strukturentwicklung zum bundeszentralen Träger

Das 2013 aus einem Modellprojekt entstandene Sozialunternehmen Dialog macht Schule entwickelt Workshops und pädagogische Konzepte im Bereich der Demokratie- und interkulturellen Bildung. Zwei Jahre lang gehen Dialogmoderatorinnen und Dialogmoderatoren an Schulen in sozial-räumlich schwieriger Lage. Dort unterstützen sie die Entwicklung sozialer und demokratischer Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern, um ihnen eine stärkere gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Seit 2015 ist Dialog macht Schule in der Förderung der Strukturentwicklung zum bundeszentralen Träger des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, um eine bundesweit tätige Infrastruktur zu fördern, die fachliche Unterstützung durch Expertinnen und Experten ermöglicht und erfolgreiche Arbeitsansätze weiterentwickelt. Im Rahmen eines kontinuierlichen Dialogs und Kooperation tragen die bundeszentralen Träger dazu bei, die thematischen Schwerpunkte des Programms weiterzuentwickeln und neue, aktuelle Herausforderungen zu identifizieren und zu bearbeiten.